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Besser ein Ende mit Schrecken? : Ökonomen streiten über No-Deal-Brexit

Wozu man in diesen turbulenten Zeiten so Zeit hat: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson besucht am 6. September 2019 einen Bauernhof in Aberdeen. Bild: dpa

DIW-Chef Fratzscher wirbt für einen harten EU-Austritt. Andere Ökonomen widersprechen ihm vehement.

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          Die Brexit-Wirren spalten nun auch die deutschen Ökonomen. Marcel Fratzscher, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), ist inzwischen für einen harten Brexit, also einen britischen EU-Austritt ohne Abkommen am 31. Oktober. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – lieber jetzt ein harter Brexit als eine Hängepartie, die sich noch ein oder zwei Jahre hinzieht“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Der harte Brexit jetzt sei weniger schlimm als eine abermalige Verschiebung. Die Kosten für Deutschland seien eher gering, deutsche Verbraucher kaum betroffen und Chaos vermeidbar.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Andere Ökonomen widersprachen dem entschieden. „Einen No-Deal-Brexit zu fordern, ist riskant“, sagte Guntram Wolff, Direktor des Brüsseler Thinktanks Bruegel, der F.A.Z. Eine harte Grenze in Irland würde den Frieden bedrohen und zu erheblichen wirtschaftlichen Einbrüchen dort führen. Zweitens sieht er bei einem No-Deal Brexit große logistische Probleme. Große Unternehmen seien vorbereitet, der Mittelstand aber eher nicht. „Am schwersten wiegen aber die politischen Verwerfungen“, warnte Wolff. Die politischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Europa und auch Deutschland würde schwer leiden.

          Auch der Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest widersprach Fratzscher: „Ich halte Empfehlung für einen harten Brexit für falsch, ja für gefährlich.“ Die EU sollte die Austrittsfrist für das Vereinigte Königreich verlängern, sagte Fuest der F.A.Z. „Die Vorstellung, die Unsicherheit würde nach einem harten Brexit aufhören, ist irreführend.“ Nach einer Studie des Ifo-Instituts würde ein harter No-Deal-Brexit alle Seiten sehr teuer kommen. Am schlimmsten wäre Irland betroffen, dessen Wirtschaftsniveau nach der Berechnung mittelfristig um mehr als 8 Prozent fallen würde, wogegen die Briten „nur“ 2,8 Prozent einbüßen würden. Für Deutschland errechneten die Ifo-Ökonomen eine Wohlstandseinbuße von 0,7 Prozent.

          „Der harte Brexit wäre die schlechteste Lösung“

          Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, hat sich wiederholt eher optimistisch gezeigt, dass Großbritannien auch einen harten Brexit wirtschaftlich gut wegstecken könnte. „Ein No-Deal-Brexit ist nicht das Ende der Welt“, sagte Folkerts-Landau kürzlich. In Reaktion auf den DIW-Vorstoß warnte auch das in Kiel ansässige Institut für Weltwirtschaft vor einem Fehler. „Der harte Brexit wäre die schlechteste Lösung – für die Briten aber ebenso für die EU“, sagte IfW-Chef Gabriel Felbermayr. Die Position der EU sei nicht so stark, wie viele meinen, fügte er hinzu.

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