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Ökonom Michael Burda : „Die Schulden werden zum Teil sozialisiert“

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Michael Burda Bild: Caro / Aufschlager

Der Makroökonom Michael Burda von der Humboldt-Universität wirbt im F.A.Z.-Interview für eine Bankenunion - und für mehr Inflation. Den Aufruf von mittlerweile 243 Ökonomen um Hans-Werner Sinn gegen eine „Sozialisierung von Schulden“ hält er für „fast nationalistisch“.

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          Professor Burda, die Politik will von Ökonomen keine Ratschläge in der Euro-Krise mehr hören. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte jüngst: „Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise ... ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen.“ Haben die Ökonomen versagt?

          Die Politik serviert uns jeden Tag neue Katastrophen. Ich habe nicht darum gebeten, dass Griechenland oder Portugal in den Euro aufgenommen werden. Italien hat mit Hilfe von Goldman Sachs seine Zinsbelastung gesenkt. Das waren die Sünden am Anfang der Währungsunion. Die Politik hat immer wieder weggeguckt. Es ist doch ungeheuerlich, wenn man jetzt uns Ökonomen die Schuld an den Problemen gibt. Sicher: Einige geben auch fragwürdige normative Empfehlungen in der Euro-Frage, die ich nicht teile.

          Der Aufruf von mittlerweile 243 Ökonomen um Hans-Werner Sinn gegen eine „Sozialisierung von Schulden“ hat großes Aufsehen erregt. Sie haben einen Gegenaufruf für eine Bankenunion unterzeichnet, wie inzwischen 191 andere Professoren. Warum?

          Der Aufruf hat mich aufgeregt. Der Stil des Briefs an die Bürger hat die Politiker verärgert. Er war zu emotional, ich würde fast sagen: nationalistisch. Das hat etwas von den dreißiger Jahren. Die Integration der Finanzmärkte ist so weit fortgeschritten, dass alle Banken zusammenhängen. Wenn Banken im einen Land umfallen, dann sind alle tangiert. Man muss daher eine gemeinsame Lösung finden. Sonst gibt es eine Balkanisierung der Bankensysteme, das kann nicht gutgehen.

          Die Kritiker sagen, dass in einer Bankenunion die soliden Staaten für die gescheiterten Geschäfte der anderen haften. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass eine Bankenaufsicht tatsächlich hart eingreift und Pleitebanken abwickelt - und dass dabei die Gläubiger, nicht die Steuerzahler anderer Länder haften?

          Die Bankenunion hätte man schon zum Beginn der Währungsunion einführen müssen. Jetzt - ex post - sind natürlich schon hohe Verluste angelaufen, das bedeutet, dass es zu Transfers kommt.

          Also eine Sozialisierung von Schulden.

          Ja, so ist das. Wenigstens zum Teil.

          Aber das darf man doch kritisieren? Ihr Kollege Charles Wyplosz, mit dem Sie ein Lehrbuch über Makroökonomie geschrieben haben, hat den Ökonomen-Protest als „offen fremdenfeindlich“ bezeichnet. Ist man fremdenfeindlich, wenn man eine vergemeinschaftete Haftung für fremde Schulden ablehnt?

          Nein, so extrem sehe ich das nicht. Sicherlich achtet jeder auf die eigenen Taschen. Aber im Krisenfall muss man umdenken. Nehmen Sie folgende Situation: Ihr Nachbarhaus brennt. Sollen Sie dem Nachbarn dann einen Vortrag über „moralisches Risiko“ und die richtige Versicherung halten? Nein, Sie greifen zum Schlauch und helfen, das Feuer auszulöschen. Danach können Sie über künftige Versicherungsregeln reden. Aber es ist auch richtig: Deutschland kann jetzt nicht seine Taschen ganz öffnen, es muss Bedingungen stellen.

          Sie glauben, dass eine künftige Bankenunion eine gute Regulierung einführt?

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