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Notenbanker geht : Bini Smaghi verlässt EZB

Ab nach Harvard: Bini Smaghi Bild: dpa

Der Italiener Lorenzo Bini Smaghi stand seit Monaten unter Druck, seinen Posten im Direktorium der EZB zugunsten eines französischen Kandidaten aufzugeben. Jetzt wechselt er in die Wissenschaft.

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          Lorenzo Bini Smaghi zieht es vom Main an den Charles River. Der Italiener, der dem Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) seit dem Jahr 2005 angehört und einen Vertrag bis Ende Mai 2013 besitzt, wird die Führung der Zentralbank zum Jahresende verlassen. Das hat die EZB am Donnerstagabend mitgeteilt. Bini Smaghi wird eine Tätigkeit am Center für International Studies der Universität Harvard in Boston übernehmen. Die durch diesen Rückzug frei werdende Position soll aus Frankreich besetzt werden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Bini Smaghis Aufgabe ging ein für die Unabhängigkeit der EZB schädliches politisches Ränkespiel voraus. Nach einer inoffiziellen Vereinbarung werden von den sechs Positionen im Direktorium vier aus den großen Mitgliedsländern Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien besetzt. Eine solche Aufteilung ist im offiziellen Regelwerk der EZB nicht vorgesehen.

          Seit dem Wechsel von Jean-Claude Trichet zu Mario Draghi an der Spitze der EZB gehören dem Direktorium zwei Italiener, Draghi als Präsident der Bank und Bini Smaghi als einfaches Mitglied, an, aber kein Franzose. Diesen Zustand empfand Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy als unhaltbar. Er bedrängte Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, Bini Smaghi zum Rücktritt zu bewegen, obgleich Berlusconi auf die Verträge von amtierenden Direktoriumsmitgliedern mit der EZB keinerlei Zugriff besitzt. Damit bestand keine Möglichkeit, Bini Smaghi zum Rücktritt zu zwingen. Der Italiener wäre vermutlich früher freiwillig gegangen, wenn ihm Berlusconi eine attraktive Position wie die Führung der Banca d’Italia als Nachfolger Draghis verschafft hätte. In der Zwischenzeit wurde dort allerdings Antonio Visco berufen.

          Nun liegt es an Paris, einen Vorschlag für die Nachfolge Bini Smaghis zu unterbreiten. Bislang wurde kein Name offiziell genannt. Falls Sarkozy die Position mit einem Ökonomen und nicht mit einem Politiker besetzen und zudem eine Frau in das Direktorium entsenden will, käme eventuell die in London lehrende Professorin Hélène Rey in Frage.

          Neben Bini Smaghi verlässt zum Jahreswechsel auch der deutsche Chef-Volkswirt Jürgen Stark das Direktorium. Für Stark tritt der bisherige Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen in das Gremium ein. Bini Smagi ist nicht der erste europäische Geldpolitiker, den es nach Harvard zieht: Neben dem früheren EZB-Vizepräsidenten und designierten griechischen Premierminister Lucas Papademos lehrt dort auch der ehemalige Bundesbankvorstand Hans-Helmut Kotz.

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