https://www.faz.net/-gqe-pjno

Nobelpreis : Der Wirtschafts-Nobelpreis ist eine umstrittene Auszeichnung

  • -Aktualisiert am

Der Wirtschafts-Nobelpreis wurde nicht von Alfred Nobel gestiftet. Im Gegenteil: Er mied die unexakten Geisteswissenschaften. Außerdem hat bisher noch kein Wissenschaftler diesen Preis abgelehnt.

          4 Min.

          Der Wirtschafts-Nobelpreis ist eine umstrittene Auszeichnung. Die Unstimmigkeiten beginnen schon mit dem Namen Nobel. Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamit und Stifter der Preise für Medizin, Chemie, Physik, Literatur und Frieden, hatte die Ökonomen weder im Blick noch im Sinn.

          "Ich habe keine Wirtschafts-Ausbildung und hasse sie von Herzen", schrieb Nobel in einem Brief, mit dem vier Urenkel seines Bruders Ludvig 2001 an die Öffentlichkeit gingen. Sie drangen darauf, den erst 1968 nachträglich von der schwedischen Nationalbank gestifteten und von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergebenen "Preis der schwedischen Zentralbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel" wieder aus der offiziellen Familie der Nobelpreise auszugliedern.

          Weiche Geisteswissenschaften

          Die Nachfahren Nobels haben sich nicht durchgesetzt. Doch sie haben einen Anstoß gegeben, über die Kriterien nachzudenken, nach denen Alfred Nobel die Preiswürdigkeit beurteilte. Dabei fällt auf, daß er die Geisteswissenschaften strikt mied. Mit den Preisen für Medizin, Chemie und Physik konzentrierte er sich auf harte, exakte Wissenschaften; mit Literatur und Frieden bewegte er sich jenseits der Wissenschaften. Die Ökonomie indes gehört zu den weichen Geisteswissenschaften, in denen die Leistungen schwer zu objektivieren sind.

          Keiner der geehrten Ökonomen hat die Würdigung je ausgeschlagen. Der erkleckliche Gewinn von 10 Millionen schwedischen Kronen (rund eine Million Euro) dürfte eine Rolle spielen - auch wenn das Preisgeld beispielsweise in Amerika längst nicht mehr steuerfrei ist. Mitunter spielt dem Gewinner auch das Leben einen Streich. Mit gewisser Schadenfreude erzählen sich Ökonomen die Anekdote von Robert Lucas, der für seine Theorie der "rationalen Erwartungen" geehrt wurde. Bei Lucas griff erst der Fiskus zu, dann die Ex-Frau. Die Dame verfügte nicht nur über rationale Erwartungen, sondern auch über genügend Information über die Qualität der Leistungen ihres Mannes, daß sie im Scheidungsvertrag den Anspruch auf die Hälfte eines allfälligen Nobel-Gewinnes festschreiben ließ.

          Wechselnde Moden in der Ökonomie

          Die meisten Preisträger finden freundliche Worte für die Institution, aus welcher der Geldsegen auf sie herabregnet. George Akerlof lobt den Wirtschafts-Nobelpreis als Ermutigung für künftige Arbeiten. Das allerdings kann er nur pauschal meinen: Die meisten Preisträger erfahren ihre Würdigung für Arbeiten, die Jahrzehnte zurückliegen, und die Ökonomenzunft hat längst im wissenschaftlichen Diskurs Korrekturen daran angebracht und Verästelungen erfunden. Joseph Stiglitz hat da schon einen besseren Punkt: Der Wirtschafts-Nobelpreis diene der öffentlichen Aufklärung. Er verleihe ökonomischen Ideen eine Aufmerksamkeit, die ihnen sonst kaum zuteil würde.

          Manche Gewinner jedoch haben Zweifel an der Rechtfertigung des Preises zum Ausdruck gebracht, allen voran Friedrich August von Hayek und Paul Samuelson. In seiner Ansprache während des Nobel-Banketts 1974 warnte Hayek, der Preis laufe Gefahr, die wechselnden Moden in der Ökonomie noch zu betonen. Die Entwicklung gab ihm recht: In den siebziger Jahren lag der Fokus gemäß dem akademischen Trend auf empirischen und keynesianischen Ansätzen, in den achtziger Jahren auf der Makroökonomie, in den neunziger Jahren auf Methoden.

          Außerdem, so fürchtete Hayek, verleihe der Preis Individuen eine Autorität, die in den Wirtschaftswissenschaften niemandem zukomme. Diese Autorität sei gefährlich, weil sie sich nicht auf die akademische Welt beschränke wie in den Naturwissenschaften. "Der Einfluß des Ökonomen, der vor allem von Bedeutung ist, ist ein Einfluß über Laien: Politiker, Journalisten, Beamte und die Öffentlichkeit allgemein", sagte Hayek. Der Preis verleite seine Träger, sich zu allem und jedem zu äußern, auch wenn sie ihre fachliche Kompetenz weit überschritten. Hayek schlug vor, allen Preisträgern einen "Demutseid" abzuverlangen.

          Das Element der Willkür

          Auch Paul Samuelson vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) war skeptisch. Zehn Jahre bevor die schwedische Nationalbank den Preis stiftete, hatte sie ihn nach seiner Meinung gefragt. Und Samuelson warnte, daß "die Vergabe von Anerkennungen an eine Elite eine größere Gruppe von preiswürdigen Wissenschaftlern von der Ehre ausschließen würde, deren Forschungsergebnisse sich in Qualität und Quantität jedoch nur wenig, wenn überhaupt, unterschieden", wie er in einem Vortrag für das Lindauer Nobelpreisträgertreffen Anfang September formulierte.

          Das Element der Willkür in den Entscheidungen des Nobel-Komitees ist von Belang, weil der Preis mit Abstand die am höchsten dotierte Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler darstellt und damit auch öffentlich eine Alleinstellung genießt. Den inhaltlichen Signalen der Preisentscheidung ist somit wenig entgegenzusetzen. Diese Signale sind vielschichtig. So gilt es zwar als Handicap für einen Preisanwärter, wenn er sich politischer Polemik bedient. Umgekehrt jedoch hat das Komitee in der Vergangenheit durchaus eine leichte Präferenz für Ökonomen bewiesen, die sich links von der politischen Mitte befinden, wie Samuelson bestätigt. Wäre der Preis von Nobel selbst gestiftet, könnte man sich an diesem Befund zwar ebenfalls reiben. Allerdings handelte es sich dann um privates Geld. Bei einem von der Nationalbank gestifteten Preis kann man das anders sehen.

          In der engeren Wahl

          Das Auswahlverfahren selbst ist klar definiert, aber hermetisch abgeschottet. Vor der Preisvergabe holt das Nobel-Komitee an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften - dem derzeit unter Vorsitz des Ökonomieprofessors Torsten Persson neun schwedische Mitglieder angehören - Hunderte von Nominierungen aus der Fachwelt ein. Diese bleiben fünfzig Jahre lang geheim. Da der erste Wirtschafts-Nobelpreis erst 1969 verliehen wurde, muß die Öffentlichkeit bis 2019 warten, bis der erste Blick hinter die Kulissen möglich wird. Aus den vielen Vorschlägen sortieren Fachleute Kandidaten der engeren Wahl heraus. Das Nobel-Komitee wählt dann daraus aus. Die im Vergleich zu den meisten anderen Fachkomitees recht große Mitgliederzahl reduziert das Risiko einer ideologischen oder fachlichen Vorfestlegung. Die Wahl des Komitees ist formell nur ein Vorschlag, der dann am Vormittag der Verkündung der Preisvergabe der gesamten Königlich Schwedischen Akademie zur mehrheitlichen Entscheidung unterbreitet wird.

          Das Nobel-Komitee folgt der Regel, daß die wissenschaftliche Leistung "spezifisch", praktisch wertvoll, originell und solide sein soll. Über alle diese Kriterien läßt sich streiten, über ihre Auslegung wie über ihre Erfüllung. Am heikelsten ist die "Spezifität". In den vergangenen Jahren ist das Komitee zu einer Auslegung übergegangen, die nahelegte, eher einzelne Schritte in der Theorieentwicklung zu honorieren als ein umfangreiches Lebenswerk. Folglich gehen immer mehr Preise an Gruppen statt an einzelne Wissenschaftler.

          Daß große Ideen selten einem einzelnen Kopf entspringen, ist nachvollziehbar - wie auch jetzt wieder mit Finn Kydland und Edward Prescott, die auch gemeinsam publiziert haben. Doch die Verengung auf einzelne, mitunter hochtechnische Fortschritte ist nicht so leicht zu rechtfertigen. "Wenn kein glücklicher Apfel auf Ihren Kopf fällt, gehen Sie leer aus", spottete Samuelson in seinem Lindauer Essay und warb für die Anerkennung einer "vielfältigen Rundum-Exzellenz". Viel Erfolg wird er mit seiner Kritik auf Dauer nicht haben. Bei Peter Englund, dem Sekretär des Nobel-Komitees, rief die Rüge, das Komitee verliere sich zunehmend in den technischen Details der Ökonomie, nur ein wenig amüsiertes Stirnrunzeln hervor.

          Weitere Themen

          Irland zahlt Hackern kein Lösegeld

          Ransomware-Attacke : Irland zahlt Hackern kein Lösegeld

          Die irische Regierung wird nicht auf Forderungen von Hackern eingehen, die am Freitag den nationalen Gesundheitsdienst angegriffen hatten. Noch sind die Systeme nicht wieder vollständig hochgefahren.

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Nahostkonflikt : Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

          Israels Raketen zerstören ein Hochhaus mit Journalistenbüros im Gazastreifen. Der Armeesprecher kündigt weitere Angriffe auf die Führungsriege der Hamas an. Iran stellt sich hinter sie. Und US-Präsident Biden telefoniert — mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas.
          Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

          Grüne : Baerbock will als Kanzlerin Flugreisen verteuern

          Solaranlagenpflicht für Neubau, Kurzstreckenflüge sollen obsolet werden: Annalena Baerbock kündigt ein „Klimaschutzsofortprogramm“ an, sollte die Grüne im September Kanzlerin werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.