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Ökonom Oliver Holtemöller : „Die russische Wirtschaft ist so gut wie am Ende“

Leere Regale in einem Moskauer Supermarkt am Montag vor einer Woche. Bild: dpa

Die Sanktionen treffen in Russland auf eine schon marode Wirtschaft. Ein Gespräch mit dem Ökonomen Oliver Holtemöller über ein Ölembargo, steigende Preise – und den Rückzug privater Unternehmen aus Russland.

          3 Min.

          Herr Holtemöller, Außenministerin Annalena Baerbock sagt, die Wirtschaftssanktionen werden Russland ruinieren. Stimmt das?

          Tillmann Neuscheler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sanktionen werden Russland tatsächlich schwer schaden. Die russische Wirtschaft ist mittelfristig so gut wie am Ende. Die Ratingagenturen sehen Russlands Kreditwürdigkeit inzwischen im sogenannten Ramschbereich. Schon vor dem Einmarsch in die Ukraine war die russische Wirtschaft schwach und rückständig. Die Militärausgaben sind gemessen am BIP fast dreimal so hoch wie in Deutschland, Bildung und Innovationen wurden seit Jahrzehnten vernachlässigt. Das Land lebt von den Öl- und Gaseinnahmen. Jetzt kommt der Krieg dazu. De facto nimmt sich Russland damit ökonomisch seine Zukunftschancen.

          Der Erfolg von Wirtschaftssanktionen war in früheren Konflikten aber bescheiden? Ist es dieses Mal anders?

          Im Falle von Russland werden die Sanktionen das Fass zum Überlaufen bringen, weil die Wirtschaft vorher schon marode war. Eine gesunde Volkswirtschaft würden die Sanktionen vielleicht nicht so hart treffen. Dieses Mal gehen die Sanktionen aber auch weit über Nadelstiche hinaus.

          Welche Wirtschaftssanktionen sind die wirkungsvollsten?

          Die Sanktionen am Finanzmarkt sind sehr wirkungsvoll, auch das Einfrieren der Devisenreserven der russischen Zen­tralbank. Damit haben im Vorfeld nur wenige gerechnet.

          Putin wahrscheinlich auch nicht . . .

          Das weiß ich nicht. Mich hat es jedenfalls überrascht.

          Oliver Holtemöller
          Oliver Holtemöller : Bild: IWH, Fotowerk BF

          Wurde damit eigentlich tatsächlich „Putins Kriegskasse“ getroffen, wie manche behaupten?

          So würde ich das nicht ausdrücken. Putin bezahlt sein Militär ja nicht in Dollar oder Gold, sondern in Rubel. Ihre eigene Währung können sie munter weiterdrucken. Es wird aber langfristige Folgen haben.

          Neben den staatlichen Sanktionen gibt es einen enormen Rückzug privater Unternehmen aus Russland: BP, Shell, Apple, IBM, McDonald’s, Mastercard, Visa, McKinsey, die großen Wirtschaftsprüfer und viele andere. Welche Folgen hat das?

          Für Russland ist das eine Katastrophe. Nicht weil die Russen im Alltag nicht auf Starbucks-Kaffee oder Big Mac verzichten könnten. Viel wichtiger ist, dass damit ein ganz bedeutender Kanal des Wissenstransfers entfällt. Das sind ja alles global erfolgreiche Unternehmen, die auch viele neue Technologien und Ideen nach Russland gebracht haben und Personal ausgebildet haben. Über Unternehmen verteilen sich auch weltweit Innovationen – etwa durch Personalaustausch. Wer an diesem internationalen Prozess nicht mehr teilhaben kann, wird abgekoppelt wie Nordkorea oder Kuba. Russland fällt in die ökonomische Steinzeit zurück, während sich der Rest der Welt weiterentwickelt.

          Sollten wir uns zusätzlich jetzt auch noch dem amerikanischen Ölembargo anschließen? Und auch kein Gas mehr in Russland kaufen?

          Da bin ich skeptisch. Es stimmt zwar: Wenn man jetzt noch einen Schritt weiter gehen möchte, bleibt nur der Importstopp russischer Energie. Alle anderen Mittel sind gezogen. Ein Importstopp hätte aber schwerwiegende ökonomische Folgen auch für die deutsche Wirtschaft – vermutlich ohne Russland kurzfristig vom Kriegskurs abzubringen. Ich denke, wir würden eine Rezession bekommen.

          Einige aktuell veröffentlichte Studien – etwa der Leopoldina – sagen aber, ein Importstopp russischer Energie sei für uns durchaus verkraftbar, zwar verbunden mit höheren Kosten, aber realistisch.

          Das hat mich überrascht. Ich halte das zumindest kurzfristig für zu optimistisch. Es gibt auch eine Studie der Internationalen Energieagentur, die skeptischer ist. Der Ölpreis ist schon enorm gestiegen. Den Fall könnte man historisch am ehesten mit den Ölpreis-Schocks der 1970er-Jahre vergleichen, auch wenn sich die Abhängigkeit vom Öl seither verändert hat. Wir haben jetzt schon Stagflation, also eine unterausgelastete Wirtschaft verbunden mit hohen Inflationsraten. Mit einem Importstopp kann die ohnehin schon hohe Inflationsrate schnell auf 7 bis 8 Prozent steigen.

          Benzin kostet an der Tankstelle inzwischen mehr als 2 Euro. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans hat schon eine „Spritpreisbremse“ gefordert.

          Davon würde ich strikt abraten. Wir haben reale Knappheit – die kann man nicht wegleugnen. Daher brauchen wir den Preisanstieg als Signal, damit die Bürger Benzin sparen. Um soziale Härten auszugleichen, sollten Zuschüsse etwa für Hartz-IV-Empfänger erhöht werden.

          Auch die Lebensmittelpreise steigen. Die Ukraine und Russland gelten ja als Kornkammer Europas. Ist das verkraftbar?

          Für uns schon. Aber das ist noch eine weitere traurige Seite dieses Konflikts: In Europa werden wir deshalb nicht hungern, wir können die gestiegenen Weltmarktpreise zahlen. Aber manche arme Länder werden letztlich wohl weniger Weizen bekommen.

          Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

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