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Novak Djokovic : „Männer verkaufen mehr Tickets“

Novak Djokovic Bild: AFP

Männer sollen im Tennis wieder höhere Preisgelder bekommen als Frauen, fordert Topstar Novak Djokovic. Das ist eine Provokation. Ist sie gerechtfertigt?

          2 Min.

          Novak Djokovic ist ein herausragender Tennisspieler und ein mitunter vorwitziger Gesprächspartner. Allerdings beweist der Serbe, der von Boris Becker betreut wird und seit fast zwei Jahren die Herren-Weltrangliste anführt, auch immer mal wieder ein gewisses Talent, es sich mit Kollegen zu verscherzen. Als der Serbe vor einigen Jahren die Marotten seiner Profikollegen parodierte, beispielsweise Rafael Nadals Gezupfe an der Hose und Maria Scharapowas Gefummel an den Haaren, da lachte die halbe Tenniswelt über seine schauspielerischen Fähigkeiten. Die verulkten Spielerinnen und Spieler allerdings reagierten eher reserviert auf die Darbietungen. Nun hat es Djokovic am vergangenen Sonntag abermals geschafft, einen Teil des Tenniszirkus gegen sich aufzubringen. Und zwar mit einem Satz, der gewöhnlich nur in Herrenumkleiden hinter verschlossenen Türen fällt. Männliche Tennisprofis, so forderte der Serbe nach seinem Turniersieg im kalifornischen Indian Wells indirekt, sollten wieder mehr Preisgeld als ihre weiblichen Kollegen bekommen. Dies sei nur fair, da es die Herren seien, „die mehr Aufmerksamkeit und Zuschauer anziehen und mehr Tickets verkaufen“.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hätte ein unbekannter Spieler, der in der Weltrangliste unter ferner liefen geführt wird, diese Meinung öffentlich vertreten, dann hätten die lieben Kolleginnen bestenfalls mit den Augen gerollt. Aber Djokovic nimmt als Branchenführer eine herausragende Position ein, von ihm wird nicht nur sportlicher Erfolg, sondern auch diplomatisches Geschick erwartet. Zwar hat der 28-Jährige seinen Wunsch nach Ungleichheit bei der Bezahlung um ein paar respektvolle Formulierungen ergänzt, beispielsweise jene, dass Tennisdamen für ihre Karriere ja auch Opfer bringen und darum kämpfen müssten, dass sie verdienen, was sie für angemessen halten. Aber im Prinzip blies er, wenn auch mit weniger dicken Backen, ins selbe Horn wie kurz zuvor der Turnierdirektor von Indian Wells. Raymond Moore, wie der Mann heißt, hatte sich am Sonntag zu dem Kommentar verstiegen, „wenn ich eine Spielerin wäre, würde ich jeden Abend auf die Knie gehen und Gott dafür danken, dass Roger Federer und Rafael Nadal geboren wurden“. Die Frauen im „Schlepptau der Männer“? Moore bekam für seine Wortwahl reichlich Gegenwind und entschuldigte sich daraufhin.

          Die vier bedeutendsten Turniere loben seit 2007 gleiche Preisgelder für Herren und Damen aus

          Eigentlich war man im Profitennis davon ausgegangen, dass die alte Diskussion um die gleiche Bezahlung inzwischen von offizieller Seite abgehakt ist. Schließlich loben die vier bedeutendsten Turniere – die sogenannten Grand Slams in Wimbledon, Paris, Melbourne und New York – schon seit 2007 gleiche Preisgelder für Herren und Damen aus. Davon profitierte vor wenigen Wochen auch die Kielerin Angelique Kerber, die für ihren Australian-Open-Sieg umgerechnet 2,2 Millionen Euro erhielt – und damit exakt so viel wie Djokovic, der den Wettbewerb bei den Herren gewann. Dass die Männer bei diesen Großevents allerdings über drei Gewinnsätze und damit oft doppelt so lange spielen wie die Damen und dadurch umgerechnet auf einen geringeren Stundenlohn kommen, ist ein altes Argument, das heute niemand mehr anzuführen wagt.

          Bei den Turnieren der jeweiligen Profiorganisationen – die ATP bei den Herren, die WTA bei den Damen – sieht die Sache aber anders aus. Dort streichen die Herren in der Regel ein deutlich höheres Preisgeld ein als die Frauen. Was tatsächlich daran liegt, wie Djokovic behauptet, dass das Interesse am Herrentennis, global gesehen größer ist und die Einnahmen aus den Fernsehrechten entsprechend höher sind. Selbst bei den großen Turniere, an denen alle gemeinsam auftreten, sind die Herren gefragter. Voriges Jahr in Wimbledon verfolgten in der Spitze 9,2 Millionen Fernsehzuschauer das Herrenendspiel zwischen Djokovic und Federer. Nur 4,3 Millionen Zuschauer sahen tags zuvor beim Damenfinale zu. Und auch die Ticketnachfrage ist für Herrenmatches höher.

          Der wiederaufgeflammte Streit ums Preisgeld kommt auch deshalb überraschend, weil die Topstars der Branche eigentlich so viel an Preisgeld und Werbeeinnahmen verdienen, dass sie dem anderen Geschlecht wenig neiden müssten. Novak Djokovic hat 2015 laut Forbes-Liste 48 Millionen verdient und damit doppelt so viel wie Serena Williams, die Weltranglistenerste bei den Damen.

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