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Obdachlosenküchen : Die wundersame Vermehrung der Tafeln

  • -Aktualisiert am
„Es werden immer mehr Menschen, die zu uns kommen”
          6 Min.

          Die Menschenschlange reicht bis in den Hof hinaus. Hundert, vielleicht auch 150 Menschen haben sich an diesem Mittag in der Wuppertaler Tafel eingereiht. Ein altes Fabrikgebäude im Stadtteil Barmen haben die Tafel-Organisatoren umfunktioniert: zur kostenlosen Essensausgabe. Drinnen, in der Küche, schieben sich die Wartenden an den Tellern vorbei. Zwei Frauen heben Spätzle und Currywurst auf das Porzellan.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Wolfgang Nielsen ist Chef der Wuppertaler Tafel. Er steht in der Küche, blickt auf dampfende Nudeln und sagt: "Es werden immer mehr Menschen, die zu uns kommen." Früher, vor zehn Jahren, "sind 30 Kunden gekommen". Nun sind es 350 Mittagessen, "inklusive Abendessen gibt es 1000 Portionen am Tag".

          Ob in Wuppertal oder anderswo im Land: Die Tafeln sind zur Boombranche geworden. Es ist die Geschichte einer wundersamen Vermehrung. Gab es 1995 bundesweit nur 35 Tafeln in Deutschland, sind es nun knapp 800. Sie versorgen regelmäßig mehr als 700000 Menschen (siehe Grafik). Mit Armenspeisung in kleinen Suppenküchen hat das alles nichts mehr gemeinsam. Die Arbeit "ist wie bei einem Unternehmen", sagt Nielsen. Wenn er durch das Gebäude führt, offenbaren sich die Dimensionen: 2500 Quadratmeter, 13 eigene Lieferwagen stehen im Hof, und unten im Keller ist das Lager: Paletten mit Gurkengläsern stapeln sich hier. Pakete mit Senftuben und Ketchup in Dutzenden 10-Liter-Eimern warten auf ihren Einsatz. Bald werden sie hier unten ein weiteres Kühlhaus einbauen.

          Logistischer Großeinsatz: Die Berliner Tafel sortiert aus
          Logistischer Großeinsatz: Die Berliner Tafel sortiert aus : Bild: Christian Thiel

          In Berlin hat alles angefangen

          Mit den Tafeln hat sich eine bedeutsame Maschinerie der Resteverwerter etabliert: Was Supermärkte und Kaufhäuser abgeben, weil es ihre Kunden nicht verspeisen oder einfach nicht kaufen mögen, geht an die Tafeln. Die reichen es dann an ihre Gäste weiter. In der Regel ist das Angebot kostenlos, manchmal kostet es 50 Cent oder einen Euro.

          In Berlin hat alles angefangen: Sabine Werth ist so etwas wie die "Urmutter der Tafeln". Werth ist eine lebhafte Unternehmerin, 1993 hat sie in der Hauptstadt die erste Tafel gegründet - gemeinsam mit anderen engagierten Frauen aus der besseren Gesellschaft. Ihr Vorbild war die Initative "City Harvest" aus New York, die Obdachlose mit Lebensmitteln versorgte. Die Berlinerin machte es nach: Mit ihrem Geländewagen fuhr sie zu Obst- und Gemüsehändlern, sortierte das Obst aus, das noch gegessen werden konnte, und brachte es zu Obdachlosenküchen. "Die haben gekocht und verteilt, wir haben die Waren geliefert", sagt Werth.

          Inzwischen gibt es in Berlin 13 Tafeln. Allein Werths Verein - heute die größte Tafel Deutschlands - beliefert Obdachlosenküchen und mehr als 40 Kirchengemeinden und betreibt drei Kinderrestaurants. 120 000 Menschen holen sich dort regelmäßig ihre Lebensmittel für einen Euro ab. Die anderen Berliner Tafeln, die sich so nicht nennen dürfen, weil der Name geschützt ist, geben Essen selbst an Bedürftige ab.

          Die Hälfte der Waren ist noch genießbar: Der Rest wandert in den Müll

          Manche Tafeln, wie zum Beispiel im reichen Starnberg, öffnen nur einmal in der Woche. In Berlin, aber auch in Wuppertal gibt es ein 365-Tage-Angebot. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Essensverteilung zum Nulltarif. Die Anbieter sind zu kleinen Sozialkonzernen geworden: mit Kleiderkammern, Gebrauchtmöbelverkauf und medizinischer Betreuung für Obdachlose.

          Der Aufwand, den die Tafeln dabei betreiben, ist enorm. Nach Feierabend nur mal ein paar Kisten Brot verteilen, damit ist es längst nicht mehr getan: Zehn Tonnen Lebensmittel verteilen allein die Helfer der Bochumer Tafel jeden Tag. In Berlin sind es monatlich 550 Tonnen Lebensmittel.

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