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Ökonomenkrach : Grenzen der Wirtschaftswissenschaft

In seiner vielbeachteten Studie zu den Auswirkungen der Staatsverschuldung hat der Ökonom Kenneth Rogoff sich peinlicherweise verrechnet. Den Fehler schlachtet Neu-Keynesianer Paul Krugman nun gnadenlos aus. Was lässt sich aus dem Streit lernen?

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          Die Handschuhe sind abgelegt. Unzivilisiertes Verhalten werfen die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ihrem Kollegen Paul Krugman vor. Und dieser legt nach: Er hält den beiden Harvard-Ökonomen vor, Kritik zu unterschlagen oder nachlässig zu behandeln und willentlich den politischen Propheten einer Sparpolitik in die Hände zu spielen.

          Worum geht es? Reinhart und Rogoff hatten 2010 warnend aufgezeigt, dass Volkswirtschaften erheblich langsamer wachsen, wenn die Staatsschuld mehr als 90 Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt. Diese Grenze haben die Euro-Krisenstaaten und die Vereinigten Staaten überschritten. Der einflussreiche Aufsatz traf die Stimmung nach der Finanzkrise und wurde oft als Beleg zitiert, mit der Sanierung der Staatshaushalte endlich Ernst zu machen.

          Dummerweise unterlief Reinhart und Rogoff, dem früheren Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), ein Rechenfehler. Der peinliche Fehler hebt die Ergebnisse der Studie, die ähnlich etwa durch den IWF bestätigt wurden, aber nicht aus den Angeln. Auch die korrigierte Analyse zeigt, dass hohe öffentliche Schulden und schwaches Wachstum Hand in Hand gehen. Das bestreitet niemand. Nicht mehr eindeutig ist indes, dass es mit einer Schuld jenseits von 90 Prozent besonders kritisch wird. Im Streit über „Austerität versus Wachstum“ fühlen Krugman und Co. sich so in ihrer Forderung nach mehr schuldenfinanzierten Staatsausgaben bestätigt. Damit bauen sie einen Strohmann auf.

          Die Positionen liegen gar nicht so weit voneinander entfernt

          Denn Reinhart und Rogoff warnen zwar vor einer hohen Staatsschuld. Ihre Positionen liegen in Teilen aber gar nicht weit von Krugman entfernt. Wie Krugman hat Rogoff sich für eine zeitweise höhere Inflation nach der Finanzkrise ausgesprochen. Wie Krugman warnen Reinhart und Rogoff vor zu schnellem Defizitabbau. Im Gegensatz zu Krugman aber halten es die beiden für ausgeschlossen, dass die Euro-Schuldenkrise sich durch keynesianische Nachfrageprogramme beheben lasse. Dazu seien Schuldenschnitte oder der zeitweise Ausstieg von Krisenstaaten aus dem Euro notwendig.

          Die wichtigsten Lehren aus diesem Ökonomenstreit liegen woanders. Der Krach wirft ein Schlaglicht darauf, wie die Öffentlichkeit wirtschaftswissenschaftliche Studien konsumiert. Da ist etwa die schillernde Rolle des Neu-Keynesianers Krugman. Der Princeton-Ökonom, der 2008 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, ist für klare und nicht zimperliche Kommentare bekannt. Als Kolumnist für die „New York Times“ hat er die Rolle des unparteiischen Ökonom längst abgelegt, seine Vorliebe gilt den Demokraten und einer expansiven Fiskalpolitik. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Doch schreibt hier nicht mehr der Preisträger, sondern ein Kommentator. In Amerika ist man an solche Doppelrollen und an gefärbte Analysen gewöhnt. Außerhalb Amerikas aber wird Krugman immer noch vorrangig als Nobelpreisträger verherrlicht und nicht als politischer Kommentator gesehen.

          Die zweite Lehre aus dem Krach betrifft die Aufnahme der Arbeiten von Reinhart und Rogoff in der Öffentlichkeit. Die Idee der schädlichen 90-Prozent-Schuldengrenze griffen Politiker als Rechtfertigung für ihre restriktive Finanzpolitik gerne auf. Paul Ryan, der republikanische Vizepräsident- schaftskandidat von 2012, EU-Währungskommissar Olli Rehn oder der frühere amerikanische Finanzminister Timothy Geithner bezogen sich auf die Studie. Auch Journalisten auf der Suche nach knackigen Thesen griffen gern zu. Das rein statistische Faktum wurde dann schon mal zur „magischen Grenze“, von der an „Schulden das Wachstum vernichteten“. Einschränkungen, die Reinhart und Rogoff machten, fielen in der verkürzten Darstellung oft unter den Tisch. Das gilt vor allem für die Frage, ob hohe Schulden das Wachstum belasten oder ob umgekehrt niedriges Wachstum zu hohen Schulden führt. Reinhart und Rogoff müssen sich freilich auch an die eigene Nase fassen, weil sie den Fokus selbst gerne auf die 90-Prozent-Grenze lenkten, um den Erwartungen der Öffentlichkeit nach klaren Aussagen gerecht zu werden.

          Eine dritte Lehre betrifft die Ausrichtung, die die moderne Ökonomik mit ihrer Konzentration auf Zahlen nimmt. Solche empirischen Arbeiten haben ihre Meriten. Die unbestrittene Erkenntnis von Reinhart und Rogoff, dass Finanzkrisen erst nach Jahren überwunden werden, wäre ohne ihre beeindruckende Datensammlung nie so überzeugend gewesen. Die empirische Forschung hat aber ihre Grenzen. Nur scheinbar erlaubt der Fokus auf reine Daten, die Wirklichkeit beweiskräftig zu erfassen. Tatsächlich hängt der Wert empirischer Arbeiten aber an technischen Details ökonometrischer Tests, die von der Öffentlichkeit oft gar nicht erkannt werden können. So legt der Ökonomenkrach eine Schwäche der modernen Volkswirtschaftslehre offen, die von der zahlengläubigen Öffentlichkeit schnell übersehen wird. All das stellt aber die Mahnung von Reinhart und Rogoff nicht in Frage, dass die Bürger für zu hohe Staatsschulden auf die eine oder andere Weise zahlen werden müssen - ob Politiker und Krugman es hören wollen oder nicht.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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