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Hanks Welt : Gesellschaft der Scham

Was bringt es, wenn ich allein spende?

Ob freilich diese Vermutungen zutreffen, lässt sich nur empirisch überprüfen. Das versucht Matthias Sutter. Der Verhaltensökonom ist Direktor am Bonner Max Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und macht Experimente, bei denen er die Probanden in Entscheidungssituationen bringt, ob und unter welchen Bedingungen sie bereit sind, ihnen angebotenes Geld für einen guten Zweck zu spenden, das sie aber auch in die eigene Tasche stecken könnten. Dabei kommt heraus: Die Tatsache, dass andere mich sozial kontrollieren, fördert den Altruismus keinesfalls.

Im Gegenteil. Zwar könnte man denken, es aktiviere die vorweggenommene Scham, als unbarmherzig identifiziert werden zu können. Doch stärker ist offenbar ein Mechanismus, den man als Delegation von Verantwortung beschreiben könnte: Was bringt es, wenn ich allein spende? Wie man sieht, tun es die anderen doch auch nicht! Nennenswerte Effekte zugunsten altruistischer Regungen stellen sich in den Experimenten erst ein, wenn egoistisches Verhalten durch außenstehende Beobachter „bestraft“ wird, mithin den Probanden Geld entzogen wird, es also wirklich weh tut.

Das hat Konsequenzen für unsere Gesellschaft der Scham, die den auf Moralappelle setzenden Klimaaktivisten nicht gefallen dürften. Denn es ist sehr schwer, über Angst und Scham das Verhalten von Menschen zu ändern. Gewiss, der Pranger wirkt: Wer nicht ganz abgebrüht ist, fliegt heute mit schlechtem Gewissen von Frankfurt nach Berlin. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er fliegt. Dass andere ihn dabei beobachten, hält ihn nicht davon ab zu fliegen: Die anderen fliegen ja auch. Seit ihren Anfängen in den siebziger Jahren spielt die Umwelt- und Klimabewegung auf der Klaviatur der Scham. Das hat die Menschen in Angst versetzt, ihr Verhalten aber nicht nennenswert verändert.

Der Emissionshandel entmoralisiert die Klimapolitik

Glaubt man den Verhaltensökonomen, dann würden sich verhaltensändernde Effekte des Anprangerns erst einstellen, wenn die Aktivisten den Druck auf das schlechte Gewissen, also die psychischen Kosten klimaschädlichen Verhaltens, deutlich erhöhen würden, sie aktiv bestrafen könnten. Sogenannte „Name and shame“-Kampagnen bauen darauf: Es wäre das exemplarische oder gar flächendeckende Outen von Klimasündern durch öffentlich zugängliche, personalisierte Listen. Dort könnten alle, die es wollen, nachlesen, wie oft ich, Rainer Hank, von Frankfurt nach Berlin fliege, wie viele Steaks ich im Monat gegessen habe und welches spritfressende Auto ich fahre. In dieser Welt spielen die Umweltaktivisten die Rolle des Klima-Blockwarts, eine Horror-Welt, die umso mehr schreckt, als zu befürchten ist, dass sie inzwischen mehr und mehr Freunde findet.

Anstatt den moralischen Preis zu erhöhen, also eine Art Gewissensfolter einzuführen, wäre es besser, den finanziellen Preis für klimaschädliches Verhalten heraufzusetzen. Das ist der Sinn des Emissionshandels, den international durchzusetzen beim vergangenen Gipfel in Madrid leider nicht gelungen ist. Doch das ist kein Grund, zu resignieren: Der Emissionshandel entmoralisiert die Klimapolitik. Der Pranger der Scham moralisiert sie. Denn die Scham, so der Frankfurter Dichter Wilhelm Genazino, „warnt ununterbrochen vor dem Leben, sie empfiehlt, das Leben sein zu lassen, und wer es dennoch riskiert, wird hinterher von ihr zur Rechenschaft gezogen“. Oder, wie es im Talmud heißt: „Jemanden öffentlich beschämen ist wie Blut vergießen.“

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