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Nordafrika : Die Chancen sind ungleich verteilt

Armenviertel am Stadtrand von Casablanca Bild: dpa

In Tunesien, Ägypten und Marokko ist zwar das Einkommen je Einwohner in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Doch in Kombination mit der hohen Arbeitslosigkeit und der wachsenden Ungleichheit ergibt sich eine explosive Mischung, die sich in den Statistiken nicht wiederfindet.

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          Daten bilden nicht die ganze Wirklichkeit ab. Sonst hätte sich die Welt nicht über Jahre vom Wirtschaftswachstum der Staaten Nordafrikas blenden lassen. In Tunesien, Ägypten und Marokko war zwar das Einkommen je Einwohner seit 2005 in jedem Jahr um knapp 4 Prozent gestiegen. Und doch fegten in Tunesien und Ägypten Volkserhebungen die seit Jahrzehnten herrschenden Staatschefs hinweg, das Königreich Marokko blieb aber von größeren Unruhen verschont. Auch die Noten der Kreditbewertungsagenturen waren keine Hilfe. Sie hatten Tunesien und Marokko mit dem „Investmentgrade“ geadelt. Marokko blieb stabil, Tunesien nicht.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz polemisierte daher, für das Wohlergehen einer Nation reiche weder ein vernünftiges Wachstum noch das Diktat der internationalen Finanzmärkte, das nur die internationalen Investoren zufriedenstelle, nicht aber die Hebung des Lebensstandards einer Mehrheit bedeute. Entscheidend sei eine „Empfindung für Gleichheit und ein Fairplay“. Berechtigte Empörung habe das Ausmaß an Ungleichheit ausgelöst. Denn bisher waren nur politische Beziehungen der sichere Weg zu Wohlstand.

          Ähnliche hohe Staatsverschuldung

          Bei vielen Indikatoren liegen Tunesien, Marokko und Ägypten nicht weit auseinander. Eher gering ist ihre Staatsverschuldung mit 33 Prozent bis 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 33 Prozent sind es in Marokko. Das Königreich hatte weniger als seine nordafrikanischen Nachbarn das Heil in Subventionen gesucht. Marokko blieb auch stabil, obwohl das Einkommen je Einwohner mit 2868 Dollar weniger als ein Drittel des globalen Durchschnitts erreicht. In Tunesien und Ägypten lag es nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds bei 4160 Dollar und 2771 Dollar. Dort aber fanden Revolutionen statt. Stabile Länder wie Marokko wurden von den internationalen Investoren aber bestraft. Denn es erhält nur 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus ausländischen Direktinvestitionen. In Tunesien sind es mehr als 6 Prozent und in Ägypten sogar 8 Prozent.

          Der Glauben an Zahlen hatte den Blick auf strukturelle Fehlentwicklungen verstellt. Das quantitative Zahlengerüst ist gewiss kein Schlüssel, um die politischen Risiken oder die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen zu erkennen. Die Lektion des arabischen Flächenbrandes ist, dass die Kombination aus niedrigen Einkommen, einer hohen Arbeitslosigkeit (vor allem der Jugend) und einer extrem ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen im Zusammenspiel mit dem Fehlen politischer und wirtschaftlicher Freiheiten eine explosive Mischung ergibt, die sich in keinem Zahlenwerk wiederfindet.

          Fünf schwerwiegende Probleme

          Die Weltbank erkennt Zeichen einer Umkehr und fordert den „Bruch mit der Vergangenheit“. Shamshad Akhtar, der Vizepräsident der Weltbank für den Nahen Osten und Nordafrika, identifiziert fünf tief verwurzelte Probleme der Region, die es anzugehen gelte: Die Früchte des Wachstums werden ungleich verteilt; das Wachstumspotential wird nicht ausgeschöpft; Arbeitsmärkte und Bildungssysteme sind dysfunktional; der Zugang zu Finanzierungen ist ineffizient; unzureichend sind die Diversifizierung der Volkswirtschaften und ihre Handelsintegration.

          Akhtar führt alle Probleme auf strukturelle Defizite zurück, die er für lösbar hält. So fragt er sich, weshalb in den asiatischen Tigerstaaten der Anteil der privaten Investitionen am Bruttoinlandsprodukt doppelt so hoch ist wie in den arabischen Volkswirtschaften. Er führt das auf Markteintrittsschranken und Anreize zurück, die politische Privilegien begünstigten und Wettbewerb ausschalteten. So sind bei der Privatisierung der über Jahrzehnte sozialistisch geführten Wirtschaften meist Vertreter und Günstlinge der Regime zum Zuge gekommen. Eine unabhängige wirtschaftliche Elite konnte sich nicht bilden. Das Beispiel des nun inhaftierten ägyptischen „Stahlbarons“ Ahmed Ezz zeigt, wie die Verquickung von Politik und Wirtschaft Wettbewerb sogar gezielt ausschaltete.

          Marokkos Vorsprung

          Gewachsen sei die ägyptische Wirtschaft im vergangenen Jahrzehnt durch höhere Staatsausgaben und steigende Exporte, nicht durch steigende Produktivität, sagt Akhtar. Dazu müsste das Bildungssystem grundlegend verändert und modernisiert werden. Akhtar sieht in der arabischen Welt zu wenig Anreize, in einem durch Nepotismus geprägten Umfeld unternehmerisch tätig zu sein, und fordert eine breite Palette von Maßnahmen: die Beseitigung der Markteintrittsbarrieren, eine wirksame Wettbewerbspolitik, die Beilegung von Interessenkonflikten wirtschaftlich tätiger Repräsentanten des Staats sowie Reformen der öffentlichen Verwaltung und starke Nichtregierungsorganisationen.

          Nicht, dass Marokko alle diese Anforderungen bereits erfüllte. Aufgrund der Reformen unter König Muhammad VI. ist das Land aber weiter als Tunesien und Ägypten. Größer sind damit dort die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, ein Unternehmen erfolgreich zu führen und sich ohne Gefahren politisch zu betätigen.

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