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Ökonomie und Biodiversität : „Es gibt beim Thema Biodiversität enormen Nachholbedarf“

Eine mit Stauden-Lupinen bewachsene Bergwiese im Mittelgebirge Rhön Bild: dpa

Es gibt eine Dreiecksbeziehung zwischen Klimawandel, Eingriffen in Ökosysteme und Pandemien, sagt der Ökonom Jörg Rocholl im Gespräch – und pocht auf konkrete Maßstäbe für Unternehmen.

          4 Min.

          Der Verlust von Artenvielfalt und natürlichen Lebensräumen gilt als Zwillingskrise zum Klimawandel. Ist das in der Ökonomie angekommen?

          Katja Gelinsky
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin

          Ein klares Nein. Die Klimakrise ist deutlich besser wissenschaftlich erforscht. Man sieht es schon an der Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Biodiversität. Sie liegt im Vergleich zu Klimaschutzpublikationen bei weniger als zehn Prozent. Es gibt also beim Thema Biodiversität enormen Nachholbedarf.

          Woran liegt das?

          Die Klimakrise lässt sich bei aller Komplexität durch zwei Indikatoren erfassen: durch den CO2 -Ausstoß und den Temperaturanstieg. Beim Thema Biodiversität ist es schwieriger. Wir müssen verschiedenste Ökosysteme mit Millionen von Pflanzen und Tieren betrachten. Die Wirkungszusammenhänge für das Artensterben sind sehr komplex. Wenn eine bestimmte Tierart ausgerottet ist, wissen wir nicht, welche Folgen das hat.

          Ökonomen sind ja komplexe Herausforderungen gewohnt. Welche Beiträge können sie leisten, um das Problem des Biodiversitätsverlustes zu erfassen?

          Ähnlich wie beim Klimawandel stellt sich die Frage, wie sich externe ökologische Effekte internalisieren lassen. Wie können wir die Kosten sichtbar machen, die durch Nutzung und leider auch Übernutzung der Umwelt verursacht werden? Es geht also um die Bepreisung von Biodiversitätsverlusten. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich denke, Antworten können wir nur gemeinsam mit den Naturwissenschaften finden.

          Der Weltbiodiversitätsrat äußert sich in seinem jüngsten Bericht zu den Werten der Natur kritisch zu ökonomischen Bewertungskriterien. Erforderlich sei eine ganzheitlichere, weniger auf das Bruttoinlandprodukt fokussierte Betrachtungsweise. Sind Beiträge der Ökonomen also nicht unbedingt erwünscht?

          Das nehme ich in Gesprächen mit Naturwissenschaftlern ganz anders wahr. Da sehe ich ein sehr starkes Interesse an ökonomischen Fragen und an Prozessen in Unternehmen, die Auswirkungen auf die Biodiversität haben. Und was das BIP angeht: Auch in der Ökonomie diskutieren wir ja schon lange, wie sich qualitative Bewertungen, etwa ökologische und soziale Aspekte, einbringen lassen. Die Naturwissenschaften liefern uns neue, wichtige Anstöße für diese Debatte, aber auch für andere ökonomische Fragen. Was ich mich ganz besonders beeindruckt hat, waren die Berichte der Naturwissenschaftler über die enge Verbindung zwischen Biodiversität und Pandemie.

          Jörg Rocholl
          Jörg Rocholl : Bild: ESMT

          Das müssten Sie bitte näher erläutern.

          Es gibt eine Dreiecksbeziehung zwischen Klimawandel, Eingriffen in Ökosysteme und Pandemien. Ökosysteme werden durch den Klimawandel geschädigt und können dann nicht mehr so gut als Klimapuffer funktionieren. Aber auch für den Ausbruch von Pandemien ist die Biodiversität von ganz entscheidender Bedeutung, wie ich von den Naturwissenschaftlern gelernt habe. Im Zusammenhang mit Corona wurde das zwar manchmal angesprochen. Aber die Wechselwirkung zwischen Biodiversität und Pandemiegeschehen ist auch ökonomisch von enormer Bedeutung. Das ist nach meiner Wahrnehmung bislang nicht ausreichend beachtet worden.

          Was genau wäre zu bedenken?

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