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Nokia und der Karawanen-Kapitalismus : Richtung Osten und immer geradeaus

Auf dem Weg nach Rumänien Bild: dpa

Das Beispiel Nokia zeigt: Fabriken werden nicht mehr alt. Konzerne fackeln nicht lange. Sie schließen Werke im alten Europa und eröffnen neue im Osten. Doch auch von dort werden sie weiter ziehen. Denn günstige Handys verkaufen sich gut.

          Rund 6,8 Milliarden Euro Gewinn, 50 Milliarden Euro Umsatz. Das sind die 2007er Zahlen, die der Chef des finnischen Handykonzerns Nokia, Olli-Pekka Kallasvuo, am kommenden Donnerstag der Öffentlichkeit präsentieren wird, wenn die professionellen Aktienschätzer richtig gerechnet haben. Diese Zahlen werden das Unverständnis über die Werksschließung in Bochum verstärken und weitere Politiker auf die Idee bringen, ihre Nokia-Handys dem Recycling zu überantworten - vorausgesetzt, die Öffentlichkeit erhält davon angemessen Kenntnis.

          Wer hätte gedacht, dass Handys so mobil sind? Jeder, der globale Entwicklungstrends sorgfältig beobachtet. Das treffende Wort der Woche fand Finanzminister Peer Steinbrück: Karawanen-Kapitalismus. Nokia ist Teil einer sich beschleunigenden Bewegung, zu der die großen Namen der Weltwirtschaft zählen, die eine deutsche Gewissheit in Frage stellen, die da lautete: Eine Fabrik ist eine Fabrik ist eine Fabrik.

          Motorola hatte noch weniger Geduld

          Produktionswerke, die in vielen Köpfen als massive Backsteinburgen herumgeistern, werden schneller geschlossen als früher und viel schneller eröffnet. Das Bochumer Handywerk war 1956 als Graetz-Fernsehfabrik gegründet worden und durfte noch bis 1997, zuletzt unter Nokias Führung, TV-Geräte bauen. Der Handyproduktion im Ruhrpott wollten die Skandinavier nicht einmal zwanzig Jahre zubilligen. In wenigen Wochen ist Schluss, erfuhr die Belegschaft.

          Motorola hatte sogar noch weniger Geduld mit seinen Handyfabriken. Die im Oktober 1998 in Flensburg nach 18 Monaten Bauzeit in Betrieb genommene Fertigungsstätte war damals die modernste Europas. Im September wird der Standort mit einst 3000 Beschäftigten endgültig stillgelegt. Davor schloss das Unternehmen schon ein großes Werk im schottischen Bathgate trotz der Intervention des damaligen Premiers Tony Blairs. Die Arbeit erledigt nun Fernost.

          Wo bekommt man noch ein faires Handy her?

          Amerikanische Zeitungen hatten früher schon von „deutschen Übermenschen“ aus Flensburg berichtet, denen es gelang, im globalen Wettkampf um die Motorola-Fabrik Billiglohnländer noch einmal - ein letztes Mal - abzuhängen. Apple hat gar keinen Gedanken daran verschwendet, sein iPhone in einem Industrieland bauen zu lassen.

          Hierzulande weitgehend unbekannte Produktionsunternehmen aus Taiwan erledigen den Job zuverlässig, seien die Geräte noch so anspruchsvoll. Die Hersteller BenQ und Siemens sind kürzlich vereint in Deutschland gescheitert. LG, Sony Ericsson und Samsung setzen ohnehin auf Niedriglohnländer, so dass sich Nokia-Boykotteure wie SPD-Fraktionschef Peter Struck langsam fragen müssen, wo sie noch ein faires Handy herbekommen.

          Wohlstand für die Armen

          Die Produktion geht in Länder, in denen das Gesamtpaket für die Unternehmen besser ist: niedrige Gewinnsteuern, niedrige Löhne und Abgaben und große Nähe zu den Wachstumsmärkten in Osteuropa, zählt Dan Bieler, Telekommunikations-Analyst der Beratungsfirma IDC, auf: „Es addiert sich.“

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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