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Obdachlosenküchen : Die wundersame Vermehrung der Tafeln

  • -Aktualisiert am

„Es werden immer mehr Menschen, die zu uns kommen” Bild: dpa

Armenspeisung in Suppenküchen war der Anfang. Gab es 1995 bundesweit nur 35 Tafeln in Deutschland, sind es nun knapp 800. Sie versorgen mehr als 700.000 Menschen. Ein großes Geschäft, gesponsert von Staat und Firmen.

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          Die Menschenschlange reicht bis in den Hof hinaus. Hundert, vielleicht auch 150 Menschen haben sich an diesem Mittag in der Wuppertaler Tafel eingereiht. Ein altes Fabrikgebäude im Stadtteil Barmen haben die Tafel-Organisatoren umfunktioniert: zur kostenlosen Essensausgabe. Drinnen, in der Küche, schieben sich die Wartenden an den Tellern vorbei. Zwei Frauen heben Spätzle und Currywurst auf das Porzellan.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Wolfgang Nielsen ist Chef der Wuppertaler Tafel. Er steht in der Küche, blickt auf dampfende Nudeln und sagt: "Es werden immer mehr Menschen, die zu uns kommen." Früher, vor zehn Jahren, "sind 30 Kunden gekommen". Nun sind es 350 Mittagessen, "inklusive Abendessen gibt es 1000 Portionen am Tag".

          Ob in Wuppertal oder anderswo im Land: Die Tafeln sind zur Boombranche geworden. Es ist die Geschichte einer wundersamen Vermehrung. Gab es 1995 bundesweit nur 35 Tafeln in Deutschland, sind es nun knapp 800. Sie versorgen regelmäßig mehr als 700000 Menschen (siehe Grafik). Mit Armenspeisung in kleinen Suppenküchen hat das alles nichts mehr gemeinsam. Die Arbeit "ist wie bei einem Unternehmen", sagt Nielsen. Wenn er durch das Gebäude führt, offenbaren sich die Dimensionen: 2500 Quadratmeter, 13 eigene Lieferwagen stehen im Hof, und unten im Keller ist das Lager: Paletten mit Gurkengläsern stapeln sich hier. Pakete mit Senftuben und Ketchup in Dutzenden 10-Liter-Eimern warten auf ihren Einsatz. Bald werden sie hier unten ein weiteres Kühlhaus einbauen.

          Logistischer Großeinsatz: Die Berliner Tafel sortiert aus
          Logistischer Großeinsatz: Die Berliner Tafel sortiert aus : Bild: Christian Thiel

          In Berlin hat alles angefangen

          Mit den Tafeln hat sich eine bedeutsame Maschinerie der Resteverwerter etabliert: Was Supermärkte und Kaufhäuser abgeben, weil es ihre Kunden nicht verspeisen oder einfach nicht kaufen mögen, geht an die Tafeln. Die reichen es dann an ihre Gäste weiter. In der Regel ist das Angebot kostenlos, manchmal kostet es 50 Cent oder einen Euro.

          In Berlin hat alles angefangen: Sabine Werth ist so etwas wie die "Urmutter der Tafeln". Werth ist eine lebhafte Unternehmerin, 1993 hat sie in der Hauptstadt die erste Tafel gegründet - gemeinsam mit anderen engagierten Frauen aus der besseren Gesellschaft. Ihr Vorbild war die Initative "City Harvest" aus New York, die Obdachlose mit Lebensmitteln versorgte. Die Berlinerin machte es nach: Mit ihrem Geländewagen fuhr sie zu Obst- und Gemüsehändlern, sortierte das Obst aus, das noch gegessen werden konnte, und brachte es zu Obdachlosenküchen. "Die haben gekocht und verteilt, wir haben die Waren geliefert", sagt Werth.

          Inzwischen gibt es in Berlin 13 Tafeln. Allein Werths Verein - heute die größte Tafel Deutschlands - beliefert Obdachlosenküchen und mehr als 40 Kirchengemeinden und betreibt drei Kinderrestaurants. 120 000 Menschen holen sich dort regelmäßig ihre Lebensmittel für einen Euro ab. Die anderen Berliner Tafeln, die sich so nicht nennen dürfen, weil der Name geschützt ist, geben Essen selbst an Bedürftige ab.

          Die Hälfte der Waren ist noch genießbar: Der Rest wandert in den Müll

          Manche Tafeln, wie zum Beispiel im reichen Starnberg, öffnen nur einmal in der Woche. In Berlin, aber auch in Wuppertal gibt es ein 365-Tage-Angebot. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Essensverteilung zum Nulltarif. Die Anbieter sind zu kleinen Sozialkonzernen geworden: mit Kleiderkammern, Gebrauchtmöbelverkauf und medizinischer Betreuung für Obdachlose.

          Der Aufwand, den die Tafeln dabei betreiben, ist enorm. Nach Feierabend nur mal ein paar Kisten Brot verteilen, damit ist es längst nicht mehr getan: Zehn Tonnen Lebensmittel verteilen allein die Helfer der Bochumer Tafel jeden Tag. In Berlin sind es monatlich 550 Tonnen Lebensmittel.

          Zwei Angestellte der Berliner Tafel kümmern sich ausschließlich um die Logistik. Morgens vor acht kommen die Fahrer der ersten Schicht zu ihren weißen Lieferwagen. Sie fahren festgelegte Routen, sammeln ein, was Lidl und Co., aber auch Bäckereien und Hotels übrig haben. Zurück in der Lagerhalle auf dem Großmarkt warten 40 bis 50 Helfer darauf, aus den Lieferungen das herauszusuchen, was noch gegessen werden kann. Die Hälfte der Waren ist noch verwertbar, der Rest wandert in den Müll.

          Ob Fahrer oder Sortierer: Nur mit ehrenamtlichen Helfern lässt sich das alles nicht machen. Bei der Berliner Tafel erledigen Ein-Euro-Jobber die Arbeit und stocken sich so ihr Hartz IV auf. Auch Männer und Frauen, die von Gerichten zu sozialer Arbeit verurteilt worden sind, müssen hier helfen. Alle tragen das grüne T-Shirt mit dem Aufdruck "Berliner Tafel".

          Die Basis: Spendierfreude der Supermärkte

          Kein Wunder, dass bei solchen Dimensionen viel Geld nötig ist: Die Berliner Tafel braucht mindestens 300 000 Euro Spenden im Jahr, um ihre hauptamtlichen Mitarbeiter bezahlen zu können und den Betrieb aufrechtzuerhalten. 500 000 Euro Spenden kamen im vergangenen Jahr zusammen. "Wir finanzieren uns aus Spenden und Beiträgen der 1250 Vereinsmitglieder", sagt Werth. Direkte staatliche Gelder fließen nicht.

          Doch indirekt hilft der Staat: Immerhin 3200 Ein-Euro-Jobber arbeiten bundesweit für die Tafeln und bessern sich durch die Arbeit ihr Hartz IV auf. Dazu kommen Zivildienstleistende, Eingliederungszuschüsse für Langzeitarbeitslose, die bei den Tafeln ihren neuen Job finden. Ohne diesen staatlich finanzierten zweiten Arbeitsmarkt wäre die Tafel-Branche nicht so stark gewachsen.

          Möglich ist die Arbeit der Tafeln erst durch die Spendierfreude der Supermärkte. Denn Tafeln wie in Wuppertal versichern: "Wir kaufen keine Lebensmittel, höchstens einmal Salz." Es ist nicht nur der Bäcker, der seine übrig gebliebenen Brötchen spendiert. Ob Metro, Edeka oder Aldi Süd - fast alle großen Discounter und Handelskonzerne machen mit. Die Arbeit der Tafeln liefert ihnen schließlich auch ein besonders gutes Image. Welche Arbeit erscheint sinnvoller, als hungrigen Menchen kostenlos Essen zu geben? Der Bundesverband Deutsche Tafel meldet, dass 35 000 Menschen ehrenamtlich für die Tafeln arbeiten. Solch ein Projekt zu unterstützen, das lässt sich für die PR-Arbeit der Lebensmittelindustrie sehr gut nutzen.

          Die Tafel senkt die Kosten für die Entsorgung

          Für Supermärkte, Hotels und Händler ist es aber auch wirtschaftlich attraktiv, die Tafel zu unterstützen. Denn sie senkt die Kosten für die Lebensmittelentsorgung. So genau will das zwar niemand in der Industrie zugeben, doch Tatsache ist: Allein für Werths Berliner Tafel schlägt die Entsorgung des Mülls mit bis zu 2000 Euro im Monat zu Buche.

          Außerdem stellen die Tafeln Spendenquittungen für die Unternehmen aus. Das hatte für manchen Einzelhändler auch schon unbeabsichtigte Konsequenzen: Ein Supermarkt in Berlin hatte im Laufe von drei Monaten immer wieder Waren im Wert von 168.000 Euro abgegeben - stets fünf Tage vor dem Verfallsdatum der Ware. Nachdem die Konzernleitung die Spendenquittungen sichtete, wurden die für die "überflüssigen Lieferungen" verantwortlichen Manager wegen der offensichtlichen Verschwendung schnell ausgewechselt.

          Die Spendenquittungen bringen den Unternehmen aber vor allem finanzielle Vorteile: Nahrungsspenden werden stets mit einem Lieferschein geliefert - so verlangt es die Europäische Union. Denn Lebensmittellieferungen müssen lückenlos überprüfbar sein. Auf Lieferscheinen steht auch der Warenwert. Das heißt: Wer zehn Paletten Äpfel liefert, bekommt eine Spendenquittung über den Wert der zehn Paletten - selbst wenn davon vielleicht nur noch wenige genießbar sind.

          Gastronomen und Kleinhändler murren

          Die Unternehmen sehen bei ihren Spenden an die Tafel genau, wo sie selbst zu viel bestellt hatten - und kalkulieren knapper. Die Folge: Oft gibt es weniger Ware für die Tafeln. Manche Tafeln beklagen schon, dass sie ihr Angebot nicht mehr aufrechterhalten können. Tafel-Pionierin Werth in Berlin sagt: "Wir müssen heute für dieselbe Menge an Lebensmitteln die doppelte Strecke fahren, weil die einzelnen Unternehmen weniger spenden." Außerdem argumentieren viele Tafeln, dass immer mehr Menschen arm seien und das Angebot die wachsende Nachfrage nicht mehr decken könne. Werth: "Die Verelendung unserer Gesellschaft ist greifbar." Doch es stimmt auch: Mit dem Angebot ihrer Tafel weckt sie genau die Nachfrage, die sie als Beleg für wachsende Armut nimmt. So sagt eine junge Mutter in Berlin, die sich regelmäßig in ihrer Kirchengemeinde mit Lebensmitteln eindeckt: "Hier bekomme ich Obst, Gemüse und Brot für einen Euro. Das Geld, das ich so spare, kann ich jetzt für andere Anschaffungen verwenden."

          Wer Essen von der Tafel bekommen will, muss nachweisen, dass er bedürftig ist. Dazu reicht der Hartz-IV-Bescheid des Arbeitsamtes oder der Rentenbescheid. Andere Tafeln wie die in Wuppertal sind weniger restriktiv. Die Bedürftigkeit wird nicht kontrolliert.

          Kein Wunder, dass dort die Tafel Ärger auf sich zieht - von Gastronomen und Kleinhändlern in der Umgebung. Sie murren, weil die Tafel durch die Kostenlos-Speisung potentielle Kunden raubt. Motto: Warum noch einen Mittagstisch anbieten, wenn es bei der Tafel alles umsonst gibt? Nielsen entgegnet, dass seine Tafel keine Konkurrenz sei.

          „Tiertafeln“ bieten Gratisfutter für Haustiere

          Doch Missbrauch gibt es. Gerade in Berlin. Dort existieren 14 Organisationen, die Essen an Bedürftige verteilen. Keine kennt die Kunden der Konkurrenz. Für Werth ist das geradezu eine Einladung zum Missbrauch: "Sie könnten sich so an 14 Stellen Lebensmittel für die Woche holen." Es gibt Fälle, in denen Hartz-IV-Empfänger ihr Obst kostenlos abholen und die Gratislebensmittel dann zu Geld machen.

          Auch wenn Nielsen in Wuppertal durch sein Lager geht und bei einer Palette gespendetem Rasierschaum haltmacht, weiß er: "Mit dieser Menge kann ich den Markt beeinflussen." Wenn er diese Packungen alle verteilen würde, ginge niemand mehr in den Supermarkt. Also parkt er den Rasierschaum erst mal weiter im Keller.

          Um sich auf Dauer eine solide Basis zu sichern, kämpfen die Tafeln nun um die Anerkennung als neue Säule im Wohlfahrtsmarkt. Ihr Verband will einen ähnlichen Status wie die Arbeiterwohlfahrt oder das Rote Kreuz.

          Bisher sponsert der Metro-Konzern die Arbeit des Bundesverbandes Deutsche Tafeln - mit einer sechsstelligen Summe. Das ist Verbandschef Gerd Häuser nicht genug: "Wir wollen mit unserem Bundesverband ebenso finanziell vom Staat unterstützt werden wie die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege auch." Bei 800 Tafeln sei es notwendiger denn je, dass es einen Bundesverband gebe, der die Tafeln vertritt und für Qualitätsstandards sorge. Auch Geld von der EU hätte Häuser gern, zumal andere Länder wie Frankreich ihren Tafeln direkt Geld geben.

          Während sich der Tafelverband um das eigene finanzielle Fortkommen müht, gibt es noch Ärger durch Konkurrenten: Immer öfter starten nun auch sogenannte Tiertafeln - Gratisfutter für Haustiere. Damit wollen die Tafelanbieter nichts zu tun haben. Ihre Anwälte haben sich deshalb schon in Bewegung gesetzt.

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