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Öko-Strom : Lahmgelegte Windräder vor der Küste

Viel Wind vor der Küste: Doch der Strom kommt nicht an Land Bild: dpa

Die Regierung will mehr sauberen Strom aus Meereswind. Aber daran hakt es gewaltig. Drei Monate stand der größte Windpark in der Nordsee still. Das zahlt der Stromkunde.

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          Die Stromerzeugung auf hoher See ist ein Hoffnungsträger der deutschen Energiepolitik. Groß war die Freude, als im September mit „Bard Offshore 1“ der erste größere Park rund 100 Kilometer vor Borkum ans Netz ging. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kam und pries den Windpark als „das beeindruckende Pionierprojekt einer jungen Industrie, die das Potential hat, langfristig eine wichtige Rolle in unserem Energiemix zu spielen“. Mit 80 Windkraftanlagen komme er auf eine Nennleistung von 400 Megawatt (MW), rechnete Betreiber Bard vor. „Das entspricht dem Strombedarf von mehr als 400.000 Haushalten.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Doch schon nach sieben Wochen schaltete der Netzbetreiber Tennet die Leitung ab. Statt der im Sommer für einen Monat angekündigten Unterbrechung dauerte es fast drei Monate, bis der Strom wieder die 200 Kilometer zum Anschlusspunkt an Land floss. Beteiligte wollen sich nur ungern zu den Gründen der Verzögerung und gar nicht zu den Kosten der Unterbrechung äußern, die wohl auf die Stromkunden abgewälzt werden.

          Die Dauerunterbrechung ist nur eines der Probleme

          In der lange Liste von Pleiten, Pech und Pannen der deutschen Offshore-Stromerzeugung ist die Dauerunterbrechung nur eines der Probleme: Zögerliche Banken wollten keine Kredite geben, weicher Untergrund, defekte Getriebe oder starke Korrosion und geräuschempfindliche Schweinswale machen Anlagenherstellern zu schaffen. Tennet, der niederländisch-deutsche Netzbetreiber, der für den Anschluss der Parks verantwortlich ist, unterschätzte Kosten und Komplexität der Aufgabe.

          Zuerst fehlte Eigenkapital für den Bau von Umspannwerken und Leitungen, dann kamen die Zulieferer nicht nach. Schlussendlich lagen Kabel nicht da, wo sie sein sollten, als Windmühlen betriebsfertig waren. Bei sieben von acht Projekten weist die Tennet-Homepage als Arbeitsstatus ein „verzögert“ aus.

          Die Anlage „Riffgat“ bei Borkum taucht in der Liste erst gar nicht auf. Sie erlangte traurige Berühmtheit, als im August bekannt wurde, dass Dieselgeneratoren die Anlage am Laufen halten müssen, weil die Leitung fehlte – wegen unerwartet umfangreicher Munitionsfunde aus dem letzten Krieg, wie Tennet erläuterte. Immerhin sollen die 30 Windräder an der niederländischen Grenze nun voraussichtlich im Februar mit halbjähriger Verspätung angeschlossen werden.

          Der Anlagenbestand auf dem Meer wird sich vervielfachen

          Trotz aller Rückschläge setzt die Bundesregierung weiter auf den wenn auch verzögerten Ausbau der Offshore-Kapazitäten. 6.500 Megawatt (MW) sollen noch in den nächsten sechs Jahren zugebaut werden. Voriges Jahr waren nach Feststellungen der Netzbetreiber gerade 623 MW installiert. Dieses Jahr rechnen sie mit einem Zubau von bis zu 2.000 Megawatt, vermutlich wird es aber weniger. Dennoch wird sich der Anlagenbestand auf dem Meer, vor allem in der Nordsee, in einem Jahr vervielfachen.

          Die Windenergiebranche beziffert die Gesamtleistung der neun Ende 2013 im Bau befindlichen Offshore-Windparks auf 2432 MW, aber längst nicht alle werden dieses Jahr die Stromerzeugung aufnehmen. Thorsten Herdan, Geschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA Power Systems, rechnet damit, „dass in diesem Jahr etwa 1.500 MW und ungefähr weitere 1.000 Megawatt im Jahr 2015 ans Netz gehen können“.

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