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Obdachlosenküchen : Die wundersame Vermehrung der Tafeln

  • -Aktualisiert am

Gastronomen und Kleinhändler murren

Die Unternehmen sehen bei ihren Spenden an die Tafel genau, wo sie selbst zu viel bestellt hatten - und kalkulieren knapper. Die Folge: Oft gibt es weniger Ware für die Tafeln. Manche Tafeln beklagen schon, dass sie ihr Angebot nicht mehr aufrechterhalten können. Tafel-Pionierin Werth in Berlin sagt: "Wir müssen heute für dieselbe Menge an Lebensmitteln die doppelte Strecke fahren, weil die einzelnen Unternehmen weniger spenden." Außerdem argumentieren viele Tafeln, dass immer mehr Menschen arm seien und das Angebot die wachsende Nachfrage nicht mehr decken könne. Werth: "Die Verelendung unserer Gesellschaft ist greifbar." Doch es stimmt auch: Mit dem Angebot ihrer Tafel weckt sie genau die Nachfrage, die sie als Beleg für wachsende Armut nimmt. So sagt eine junge Mutter in Berlin, die sich regelmäßig in ihrer Kirchengemeinde mit Lebensmitteln eindeckt: "Hier bekomme ich Obst, Gemüse und Brot für einen Euro. Das Geld, das ich so spare, kann ich jetzt für andere Anschaffungen verwenden."

Wer Essen von der Tafel bekommen will, muss nachweisen, dass er bedürftig ist. Dazu reicht der Hartz-IV-Bescheid des Arbeitsamtes oder der Rentenbescheid. Andere Tafeln wie die in Wuppertal sind weniger restriktiv. Die Bedürftigkeit wird nicht kontrolliert.

Kein Wunder, dass dort die Tafel Ärger auf sich zieht - von Gastronomen und Kleinhändlern in der Umgebung. Sie murren, weil die Tafel durch die Kostenlos-Speisung potentielle Kunden raubt. Motto: Warum noch einen Mittagstisch anbieten, wenn es bei der Tafel alles umsonst gibt? Nielsen entgegnet, dass seine Tafel keine Konkurrenz sei.

„Tiertafeln“ bieten Gratisfutter für Haustiere

Doch Missbrauch gibt es. Gerade in Berlin. Dort existieren 14 Organisationen, die Essen an Bedürftige verteilen. Keine kennt die Kunden der Konkurrenz. Für Werth ist das geradezu eine Einladung zum Missbrauch: "Sie könnten sich so an 14 Stellen Lebensmittel für die Woche holen." Es gibt Fälle, in denen Hartz-IV-Empfänger ihr Obst kostenlos abholen und die Gratislebensmittel dann zu Geld machen.

Auch wenn Nielsen in Wuppertal durch sein Lager geht und bei einer Palette gespendetem Rasierschaum haltmacht, weiß er: "Mit dieser Menge kann ich den Markt beeinflussen." Wenn er diese Packungen alle verteilen würde, ginge niemand mehr in den Supermarkt. Also parkt er den Rasierschaum erst mal weiter im Keller.

Um sich auf Dauer eine solide Basis zu sichern, kämpfen die Tafeln nun um die Anerkennung als neue Säule im Wohlfahrtsmarkt. Ihr Verband will einen ähnlichen Status wie die Arbeiterwohlfahrt oder das Rote Kreuz.

Bisher sponsert der Metro-Konzern die Arbeit des Bundesverbandes Deutsche Tafeln - mit einer sechsstelligen Summe. Das ist Verbandschef Gerd Häuser nicht genug: "Wir wollen mit unserem Bundesverband ebenso finanziell vom Staat unterstützt werden wie die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege auch." Bei 800 Tafeln sei es notwendiger denn je, dass es einen Bundesverband gebe, der die Tafeln vertritt und für Qualitätsstandards sorge. Auch Geld von der EU hätte Häuser gern, zumal andere Länder wie Frankreich ihren Tafeln direkt Geld geben.

Während sich der Tafelverband um das eigene finanzielle Fortkommen müht, gibt es noch Ärger durch Konkurrenten: Immer öfter starten nun auch sogenannte Tiertafeln - Gratisfutter für Haustiere. Damit wollen die Tafelanbieter nichts zu tun haben. Ihre Anwälte haben sich deshalb schon in Bewegung gesetzt.

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