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Corona-Grenzwert überschritten : Coesfeld zieht die Notbremse

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Mitarbeiter eines Schlachthofs in Niedersachsen zerteilen am Fließband hängende Schweine (Archivbild). Bild: dpa

Nach einem Corona-Ausbruch in einem Schlachtbetrieb werden in dem Kreis Lockerungen verschoben. Auch in Schleswig-Holstein ist ein Kreis von einem Ausbruch in einem Betrieb betroffen. Die fleischverarbeitende Industrie gerät nun als Infektionsherd ins Visier der Politik.

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          Nach dem jüngsten Ausbruch des Coronavirus in einem Schlachtbetrieb im westfälischen Kreis Coesfeld zieht die Landesregierung Konsequenzen. Die Mitarbeiter aller Schlachtbetriebe in Nordrhein-Westfalen werden auf das Virus getestet. Das teilte ein Regierungssprecher in Düsseldorf mit.

          Auf einer Pressekonferenz am Nachmittag gab Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)  bekannt, dass wegen des Corona-Ausbruchs mehrere für den kommenden Montag vorgesehen Lockerungen der Schutzmaßnahmen für den Kreis Coesfeld um eine weitere Woche auf den 18. Mai verschoben werden. Das betreffe insbesondere eine Verlängerung der jetzigen Kontaktbeschränkungen, die Öffnung von Gaststätten und Freizeitparks. Auch Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 800 Quadratmetern dürften ab kommender Woche nicht öffnen, teilte Laumann vor Journalisten mit. An den vorgesehenen Öffnungsschritten für Schulen und Kitas wolle man aber festhalten.

          Tests für 20.000 Menschen

          Der betroffene Schlachtbetrieb des Unternehmens Westfleisch wurde dagegen vorübergehend geschlossen. Laumann kündigte eine großflächige Testung von Mitarbeitern an. Schon vor dem Ausbruch in Coesfeld hätten das Ministerium und die Kreise ein gemeinsames Konzept für solche Fälle erarbeitet. „Das Meldesystem hat hier funktioniert“, sagte Laumann. Die Testreihen sollen auf Mitarbeiter in ganzen Bundesland ausgeweitet werden - hier nannte der Gesundheitsminister die Zahl „von 17.000 bis 20.000 Mitarbeitern von Schlachtbetrieben“ in ganz Nordrhein-Westfalen. „Wir glauben, dass der Schutz der Bevölkerung es verlangt, der Sache auf den Grund zu gehen.“

          Laumann betonte, die Schuld liege seiner Meinung nicht bei den Werkvertragsarbeitnehmern, von denen viele aus Rumänien und Bulgarien kommen. Sie seien „Opfer einer Entwicklung“ in der fleischverarbeitenden Industrie. „Mir liegt sehr viel daran, zu sagen, dass die Schuld nicht bei ihnen liegt. Es sind die Strukturen, mit denen die Schlachtwirtschaft arbeitet.“ Er warnte die Unternehmen davor, infizierten Arbeitnehmern zu kündigen und sie ohne Lohn stehen zu lassen. „Ich kann dem Schlachthof nur raten, sich in dieser Frage sehr großzügig anzustellen. Jede andere Diskussion wird ihm nicht gut bekommen“, adressierte Laumann in Richtung Westfleisch. 

          In einer Erklärung warnte ein Sprecher der Tönnies-Gruppe, Deutschlands größten Fleischverarbeiter, davor, die Branche aufgrund zahlreicher Corona-Infektionen unter Generalverdacht zu stellen. „Wir wurden in der Ernährungsindustrie vor acht Wochen aufgefordert, während des Lockdowns weiter zu arbeiten, so wie Krankenhäuser, Pflegeheime und die Energieversorgung“, sagte André Vielstädte  auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur. Diesem Auftrag sei das Unternehmen nachgekommen - „bei dem Wissen, dass wir dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko haben“. 

          Schlachtbetriebe als Infektionsherde 

          Nach Angaben des Magazins „Der Spiegel“ soll es inzwischen in der fleischverarbeitenden Industrie in ganz Deutschland schon mehr als 600 Corona-Infizierte geben. Dabei beruft sich der Bericht auf Angaben von Behörden. Üblicherweise werden Neuinfektionen bei den jeweils lokalen zuständigen Gesundheitsämtern erfasst. Nach Angaben des „Spiegel“ hätten sich in den meisten Fällen vor allem rumänische Arbeiter angesteckt. Diese leben oft auf engem Raum zusammen in Gemeinschaftsunterkünften.

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