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Öko-Avantgarde : Mach dich frei nach strengen Regeln

  • -Aktualisiert am

Die Lasten werden mit dem Rad transportiert Bild: Jan Grossarth

Im Ökodorf ,,Sieben Linden“ leben die Menschen in Bauwagen und Strohhäusern. Wer glaubt, grünes Denken sei Mainstream, erfährt hier: Alles lässt sich noch viel grüner denken.

          Der Weg zum Dorf der Aussteiger führt durch phantasielose, gigantische Felder. Raps in früher Blüte, Getreide erst knöchelhoch. Am Waldrand biegt die Straße ab. Eine Steinspirale auf dem Sandweg markiert die Grenze des Ökodorfs. Jeder neue Siedler, der nach „Sieben Linden“ zieht, muss hier einen persönlichen Gegenstand vergraben, das ist ein Aufnahmeritual. Doch auch wer nur zu Besuch kommt, muss ein paar Dinge hinter sich lassen: Haustiere, nichtbiologische Körperpflege- und Reinigungsmittel und eingeschaltete Handys sind nicht erlaubt.

          Rechts ist die erste Bauwagensiedlung zu sehen. An den Wagen hängen eine Jamaika- und zwei „Pace“-Flaggen. Die Bewohner haben die Hippiekultur in die Altmark gebracht, hier nach Poppau, auf halber Strecke zwischen Wolfsburg und Stendal, aber vierzig Jahre zu spät. Wie auf einem Campingplatz am Gardasee hängt am Eingang eine Platzkarte. Sie zeigt Wege, Gebäude und die „Nachbarschaften“, in denen Leute nach eigenen Regeln zusammenleben; sie heißen „Globolo“, „Windrose“ oder „81/5“.

          ,,Transition towns“ wollen autark sein

          Solche Ökodörfer gibt es mehrere in Europa, dies ist eins der ersten und größten. In einer Zeit, in der eine Industrienation den Ausstieg aus der Kernenergie fast ohne Gegenstimme beschließt, bilden sich fernab der Städte alternative Lebensgemeinschaften, die sich als Avantgarde einer kommenden Gesellschaft sehen. Die „transition towns“ wollen ihre Energie möglichst selbst produzieren wie auch die Wasserkreisläufe im Ort halten, ihr Gemüse selbst produzieren. Sie erwarten auch angesichts der kommenden Erdöl- und Ressourcenknappheit, dass die energieintensive Form unserer Zivilisation keine Zukunft hat.

          Traktor aus Pferden

          Hierher nach Sieben Linden war ich auf meiner Reise zu dreizehn alternativen Gemeinschaften für zehn Tage gekommen, zu einem Kennenlernseminar und einer Arbeitswoche. Das Seminar hatte schon begonnen. In einem Vorraum des aus Holz gebauten Hauses ließ man die Schuhe stehen, ging mit wolligen Socken hinein in den großen Raum im Dachgeschoss, wo viele Wollsocken sich auf unbehandeltem Parkett eines artgerechten Lebensraums erfreuten.

          Einer der Seminarleiter sprach vor den vielleicht zwanzig Teilnehmern über Politik. „Die Fragen, die man links liegengelassen hat, sind jetzt im Zentrum der Politik angekommen“, sagte er. Gemeinschaften und die „Ökodorfbewegung“ gewännen immer mehr an Bedeutung: „Der Buddha der Zukunft wird eine Gemeinschaft sein.“

          Der wilde Wolf

          Der älteste Mann in der Runde, ein graubärtiger Seminarleiter, war an der Reihe. Um seinen Hals hing ein fröhlicher Schal. Sein Haar war voll, er sah aus wie ein in die Jahre gekommener Westernheld: „Wolf, der wilde Wolf. Ich bin froh, hier zu sein, so froh. Ich bin froh, dass ihr gekommen seid, ich brauche eure Energien, danke. Im Februar wäre ich fast über die Schwelle gesprungen. Ich habe seit anderthalb Jahren Lungenkrebs.“ Er schnaufte nach jedem Satz. „Danke für eure Wertschätzung, danke. Jetzt darf ich wieder bei euch sein. Ihr seid mein Lebenselixier.“ Das war rührend und prätentiös zugleich.

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