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Öffentlicher Nahverkehr : Mit einer App durch ganz Deutschland

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Die Zahl der Fahrgäste, die in Deutschland mit Bussen und Bahnen fahren, ist im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand aller Zeiten gestiegen. Bild: dpa

Immer mehr Menschen nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Künftig sollen nur wenige Klicks in einer App genügen, um mit Bus und Bahn durchs ganze Land zu kommen. Das soll auch die Städte entlasten.

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          Immer mehr Menschen in Deutschland fahren Bus und Bahn, immer mehr Menschen pendeln, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs geht aber nur langsam voran. Zugleich drängen neue Anbieter wie Uber auf den Markt der Mobilität und setzen alteingesessene Anbieter wie die Taxiunternehmen mit einer konsequenten Ausrichtung auf digitale Möglichkeiten unter Druck. Neue Verkehrsmittel wie die E-Scooter genannten Elektroroller machen indes den knappen Platz auf den Straßen und Gehwegen der Großstädte noch knapper. Wie also soll der Verkehr der Zukunft in Deutschlands Städten aussehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Round-Table-Gesprächs „Mobilität findet Stadt“ FAZ.NET in Kooperation mit dem Autoklub ADAC, dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und den kommunalen Spitzenverbänden im Rahmen der Initiative „Deutschland mobil 2030“.

          Dass sich die deutschen Verkehrsunternehmen von den Herausforderungen der Digitalisierung nicht schrecken lassen, dokumentierte dabei der VDV. Der Verband arbeitet schon seit einiger Zeit daran, dass Fahrgäste in der App ihres Verkehrsunternehmens Fahrkarten für Fahrten in ganz Deutschland kaufen können. Vom kommenden Jahr an soll es nun möglich sein, dass eine Frankfurterin mit der App ihres Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) auch Tickets für die Straßenbahnen in Stuttgart kaufen kann, wenn sie dorthin verreist, wie VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff ankündigte. Zunächst seien neun Verkehrsbetriebe an Bord, unter anderem aus Frankfurt, Stuttgart, München, Bochum, Dortmund und Mannheim. Auch die Deutsche Bahn ist unter den Projektpartnern. Später solle es auch möglich sein, Fernverkehrsfahrkarten über das „Mobility inside“ genannte System zu kaufen, hieß es beim VDV. „Das Mobilitätsverhalten hat sich verändert und sich weit über die eigene Stadt oder Region ausgedehnt, die Verkehrsverbünde sind in ihren räumlichen Grenzen aber so geblieben, wie sie sind“, sagte RMV-Chef und VDV-Vizepräsident Knut Ringat. Deshalb müssten Fahrgäste die Möglichkeit bekommen, mit einer App durch ganz Deutschland zu fahren.

          Die Zahl der Fahrgäste, die in Deutschland mit Bussen und Bahnen fahren, ist im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand aller Zeiten gestiegen. Die Schwierigkeit: Die Verkehrsmittel sind langsam, aber sicher überfüllt. „Deutschland hat zu lange Investitionspolitik nach Kassenlage gemacht“, sagte VDV-Geschäftsführer Wolff. Nun habe etwa der Bund seine Mittel für den Nahverkehr erhöht – doch bis neue Strecken fertig seien, dauere es. „Unter dem Strich muss man sagen: Wir leiden heute noch, trotz Investitionshochlauf in den letzten Jahren, unter den jahrzehntelangen Versäumnissen der Vergangenheit“, sagte Wolff.

          Neue Gewohnheiten, neue Anbieter

          Nun, wo Geld da ist, werden die Bauunternehmen knapp. „Wir stellen beim Bauen enorme Preisexplosionen fest, egal ob im Hoch- oder im Tiefbau: 40 bis 50 Prozent innerhalb kürzester Zeit“, sagte Ralph Spiegler, Vizepräsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und Bürgermeister der rheinhessischen Verbandsgemeinde Nieder-Olm. Die Bauindustrie tue, was sie könne, hielt Tim-Oliver Müller, Geschäftsbereichsleiter des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, dem entgegen: „Die Bauunternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100.000 Beschäftigte eingestellt, Ende dieses Jahres werden wieder 855.000 Beschäftigte bei uns arbeiten. Diese Leistung allein ist enorm.“ Nun müsse der Staat seine Investitionen konstant halten, sonst gingen die Kapazitäten wieder verloren. Wolff schlug vor, zur Beschleunigung von Planungsverfahren die derzeitigen Genehmigungsprozesse „radikal“ zu ändern: „Die Justiz sollte einen eigenen Senat für Planfeststellungsverfahren einrichten, so dass Einwände schnell und zügig bearbeitet werden können.“ Der VDV-Geschäftsführer schlug sogar vor, die Kosten der Verfahren per se den Trägern der Vorhaben aufzubürden. „Bei einem Milliardenprojekt fallen die im Verhältnis überschaubaren Kosten für Gerichtsverfahren und Gutachten kaum ins Gewicht. Hauptsache, es geht schnell voran.“

          Sogar der ADAC sprach sich für eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs aus. „Natürlich konkurriert das Auto mit anderen Verkehrsmitteln um einen begrenzten Raum“, sagte der für Verkehr zuständige Vizepräsident Ulrich Klaus Becker. „Besonders in Großstädten spitzt sich die Situation inzwischen stark zu, so dass dringend etwas geschehen muss, vor allem was den öffentlichen Nahverkehr betrifft.“ Es könne nicht sein, dass immer noch Einfamilienhauswohngebiete geplant würden, ohne bei ihnen eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr vorzusehen. Bürgermeister Spiegler wies jedoch darauf hin, dass die Situation auf dem Land eine andere sei als in den Städten. „Sie werden nie ohne Individualverkehr auskommen, jedenfalls nicht in den nächsten 20 bis 30 Jahren“, sagte er. „Deshalb müssen wir im Umfeld um die Zentren Umsteigemöglichkeiten schaffen, die attraktiv sind. Was es heute an Park-and-ride-Plätzen gibt, ist erbärmlich.“ Der Chef der Darmstädter Verkehrsbetriebe Heag Mobilo, Matthias Kalbfuss, wies darauf hin, dass es so wenige der begehrten Parkflächen gebe, weil man eben in der Vergangenheit Mobilität anders gedacht habe. „Wir erleben zurzeit eine rasante Veränderung der Mobilitätsgewohnheiten“, sagte er. „Die Voraussetzungen dafür zu schaffen braucht ganz viel Zeit. Das bringt uns im Moment so in die Bredouille.“

          Wo neue Gewohnheiten sind, sind auch neue Anbieter. Das brachte Tom Kirschbaum, Gründer des Berliner Mobilitäts-Start-ups Door-2-Door, auf den Punkt. „In dem Moment, wo das autonome Fahren da ist, werden Carsharing und Fahrdienste wie Uber zu ein und demselben Angebot“, sagte er. „Das kann in zehn Jahren der neue öffentliche Nahverkehr sein – sofern nicht der klassische ÖPNV massiv in diese Richtung investiert und sein Feld bestellt.“

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