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Ölpest in Nordchina : Mit Schaufeln gegen das Öl

Ein Fischer im Hafen von Dalian Bild: REUTERS

Die Explosion zweier Rohrleitungen am 16. Juli im Hafen von Dalian hat die bisher schwerste Ölpest in China verursacht. Das ganze Land versucht sich gerade ein Bild über das wahre Ausmaß des Desasters im Gelben Meer zu machen.

          Der Boden ist rutschig für Umweltschützer in China. Auf den ölverschmierten Felsen kommt Xu Han nur langsam vorwärts. Bei jedem Schritt droht er zu fallen, auf steilen Strecken muss er die Hände zur Hilfe nehmen. „Ich stehe mitten in der Katastrophe von Dalian, hier ganz in der Nähe ist die Pipeline explodiert“, sagt der Aktivist von Greenpeace China. In der kleinen Bucht haben Fischer früher Muscheln gezüchtet. „Jetzt ist alles tot, die Verwüstungen sind riesig.“ Das Meer unter ihm sehe sauberer aus als vor zehn Tagen direkt nach dem Unglück, die Entfernung des Ölteppichs komme offenbar voran. „Aber in den zerklüfteten Küstenabschnitten kann niemand aufräumen, die sind auf Jahre verseucht.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Wie Xu versucht sich gerade ganz China ein Bild über das wahre Ausmaß des Desasters im Gelben Meer zu machen. Das östlich von Peking gelegene Dalian, eine von Chinas aufstrebenden Industrie- und Hafenstädten, liegt am unteren Ende einer Halbinsel, die den nördlichen Riegel der Bucht von Bohai bildet.

          Unbestritten ist, dass die Explosion zweier Rohrleitungen am 16. Juli im Neuen Hafen die schwerste Ölpest aller Zeiten in China verursacht hat. Bei den Rettungsarbeiten kam ein Feuerwehrmann ums Leben. Doch schon die Angaben über die Größe des Ölteppichs sind widersprüchlich. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet eine Ausdehnung von 430 Quadratkilometern.

          Nach Angaben einer Zeitung in Shenyang, der Hauptstadt der Provinz Liaoning, ist die Fläche mehr als doppelt so groß. Dalians Verwaltung hält hingegen nur 11 Quadratkilometer für „ernsthaft verschmutzt“ und 50 für „leicht betroffen“. Ähnlich unklar ist die Menge des ausgelaufenen Öls. Das Staatsfernsehen berichtet, 15 000 Tonnen seien nach der Explosion ins Meer ausgetreten. Einig ist man sich darin, dass das Desaster nicht annähernd an die Verseuchungen im Golf von Mexiko heranreicht.

          Das hängt auch mit der unterschiedlichen Natur des Unfalls zusammen. Im Atlantik trat nach der Explosion einer Plattform tagelang Rohöl aus einem Bohrloch ins Meer aus. Im Hafen von Dalian ging ein Rohrsystem in die Luft, durch das ein 300 000-Tonnen-Tankschiff entladen worden war. Zu Wochenbeginn teilte das Amt für Arbeitssicherheit mit, dass sich eine Entschwefelungschemikalie in der Pipeline entzündet habe.

          Nach Angaben der Hafenverwaltung Dalian Port (PDA) Co., die Chinas größtes Rohölterminal verwaltet, sind zwei der drei Liegeplätze für Öltanker wieder in Betrieb, der dritte und größte werde bald einsatzbereit sein. Die Raffinerie in Dalian sei zu ihrem Normalbetrieb zurückgekehrt, gab Asiens größter Ölkonzern China National Petroleum (CNPC) bekannt. Die Anlage verarbeite wieder 50 000 Tonnen am Tag. Schon kurz nach dem Unglück hatte CNPC die Reparatur der beschädigten Leitung zwischen Xingang und Dalian Petrochemicals melden können, der Hafen wurde ebenfalls wieder geöffnet.

          Chinas Behörden und die staatliche petrochemische Industrie versuchen den Eindruck zu erwecken, dass die Lage weitgehend unter Kontrolle sei. Rund zwei Quadratkilometer Öl habe man laut CNPC entfernt, das Ziel sei erreicht worden, „dass kein Tropfen aus dem Hafen ins offene Meer gerät“.

          Ob das stimmt, ist kaum zu überprüfen. Beobachtungen wie die von Xu Han legen nahe, dass an Land noch viel zu tun ist. Klar ist auch, dass die Professionalität der Reinigungsarbeiten zu wünschen übrig lässt. Neben angeblich 40 Ölräumschiffen sind nach offiziellen Angaben 1000 Fischerboote gegen die Ölpest im Einsatz. Fotos zeigen, dass Helfer ohne Gesichtsmasken die Strände mit winzigen Fässern und Schaufeln zu reinigen versuchen.

          China kommt die Katastrophe äußerst ungelegen, denn das Land hat mit seiner Ölindustrie viel vor. Der Bedarf nimmt seit Jahren zu. Die Ölnachfrage im Juni erreichte nach ersten Schätzungen einen Rekord von fast 9 Millionen Fass am Tag, 10 Prozent mehr als vor einem Jahr. Um die steigende Abhängigkeit von Importen zu verringern, setzt der Meeres-Förderer China National Offshore Oil Corporation (Cnooc) auf Tiefseebohrungen wie im Golf von Mexiko; die Meeresvorkommen machen mindestens ein Drittel der heimischen Reserven aus.

          Auch aus einem anderen Grund kann man sich keine schlechte Presse leisten: CNPC ist als einer der möglichen Käufer von BP im Gespräch. Die Ratingagentur Moody's schrieb dazu, Cnooc sei nun gezwungen, künftig mehr in die Sicherheit seiner Meeresbohrungen zu investieren.

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