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Nobelpreisträger Jean Tirole : Er machte das Telefon und Fliegen billig

Jean Tirole Bild: dpa

Jean Tirole bekommt den Wirtschaftsnobelpreis. Seine Forschung hat geholfen, die Preise zu drücken: fürs Telefon, die Post und Linienflüge.

          Studenten ist der Name Jean Tirole vor allem für sein über 1000 Seiten dickes Lehrbuch „Industrieökonomik“ bekannt. Darin wimmelt es von mathematischen Formeln und auf den ersten Blick wirkt das für viele ein wenig abschreckend und weltfremd. Jetzt hat ihn die Königlich-Schwedische Akademie als „einen der größten lebenden Ökonomen“ mit dem  Nobelgedenkpreis für Wirtschaft ausgezeichnet. Wieso?

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Franzose Jean Tirole hat sich mit Märkten befasst, denen andere Ökonomen lange ausgewichen sind. Für sie gab es – etwas vereinfacht ausgedrückt – auf der einen Seite die guten Märkte mit vollständigem Wettbewerb und auf der anderen Seite das böse Monopol. Dass es auch eine Welt dazwischen gab, war zwar allen klar, das Gebiet war aber schwierig zu erforschen und kontrovers dazu.

          Hintergrund der Forschungen von Jean Tirole ist die in den 70er Jahren beginnende Liberalisierung und Privatisierung: Weltweit haben Staaten seither Märkte wie die Telekommunikation, die Post, die Energieversorgung, die Eisenbahn und den Flugverkehr für mehr Wettbewerb geöffnet. Viele Staaten haben es erlaubt, dass neben den alten staatlichen Unternehmen auch private Unternehmen zugelassen wurden. Zudem haben die Staaten die alten Monopolisten oft sogar verkauft – also privatisiert. Wenn das gutgeht, sinken die Preise kräftig. In den 80ern hatten die Deutschen noch Sorgen vor Ferngesprächen und telefonierten extra abends zum Mondscheintarif – heute macht sich über die Telefongebühren niemand mehr Gedanken. Auch der Flugverkehr ist ein Beispiel, in dem auf diese Weise die Preise sanken – nach der Liberalisierung konnten Billigflieger entstehen. Damit das funktioniert, müssen aber dem alten Monopolisten manchmal Auflagen gemacht werden. Aber welche?

          Mit solchen Fragen hat sich der französische Ökonom Jean Tirole vorwiegend beschäftigt. Ganz klassisch wären das etwa Vorgaben für Höchstpreise. Eine Art der „Marktmachtregulierung“ war etwa lange die klassische Gewinnregulierung. Wenn ein Unternehmen die Preise erhöhen wollte, musste es beim Regulierer rechtfertigen, wieso die höheren Preise gerechtfertigt sind. Die Regulierer erlaubten nur eine vorher festgelegte Kapitalrendite. Das hat sich aber nicht bewährt: Das Unternehmen sammelte allerhand Belege, wieso die Produktion des Gutes jetzt teurer ist. Der staatliche Regulierer konnte dann zwar die vorgelegten Kostenbelege prüfen, doch er war heillos überfordert in der Frage, ob die vorgebrachten Ausgaben tatsächlich nötig waren. Ob wirklich so teure Maschinen und Gebäude angeschafft werden müssen, oder ob das unnötig war. Die regulierte Firma hat in solchen Fragen naturgemäß einen systematischen Informationsvorsprung. Das Management hat daher die Möglichkeit, dem Regulierer die Unwahrheit zu sagen.

          Für die Wahrheit soll niemand bestraft werden

          Jean Tiroles Ziel war es, Anreize für Unternehmen zu schaffen, dem Regulierer die Wahrheit über Kosten, Produktion und Nachfrage zu sagen. Gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Ökonom Jean-Jacques Marcel Laffont hat er hierzu einen abstrakten Mechanismus entwickelt. Ein Kerngedanke dabei war, einen Mechanismus zu schaffen, bei dem sich das regulierte Unternehmen niemals schlechter stellt, wenn es dem Regulierer die Wahrheit erzählt.

          Das Internet macht Tiroles Forschung wieder besonders aktuell. Denn Jean Tirole hat viel über so genannte „natürliche Monopole“ gearbeitet - eine Frage, die in Zeiten des Internet schlagartig an Relevanz gewonnen hat. Dabei geht es um Märkte, auf denen einmal hohe Kosten anfallen, jeder weitere Nutzer aber wenig kostet. In diesem Fall bildet sich oft ein Monopolist heraus – es bringt auch volkswirtschaftlich wenig, die hohen Einmalkosten doppelt zu tragen. Solche Marktstrukturen gibt es in der Welt von Computern und Internet oft. Es begann mit Betriebssystemen wie Microsofts Windows, die einmal entwickelt werden müssen, für jeden neuen Nutzer aber nur eine neue Kopie brauchen. Für solche Unternehmen ist auch oft der Erfolg auf zwei Märkten relevant: im Fall von Microsoft auf dem Programmierer- und auf dem Nutzermarkt. Auch daran hat Tirole früh geforscht.

          Heute sind diese Fragen relevant für Suchmaschinen wie Google und soziale Netzwerke wie Facebook. Auch hier sind die Entwicklungskosten groß, die Kosten pro Nutzer aber gering. In Tiroles Fußstapfen sind viele weitere Forscher getreten, die die konkreteren Folgen der natürlichen Monopole untersuchen: Können die Unternehmen ihre Monopolstellung tatsächlich ausnutzen, oder müssen sie ständig mit neuer Konkurrenz rechnen? Sollten sie reguliert werden – und wenn ja, wie? Und was macht man, wenn ein Unternehmen wie Google auf mehr als zwei Märkten aktiv ist?

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