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Westliche Sanktionen : Russisches Risiko

Putin am 9. Mai 2022, dem Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland, bei einer Parade auf dem Roten Platz in Moskau. Bild: via REUTERS

Der Ölpreisdeckel allein wird die russische Wirtschaft nicht erschüttern. Doch in Deutschland herrschte schon mit Blick auf die Geschichte der Sowjetunion und angesichts der schieren Größe des Landes lange die Neigung, Russland in jeglicher Hinsicht zu überschätzen.

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          Der Verfall des Ölpreises gilt für zahlreiche Experten als eine Ursache des Untergangs der Sowjetunion. Da die schwache Binnenwirtschaft nicht in der Lage war, der Bevölkerung ein ansprechendes Konsumniveau zu sichern, war die Sowjetunion auf Einfuhren westlicher Güter angewiesen, die sie mit Exporterlösen aus dem Verkauf von Erdöl finanzierte. Als dieses Geschäftsmodell zusammenbrach, kollabierte das gesamte Riesenreich.

          Sehr wahrscheinlich wird die Entscheidung des Westens, gegen Russland ein Ölembargo und einen Ölpreisdeckel zu verhängen, keine vergleichbare Wirkung erzeugen. Dafür ist diese Politik zu halbherzig angelegt, denn sie will einerseits Russland die Ausfuhren erschweren, andererseits soll aber auf dem Weltmarkt kein Mangel an Erdöl spürbar werden, der den Preis für die Verbraucher im Westen deutlich verteuert. Ob es überhaupt gelingt, die russischen Exporte spürbar einzudämmen, lässt sich heute nicht sagen. Die Maßnahmen werden sich vermutlich weder als sehr wirkungsvoll noch als völlig wirkungslos erweisen.

          Eine umfangreiche Literatur zu Sanktionen in der Geschichte zeichnet kein klares Bild. Es lassen sich Beispiel für Sanktionen finden, die vergebens waren. Aber es existieren auch Beispiele für Sanktionen mit einer unerwartet kräftigen Wirkung. Im Fall Russland schien von Beginn ein Exportverbot für Technologie vielversprechend. Ein Land, das vom Export von Rohstoffen lebt, aber kaum über eigene technologische Expertise verfügt, benötigt Zufuhr ausländischer Technologie. Nach Angaben internationaler Militärexperten zeigen die westlichen Sanktionen auf diesem Gebiet deutliche Wirkungen auf dem Schlachtfeld.

          Die Anfälligkeit der russischen Wirtschaft für eine schwere Krise lässt sich schwer einschätzen. In Deutschland herrschte mit Blick auf die Geschichte der Sowjetunion und angesichts der schieren Größe des Landes lange die Neigung, Russland in jeglicher Hinsicht zu überschätzen. Die russische Wirtschaftskraft entspricht aber lediglich der Wirtschaftskraft Spaniens. Putins Imperialismus geht auch mit einem erheblichen wirtschaftlichen Risiko einher.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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