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Kommentar : Viel Lärm um nichts

  • -Aktualisiert am

Das Casino von Nordrhein-Westfalen versteigert zwei Warhols. Der Kulturbetrieb schreit auf. Dabei braucht der Staat diese Bilder nicht.

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          An diesem Mittwoch geht die Welt unter. Denn das ist der Tag, an dem beim Auktionshaus Christie’s in New York zwei Bilder des amerikanischen Pop-Künstlers Andy Warhol versteigert werden. Was das mit dem Weltuntergang zu tun hat? Klar doch: Die Bilder gehören dem Land Nordrhein-Westfalen. Wenn der Staat anfängt, nationales Kulturgut zu Geld zu machen, dann ist das der Anfang vom Ende der Kultur in unserem Land. Und ein Land ohne Kultur, das wissen wir alle, ist dem Untergang geweiht.

          So jedenfalls trommelt es uns seit Wochen der deutsche Kulturbetrieb ins Ohr, angeführt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. „Tabubruch“ lautet das Stichwort, verbunden mit dem gern genommenen Slogan „Wehret den Anfängen“: Die Direktoren der staatlichen Museen fürchten um Macht und Bestände und schreiben Brandbriefe.

          Gut hundert Millionen Euro erhoffen sich die Eigentümer als Erlös der Auktion; verglichen mit den 400.000 D-Mark, die die Bilder einst gekostet haben, wäre das tatsächlich ein ordentlicher Spekulationsgewinn.

          Warum sammelt der Staat überhaupt Kunst?

          Wenn es also nach Ansicht der Bedenkenträger ums Grundsätzliche geht (es ginge gewiss auch eine Nummer kleiner), darf auch dieser Kommentar getrost beim Prinzipiellen landen: Warum betätigt sich der Staat überhaupt als Kunstsammler? Im Sonderfall der beiden Warhols, die jetzt unter den Hammer kommen, geht es um ein staatliches Spielkasino in Aachen aus den siebziger Jahren. Dort war man damals der Meinung, man müsse den illustren Gästen ein angenehm-stimulierendes Ambiente bieten: Elvis Presley in der Pose des Cowboys und Marlon Brando als Rocker in Lederkluft schienen dafür die richtigen Typen zu sein. Jetzt aber macht das Casino Verluste und will den Auktionserlös als Sanierungsbeitrag einsetzen.

          Es verhält sich wie jedes Unternehmen, das in Not geraten ist und zum sprichwörtlichen Tafelsilber greift. Oder sollen etwa die Steuerzahler einspringen, wenn staatliche Betreiber einer Zockerbude schlecht wirtschaften? Dass Andy Warhol, einer der amerikanischsten aller Künstler, nationales Kulturgut sein soll, ist eine hübsche neokoloniale Pointe.

          Normalerweise kauft der Staat aber nicht Kunst, um ein Smoking-Publikum im Spielcasino zu bespaßen, sondern um seine Museen mit Ausstellungsgegenständen zu füllen. Die ökonomische Begründung dafür lautet, Kunst und Kultur seien „meritorische Güter“. Das sind private Güter, für die am Markt, bezogen auf ihren gesellschaftlich erwünschten Versorgungsgrad, eine zu geringe Nachfrage besteht: Erwünschte Ziele können die Pflege des andernfalls verrottenden Standorts oder die ästhetische Bildung der Bürger sein. Gewiss fromme Ziele.

          Dass es freilich für Kunst eine zu geringe private Nachfrage gäbe, wird man angesichts des seit Jahrzehnten anhaltenden Booms guten Gewissens nicht behaupten können. Wir sind von privaten Sammlern umzingelt, die ihre Erwerbungen nicht nur im elitären Kreis von ihresgleichen präsentieren, sondern gerne auch feine Museen bauen, wo sie die Allgemeinheit an ihrem wirtschaftlichen Erfolg teilhaben lassen.

          Selbst wer die Theorie des meritorischen Gutes teilt, hat Mühe. zu argumentieren, dass die bildende Kunst heute dafür noch ein Anwendungsfall sei. Im Gegenteil: Staatlicher Kunstkauf treibt die Preise am Kunstmarkt weiter nach oben; private Sammler geben ihre Gemälde gerne zeitlich begrenzt generös als Leihgabe dem Staat zur Präsentation: Sie nutzen die Museen als Showroom, um den Marktpreis aufzubessern.

          Preispflege kann kaum eine staatliche Aufgabe sein. Und sollte Warhol wider Erwarten doch nationales Kulturgut sein, wird Schraubenfabrikant Reinhold Würth, wie weiland bei einer Holbein-Madonna, gewiss in New York mitbieten.

          Aber halt: Noch fordert niemand die Privatisierung staatlicher Museen, noch nicht einmal dieser Kommentar. Doch wo wir schon beim Grundsätzlichen sind: Darüber, warum der Staat Spielcasinos betreiben muss, wäre bei Gelegenheit auch einmal zu reden in Zeiten, in denen Bürger offenbar viel lieber im Internet Roulette spielen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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