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Hanks Welt : Gesellschaft der Scham

Ein Flugzeug im Anflug auf Hannover. Ob sich die Passagiere darin wohl schämen? Bild: dpa

Öffentliche Demütigungen als „Umweltsau“ sind die modernen Formen des „an-den-Pranger-Stellens“. Doch führt Scham auch zur Veränderung von Verhalten?

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          So viel Scham wie heute war selten. Flugscham muss empfinden, wer mit der Lufthansa von Frankfurt nach Berlin fliegt. SUV-Scham soll aufkommen bei der Fahrt zum Ökoladen mit dem Porsche Cayenne. Fleischscham ist angesagt beim Verzehr eines Dry-Aged-T-Bone-Steaks. Und Klamotten-Scham soll jeden befallen, der sich ein neues Hemd (made in Bangladesch) leistet. Man kommt aus dem Schämen nicht mehr heraus. Aber was ist eigentlich Scham, was passiert beim Schämen – und, die zentrale Frage, führt Scham zur Veränderung von Verhalten?

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Scham kennt jeder. Es ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl, das in peinlichen Situationen aufkommt und unmittelbar körperlich wirkt. Spätestens in der Pubertät geht es los. Man möchte im Boden versinken und hört sein eigenes Herz schlagen. Am schlimmsten ist, dabei rot zu werden: Dann können, was man ja gerade vermeiden will, alle anderen sehen, dass ich gerade in ein Fettnäpfchen getreten bin. Léon Wurmser, ein in Amerika lebender Schweizer Psychoanalytiker, unterscheidet in seinem Buch „Die Maske der Scham“ drei Ebenen: die Schamangst bei drohender Gefahr der Bloßstellung. Den Schamaffekt, all die spürbaren unangenehmen Emotionen. Und schließlich die Schamhaftigkeit, den Versuch, Situationen zu meiden, die eine Demütigung mit sich bringen könnten.

          Scham, so Wurmser, bezieht sich auf eigenes Versagen, darauf, dass man schwach, fehlerhaft und mangelhaft ist. Sie unterscheidet sich von der Schuld, welche die Verletzung eines anderen zum Inhalt hat. Kurzum: Scham ist etwas, was jeder gerne vermeiden möchte, was sich aber ein Leben lang nicht vermeiden lässt. Allenfalls mit besonders unsensibler Naivität begabte Zeitgenossen schaffen das. Doch für sie hat der Schöpfer das sogenannte Fremdschämen erfunden: Da übernehmen dann andere stellvertretend die unangenehmen Affekte.

          „Umweltsau“ ist die moderne Form des „an-den-Pranger-Stellens“

          Im zwischenmenschlichen Kampf lässt sich Scham als Waffe einsetzen. „Schäm dich!“, sagt die Mutter zum Kind. Früher musste man dann in der Ecke stehen. Pranger wurden jene Holzpfähle genannt, an die man seit dem 13. Jahrhundert verurteilte Straftäter fesselte, um sie öffentlich vorzuführen. Jemandem Schamgefühle zuzufügen ist ein Akt öffentlicher Demütigung zur Strafe und zur Abschreckung aller anderen.

          Dass der Pranger nicht abgeschafft wurde, sieht man an den Klimaaktivisten. Die öffentliche Demütigung als „Umweltsau“ ist die moderne Form des „an-den-Pranger-Stellens“. Wie schon im Mittelalter soll der Zweck die Mittel heiligen. Scham, so die Hoffnung, führt zur Änderung von Verhalten, in diesem Fall also zu klimabewusstem und klimaneutralem Verhalten. Anderen demütigende Schamgefühle zuzufügen rechtfertigt sich als Aktion im Dienste der Rettung des gefährdeten Planeten.

          Doch was wissen wir eigentlich über die Entstehung von altruistischer Verhaltensänderung? Das ist ein weites Feld, auf dem auch Ökonomen einiges zu melden haben. Der Münchner Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Sell verweist auf die klassische Erklärung, warum wir Bettlern auf der Straße Geld geben, eine Mildtätigkeit, die dem egoistischen Homo oeconomicus eigentlich fremd sein müsste. Doch es könnte sein, dass das im eigenen Ethos verwurzelte Schamgefühl ihm verbietet, einem Bedürftigen keine Hilfe zukommen zu lassen. Dann ginge es ihm in Wahrheit um die Rettung der eigenen Identität. Auf diese Weise wäre der Altruismus auf rationalen Eigennutz zurückgeführt: Wer will schon mit beschädigter Identität dastehen? Hinzu kommt die Angst, von anderen dabei ertappt zu werden, achtlos an einem Bettler vorüberzugehen, was zumindest bei empfindsameren Menschen zu Scham führen würde.

          Was bringt es, wenn ich allein spende?

          Ob freilich diese Vermutungen zutreffen, lässt sich nur empirisch überprüfen. Das versucht Matthias Sutter. Der Verhaltensökonom ist Direktor am Bonner Max Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und macht Experimente, bei denen er die Probanden in Entscheidungssituationen bringt, ob und unter welchen Bedingungen sie bereit sind, ihnen angebotenes Geld für einen guten Zweck zu spenden, das sie aber auch in die eigene Tasche stecken könnten. Dabei kommt heraus: Die Tatsache, dass andere mich sozial kontrollieren, fördert den Altruismus keinesfalls.

          Im Gegenteil. Zwar könnte man denken, es aktiviere die vorweggenommene Scham, als unbarmherzig identifiziert werden zu können. Doch stärker ist offenbar ein Mechanismus, den man als Delegation von Verantwortung beschreiben könnte: Was bringt es, wenn ich allein spende? Wie man sieht, tun es die anderen doch auch nicht! Nennenswerte Effekte zugunsten altruistischer Regungen stellen sich in den Experimenten erst ein, wenn egoistisches Verhalten durch außenstehende Beobachter „bestraft“ wird, mithin den Probanden Geld entzogen wird, es also wirklich weh tut.

          Das hat Konsequenzen für unsere Gesellschaft der Scham, die den auf Moralappelle setzenden Klimaaktivisten nicht gefallen dürften. Denn es ist sehr schwer, über Angst und Scham das Verhalten von Menschen zu ändern. Gewiss, der Pranger wirkt: Wer nicht ganz abgebrüht ist, fliegt heute mit schlechtem Gewissen von Frankfurt nach Berlin. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er fliegt. Dass andere ihn dabei beobachten, hält ihn nicht davon ab zu fliegen: Die anderen fliegen ja auch. Seit ihren Anfängen in den siebziger Jahren spielt die Umwelt- und Klimabewegung auf der Klaviatur der Scham. Das hat die Menschen in Angst versetzt, ihr Verhalten aber nicht nennenswert verändert.

          Der Emissionshandel entmoralisiert die Klimapolitik

          Glaubt man den Verhaltensökonomen, dann würden sich verhaltensändernde Effekte des Anprangerns erst einstellen, wenn die Aktivisten den Druck auf das schlechte Gewissen, also die psychischen Kosten klimaschädlichen Verhaltens, deutlich erhöhen würden, sie aktiv bestrafen könnten. Sogenannte „Name and shame“-Kampagnen bauen darauf: Es wäre das exemplarische oder gar flächendeckende Outen von Klimasündern durch öffentlich zugängliche, personalisierte Listen. Dort könnten alle, die es wollen, nachlesen, wie oft ich, Rainer Hank, von Frankfurt nach Berlin fliege, wie viele Steaks ich im Monat gegessen habe und welches spritfressende Auto ich fahre. In dieser Welt spielen die Umweltaktivisten die Rolle des Klima-Blockwarts, eine Horror-Welt, die umso mehr schreckt, als zu befürchten ist, dass sie inzwischen mehr und mehr Freunde findet.

          Anstatt den moralischen Preis zu erhöhen, also eine Art Gewissensfolter einzuführen, wäre es besser, den finanziellen Preis für klimaschädliches Verhalten heraufzusetzen. Das ist der Sinn des Emissionshandels, den international durchzusetzen beim vergangenen Gipfel in Madrid leider nicht gelungen ist. Doch das ist kein Grund, zu resignieren: Der Emissionshandel entmoralisiert die Klimapolitik. Der Pranger der Scham moralisiert sie. Denn die Scham, so der Frankfurter Dichter Wilhelm Genazino, „warnt ununterbrochen vor dem Leben, sie empfiehlt, das Leben sein zu lassen, und wer es dennoch riskiert, wird hinterher von ihr zur Rechenschaft gezogen“. Oder, wie es im Talmud heißt: „Jemanden öffentlich beschämen ist wie Blut vergießen.“

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