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Obdachlosenküchen : Die wundersame Vermehrung der Tafeln

  • -Aktualisiert am

Zwei Angestellte der Berliner Tafel kümmern sich ausschließlich um die Logistik. Morgens vor acht kommen die Fahrer der ersten Schicht zu ihren weißen Lieferwagen. Sie fahren festgelegte Routen, sammeln ein, was Lidl und Co., aber auch Bäckereien und Hotels übrig haben. Zurück in der Lagerhalle auf dem Großmarkt warten 40 bis 50 Helfer darauf, aus den Lieferungen das herauszusuchen, was noch gegessen werden kann. Die Hälfte der Waren ist noch verwertbar, der Rest wandert in den Müll.

Ob Fahrer oder Sortierer: Nur mit ehrenamtlichen Helfern lässt sich das alles nicht machen. Bei der Berliner Tafel erledigen Ein-Euro-Jobber die Arbeit und stocken sich so ihr Hartz IV auf. Auch Männer und Frauen, die von Gerichten zu sozialer Arbeit verurteilt worden sind, müssen hier helfen. Alle tragen das grüne T-Shirt mit dem Aufdruck "Berliner Tafel".

Die Basis: Spendierfreude der Supermärkte

Kein Wunder, dass bei solchen Dimensionen viel Geld nötig ist: Die Berliner Tafel braucht mindestens 300 000 Euro Spenden im Jahr, um ihre hauptamtlichen Mitarbeiter bezahlen zu können und den Betrieb aufrechtzuerhalten. 500 000 Euro Spenden kamen im vergangenen Jahr zusammen. "Wir finanzieren uns aus Spenden und Beiträgen der 1250 Vereinsmitglieder", sagt Werth. Direkte staatliche Gelder fließen nicht.

Doch indirekt hilft der Staat: Immerhin 3200 Ein-Euro-Jobber arbeiten bundesweit für die Tafeln und bessern sich durch die Arbeit ihr Hartz IV auf. Dazu kommen Zivildienstleistende, Eingliederungszuschüsse für Langzeitarbeitslose, die bei den Tafeln ihren neuen Job finden. Ohne diesen staatlich finanzierten zweiten Arbeitsmarkt wäre die Tafel-Branche nicht so stark gewachsen.

Möglich ist die Arbeit der Tafeln erst durch die Spendierfreude der Supermärkte. Denn Tafeln wie in Wuppertal versichern: "Wir kaufen keine Lebensmittel, höchstens einmal Salz." Es ist nicht nur der Bäcker, der seine übrig gebliebenen Brötchen spendiert. Ob Metro, Edeka oder Aldi Süd - fast alle großen Discounter und Handelskonzerne machen mit. Die Arbeit der Tafeln liefert ihnen schließlich auch ein besonders gutes Image. Welche Arbeit erscheint sinnvoller, als hungrigen Menchen kostenlos Essen zu geben? Der Bundesverband Deutsche Tafel meldet, dass 35 000 Menschen ehrenamtlich für die Tafeln arbeiten. Solch ein Projekt zu unterstützen, das lässt sich für die PR-Arbeit der Lebensmittelindustrie sehr gut nutzen.

Die Tafel senkt die Kosten für die Entsorgung

Für Supermärkte, Hotels und Händler ist es aber auch wirtschaftlich attraktiv, die Tafel zu unterstützen. Denn sie senkt die Kosten für die Lebensmittelentsorgung. So genau will das zwar niemand in der Industrie zugeben, doch Tatsache ist: Allein für Werths Berliner Tafel schlägt die Entsorgung des Mülls mit bis zu 2000 Euro im Monat zu Buche.

Außerdem stellen die Tafeln Spendenquittungen für die Unternehmen aus. Das hatte für manchen Einzelhändler auch schon unbeabsichtigte Konsequenzen: Ein Supermarkt in Berlin hatte im Laufe von drei Monaten immer wieder Waren im Wert von 168.000 Euro abgegeben - stets fünf Tage vor dem Verfallsdatum der Ware. Nachdem die Konzernleitung die Spendenquittungen sichtete, wurden die für die "überflüssigen Lieferungen" verantwortlichen Manager wegen der offensichtlichen Verschwendung schnell ausgewechselt.

Die Spendenquittungen bringen den Unternehmen aber vor allem finanzielle Vorteile: Nahrungsspenden werden stets mit einem Lieferschein geliefert - so verlangt es die Europäische Union. Denn Lebensmittellieferungen müssen lückenlos überprüfbar sein. Auf Lieferscheinen steht auch der Warenwert. Das heißt: Wer zehn Paletten Äpfel liefert, bekommt eine Spendenquittung über den Wert der zehn Paletten - selbst wenn davon vielleicht nur noch wenige genießbar sind.

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