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Ökonomische Hintergründe : Der Aufstand der Verlierer

Maskierter Randalierer vor einem brennenden Auto im Norden Londons Bild: dpa

In Großbritannien randalieren die sozial Schwachen gegen eine radikale Sparpolitik. In keinem Land der EU klafft die Lücke zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Seit Jahrzehnten wurde das von der Politik ignoriert.

          „Die armen Ladenbesitzer“ – Margaret Thatcher war voll des Mitgefühls für die Opfer der Straßenkrawalle, deren Geschäfte zertrümmert wurden. Es hatte angefangen in Brixton, dem Problemstadtteil im Süden der britischen Hauptstadt, dem kurz zuvor die Punkband „The Clash“ mit dem Lied „Guns of Brixton“ ein Denkmal gesetzt hatte. Aber dabei blieb es nicht: In den Sommermonaten des Jahres 1981 breiteten sich die gewalttätigen Unruhen in Großbritannien wie ein Flächenbrand landauf landab aus. Die Unruhen erschütterten über Monate hinweg Liverpool und Birmingham, Manchester, Derby, Blackburn, Bradford, Leeds und Leicester.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          30 Jahre später brennen in Brixton und anderswo wieder Autos und Häuser. Wieder verwandeln Randalierer die Straßen Londons nachts in ein Kriegsgebiet und wie damals hat die Gewalt übergegriffen auf andere Städte: Im von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Niedergang geschundenen Liverpool wüteten in der Nacht zum Dienstag geschätzte 300 Chaoten. Auch in Birmingham und Manchester verbreitete ein blindwütiger Mob Angst und Schrecken.

          Protest gegen eine radikale Sparpolitik

          Großbritannien erlebt in dieser Woche ein gespenstisches Rendezvous mit den dunkelsten Tagen seiner jüngeren Vergangenheit. Die Geschichte wiederholt sich: Wieder flammt die Gewalt scheinbar wie aus dem Nichts auf und wieder entzündet sie sich zu einem Zeitpunkt, da das Land wirtschaftlich am Boden liegt. Damals vor drei Jahrzehnten war Großbritannien gebeutelt von einem langen quälenden Niedergang, von Inflation, wirtschaftlicher Stagnation und Massenstreiks. Heute hat das Land einen von der Finanzkrise ausgelösten jähen Absturz hinter sich. Im ersten Quartal ist die Wirtschaft nur um 0,2 Prozent gewachsen und die Inflation auf mehr als 4 Prozent geklettert. Pessimisten befürchten bereits ein „verlorenes Jahrzehnt“ für Europas drittgrößte Volkswirtschaft.

          Ein Aufstand der Vergessenen, auf dessen Schlagkraft die Polizei nicht vorbereitet ist

          Wie damals will ein konservativer Regierungschef mit einem radikalen Sparkurs Großbritannien aus der Krise führen. Einst war es Thatcher, die „Eiserne Lady“, heute ist es Premierminister David Cameron, der dem Land die härtesten Kürzungen seit Generationen verordnet hat. Bis zum Frühjahr 2015 soll das in den vergangenen Jahren drastisch gestiegene Haushaltsdefizit um umgerechnet 94 Milliarden Euro gesenkt werden. Kein anderes großes Industrieland hat ein derartig weitreichendes Kürzungsprogramm angekündigt – und allmählich beginnen die Auswirkungen in vielen Lebensbereichen schmerzhaft spürbar zu werden, ob in den Schulen, bei sozialen Einrichtungen, der Polizei oder im Gesundheitswesen.

          Die Sparpläne nahmen teilweise bizarre Züge an: Justizminister Ken Clarke wollte Tätern die Strafen kürzen, wenn sie zügig gestehen, denn langwierige Gerichtsprozesse und Gefängnisplätze seien teuer. Erst nach einem Aufschrei an der konservativen Partei-Basis pfiff ihn Cameron schließlich zurück. Aber während der Randale-Nächte war die Polizei bisher heillos überfordert. Verängstigte Anwohner warteten in ihren Wohnungen teilweise stundenlang vergeblich auf Hilfe. Camerons Sanierungskurs war schon vor den Krawallen umstritten. Im Juni las Rowan Williams, Erzbischoff von Canterbury und Oberhaupt der Kirche von England, Cameron die Leviten. Der Geistliche warf der Regierung eine politische Radikalität vor, „für die „kein Wähler gestimmt“ habe. Der Premierminister müsse dringend zur Kenntnis nehmen wie viel „offensichtliche Angst“ im Land wegen seines politischen Kurses herrsche.

          Aufstand der Vergessenen

          Es sind die Verlierer in der britischen Gesellschaft, die da nachts in den Straßen wüten. In Liverpool, wo sich teilweise zehnjährige Kinder an den Plünderungen beteiligten, war Toxteth eines der Zentren der Krawalle. Der Stadtteil ist ein Armutsquartier aus heruntergekommenen Reihenhaussiedlungen, in dem ganze Straßenzüge unbewohnt und verrammelt sind. In der einst reichen nordenglischen Hafenstadt stammen heute knapp 30 Prozent des Einkommens aus Sozial- und Arbeitslosenhilfe. Weniger als zwei Drittel der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter gehen in Liverpool einer geregelten Beschäftigung nach. Kinder wachsen in Haushalten auf, in denen seit Generationen niemand mehr eine Stelle hatte.

          Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den vergangen Jahrzehnten in vielen europäischen Ländern geöffnet. Aber wie eine im Mai veröffentlichte Studie der OECD zeigt, ist heute nirgendwo in der EU der Wohlstand so ungleich verteilt wie in Großbritannien. Es sind nur ein paar U-Bahnstationen, die Nobeladressen wie Mayfair und Knightsbridge und Sozialwohnungs-Ghettos wie den berüchtigten „Aylesbury Estate“ in Walworth voneinander trennen – und doch liegen Welten dazwischen. Nach einem im vergangenen Jahr vorgestellten Bericht der britischen Regierung ist das Vermögen der oberen 10 Prozent der Bevölkerung mehr als hundertmal so groß wie das der unteren 10 Prozent.

          Großbritannien hat goldene Jahre hinter sich. In den anderthalb Jahrzehnten vor dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 wuchs die britische Wirtschaft deutlich stärker als der EU-Durchschnitt. Das gilt auch als später Verdienst der Reformpolitik von Margaret Thatcher in den achtziger Jahren. Aber viele Briten haben davon kaum profitiert. Die Wohlstandslücke zwischen Arm und Reich, die sich vor allem unter Thatcher aufgetan hatte, wurde nie mehr geschlossen. Als der Sozialdemokrat Tony Blair 1997 Premierminister wurde, fuhr er mit einem Tross von Journalisten als erstes zum Aylesbury Estate: „Achtzehn Jahre lang sind die ärmsten Menschen in unserem Land von der Regierung vergessen worden“, sagte Blair und versprach: „In dem Großbritannien, das ich bauen will, wird niemand mehr vergessen werden.“ Es blieb bei einem Versprechen.

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