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Nordsee : Muschelfischer starten optimistisch in neue Saison

  • Aktualisiert am

Ein Muschelfischer arbeitet an einer Dretsche (Fangkorb) mit Miesmuscheln. Bild: dpa

Seit mehr als einhundert Jahren gibt es in Schleswig Holstein kommerzielle Muschelfischerei. Heute beginnt die neue Saison.

          2 Min.

          Die graue Wolkendecke reißt immer wieder auf, so dass die weißen Schaumkronen auf den Nordseewellen in der Sonne glitzern: Begleitet vom Geschrei einzelner Möwen sind Schleswig-Holsteins Muschelfischer am Freitag in die neue Saison gestartet. Gemeinsam mit Vertretern der Naturschutzverbände feierten sie die „langfristige gute Zusammenarbeit im Nationalpark“, sagte Umweltminister Robert Habeck (Grüne).

          Die Fischer sind optimistisch, denn Miesmuscheln aus dem Wattenmeer vor Sylt seien bei Feinschmeckern begehrt, sagte Peter Ewaldsen von der Erzeugerorganisation. Seit der Jahrtausendwende seien im Schnitt jährlich 7700 Tonnen Muscheln angelandet worden. Das entspreche zwar einem Rückgang von mehr als 60 Prozent im Vergleich zu den durchschnittlich 20.300 Tonnen Miesmuscheln in den Jahren 1986 bis 1999. Steigende Erzeugerpreise hätten das jedoch wettgemacht.

          Der Muschelkutter Trijntje fischt vor Hörnum auf Sylt

          Zwischen 2000 und 2016 lag der durchschnittliche Jahreserlös bei 7,75 Millionen Euro, wie Ewaldsen sagte. Das entspreche einem Kilopreis von einem Euro. Im Zeitraum 1986 bis 1999 seien im Durchschnitt jährlich nur 5,55 Millionen Euro erlöst worden, was einem Kilopreis von 27 Cent entspricht. „Bei im neuen Jahrhundert gleichbleibenden Preisen hätte die Muschelfischerei angesichts der gesunkenen Anlandemengen wirtschaftlich nicht überleben können“, sagte Ewaldsen. Als Grund für den Rückgang der Anlandemengen nannte er die rückläufige Saatmuschelentwicklung seit der Jahrhundertwende.

          Das Problem beginnt schon beim Sammeln der Besatzmuscheln - der sogenannte Muschelsaat. „Seit 1997 dürfen wir nicht mehr den bei Ebbe trocken gefallenen Wattboden absuchen“, sagt Muschelfischer Paul Wagner. Die Suche nach den kleinen Baby-Muscheln ist im wahrsten Sinn des Wortes „im Trüben fischen“. Glück für die Fischer: Muschellarven können nicht aktiv schwimmen, sondern lassen sich von der Strömung treiben. Die Muschelfischer können bei der Suche daher auf ihre Erfahrung zurückgreifen. Meist werfen sie ihre Netze an den richtigen Stellen aus, um die etwa kaffeebohnen-großen Saatmuscheln einzusammeln. Diese werden dann auf gepachteten Flächen „vorsichtig im Wasser wieder „ausgesäht““, sagt Wagner. Nicht zu viel auf einen Haufen, denn Miesmuscheln dürfen maximal in drei Lagen übereinander liegen. „Sonst verhungert die unterste“, erklärt er.

          Ein Korb mit Miesmuscheln

          Dann muss man zwei bis drei Jahre warten, bis die Miesmuscheln ungefähr fünf Zentimeter groß sind. Eine lange Zeit, in der Sturm, Strömung und Wellen die Arbeit zunichte machen können. „Oder eine Sandbank verlagert sich und begräbt die Muscheln unter sich.“

          Und dann gibt es noch andere hungrige Meeresbewohner. Angefangen bei den „Krabben“ - die fressen aber nur die Larven oder ganz kleinen Muscheln - über Krebse bis zu den Seesternen. „Seesterne können eine Muschelbank in zwei, drei Wochen komplett leer fressen“, erklärt Muschelfischer André de Leeuw. „Sie können zu einer so großen Gefahr werden, dass man die Muscheln „umpflanzen“ muss“, sagt er. „Da muss man schnell sein.“ Die Seesterne müssen zwischen den Miesmuscheln heraus gesammelt und zurück ins Meer gegeben werden - „weil es Nationalpark ist“, sagt de Leeuw.

          Die Muschelfischerei im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ist durch einen Vertrag zwischen der Landesregierung und der Erzeugergemeinschaft geregelt. Vier Betriebe haben eine Fanglizenz für die Muschelfischerei.

          Land in Sicht

          „Beim Ernten hoffen wir, dass sie 25 bis 30 Prozent Fleischgehalt haben“, sagt Muschelfischer de Leeuw. Rund 40 Tonnen Muscheln passen in den Bauch eines Kutters, sagt Wagner. Das sind zwei Lkw-Ladungen. Seit Herbst 2016 haben Schleswig-Holsteins Muschelfischer das MSC-Fischerei-Zertifikat zum Nachweis der nachhaltigen Fischerei. „Diese MSC-Zertifizierung bedeutet keine Preisverbesserung; sie sichert aber den Absatz gegenüber den schon länger zertifizierten Muscheln aus Niedersachsen, Dänemark und den Niederlanden“, erklärte Ewaldsen, von der Erzeugerorganisation.

          Miesmuschel

          Die erwachsenen Miesmuscheln im Wattenmeer geben ein- bis zweimal pro Jahr rund eine Billion Larven ab - das ist eine Eins mit zwölf Nullen. Strömung und Gezeiten treiben die Larven ins offene Wasser, wo sie sich in drei bis vier Wochen zu Millimeter großen Miniaturmuscheln entwickeln. Diese Mini-Muscheln setzen sich auf harten Gegenständen fest. Wenn die Muschel-„Babys“ sich auf Muschelbänken festsetzen, werden sie wegen ihrer geringen Größe oft von den ausgewachsenen Muscheln einfiltriert. Wenn sie sich an Bojen oder Steinen festsetzen, wachsen sie dort bis zur Größe einer Kaffeebohne an, bevor sie auf die Muschelbänke der „erwachsenen“ Muscheln übersiedeln. Dort wachsen sie in zwei bis drei Jahren zur
          verzehrfähigen Größe heran.

          Miesmuscheln ernähren sich von Mikroalgen. Durch Sturm, Wellen, Strömung und Eisgang sowie durch die Überlagerung von wandernden Sandbänken können sie verloren gehen. Fressfeinde sind Seesterne und Krebse. Die heimische Miesmuschel im Wattenmeer wird aus unbekannter Ursache immer seltener. Nach Angaben der Erzeugerorganisation können seit 2001 keine ausreichenden Mengen wilder Muschel-Larven mehr gesammelt werden.

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