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Nobelpreisträger : Ökonom Sims: Europäer können von Amerikanern lernen

Christopher Sims: „Manche Leute tun so, als ob es für Griechenland eine Strafe wäre, wenn man es in die Umschuldung zwingt.“ Bild: AFP

Europa brauche eine starke fiskalische Institution hinter der EZB, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zieht er Parallelen zur Lage Amerikas vor 1787.

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          Die Europäische Währungsunion braucht eine starke zentrale fiskalische Institution, um als „Gläubiger der letzten Instanz“ der Europäischen Zentralbank (EZB) den Rücken freizuhalten. Diese Meinung hat der diesjährige Nobel-Gedächtnispreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Christopher Sims, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertreten. „Wenn es Europa nicht gelingt, eine solche fiskalische Institution zu schaffen, und wenn die EZB zur Rettung des Bankensystems gezwungen ist, weiter die Liquidität auszuweiten, besteht langfristig die Gefahr von Inflation“, sagte Sims.

          Sims hält den griechischen Zahlungsausfall für wahrscheinlich

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Ökonom von der Universität Princeton warnte, dass die EZB ohne fiskalische Rückendeckung diese Inflationsrisiken womöglich nicht mehr kontrollieren könne. Die EZB könne zwar Geld drucken und damit immer als Gläubiger der letzten Instanz dienen. Zur Kontrolle der Inflation müsse sie aber in der Lage sein, mit dem Verkauf von Wertpapieren in Offenmarktgeschäften Geld aus dem Markt zu nehmen. Wenn die EZB-Bilanz sich durch den Ankauf von unsoliden Staatsanleihen sehr verschlechterte, wäre diese Option nicht mehr gegeben, argumentierte Sims. Letztlich könnte die EZB so in eine Situation geraten, in der sie auf fiskalische Rückendeckung angewiesen sei, um die Inflation noch kontrollieren zu können. „Deshalb sind die deutschen Notenbanker so aufgeregt über das, was die EZB getan hat“, sagte Sims.

          Einen Zahlungsausfall von Griechenland hält Sims für wahrscheinlich. Eine Umschuldung und der Austritt aus dem Währungsraum seien aber nicht die Lösung des Problems, würden damit doch nur die Verluste auf die Banken, die Steuerzahler und die Anleihegläubiger in anderen Ländern übertragen. „Manche Leute tun so, als ob es für Griechenland eine Strafe wäre, wenn man es in die Umschuldung zwingt“, sagt Sims. „Tatsächlich aber ist ein Weg, ihnen Schulden zu erlassen.“

          Der 69 Jahre alte Sims hatte schon 1999 in einem Aufsatz über die „prekären fiskalischen Grundlagen der Währungsunion“ auf die Notwendigkeit einer zentralen Institution hingewiesen, in der fiskalische Lasten geteilt würden. Der Euro-Rettungsfonds EFSF und der künftige Stabilitätsmechanismus ESM bieten seiner Ansicht nach vielleicht eine Lösung. Wahrscheinlich werde aber auch in künftigen Fiskalkrisen - wie etwa 2008 in den Vereinigten Staaten - als erster Nothelfer die Zentralbank gefragt sein. „Wenn dann im Hintergrund so etwas wie die EFSF bereitsteht, um notfalls zu übernehmen, ist das für die EZB gut.“

          Die Alternative wäre ein Auseinanderfallen des Euro-Systems

          Kritikern in Europa, die sich gegen eine zentrale fiskalische Verantwortung im Euroraum aussprechen, hält Sims entgegen, dass die Alternative in letzter Konsequenz das Auseinanderfallen des Euro-Systems wäre. „Ich glaube nicht, dass die Proteste dann geringer wären, denn die wirtschaftlichen Folgen wären für die Protestierer mindestens ebenso schlimm.“

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