https://www.faz.net/-gqe-7zia6

Niedrigzinsen : Tschüs, gute alte Sparkasse

Eine 80 Jahre alte Spardose. Bild: INTERFOTO

Die Sparer sind in der Niedrigzinsphase die Dummen, klagen die Sparkassen. Nicht zu Unrecht. Doch besonders dumm könnte es bald für sie selbst laufen.

          Es ist ein Ritual zu Jahresbeginn und gehört zu den schönsten Kindheitserinnerungen: Zinsen nachtragen in der Sparkasse. Mit dem - natürlich knallroten - Sparbuch in der Hand geht es erst zum Schalter, der wie ein Tresen das Großraumbüro komplett durchläuft. Nachdem die Sparkassensachbearbeiterin ihre Unterschrift in die rechte Spalte des Sparbuches gesetzt und einen mit viel Tinte durchtränkten Stempel draufgedrückt hat, heißt es noch einmal Schlange stehen. Diesmal vor der mit Panzerglas verschanzten Kassenbox. Gleich kommt das Sparbuch auf den neuesten Stand, die im abgelaufenen Jahr verdienten Zinsen werden vermerkt und zum Sparguthaben addiert. Man fühlt sich herrlich reicher.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sparkassenfiliale aus Kindheitstagen gibt es noch. Sie ist nicht geschlossen wie manch andere. Aber sie hat sich verändert. Die Sachbearbeiter von einst heißen heute Kundenberater und empfangen in Einzelbüros hinter Glas. Der Vorstand will, dass sie die Kunden so beraten, dass sie „Produkte“ kaufen: Bausparverträge von der LBS, Versicherungen von der Provinzial, Aktienfonds von der Deka. Diese Produktlieferanten gehören den Sparkassen. Sie zahlen ihnen für jeden Verkaufsabschluss eine Provision und schütten ihnen einen Teil des Jahresgewinns als Dividende aus.

          Druck auf Kundenberater steigt

          Keine Bankengruppe hat so viele Filialen, keine so viele Mitarbeiter wie die Sparkassen. Das Netz mit heute 416 Instituten ist in den vergangenen zehn Jahren zwar um rund 2000 Zweigestellen geschrumpft, auch weil alltäglich Bankgeschäfte wie Überweisungen von immer mehr Kunden online per Computer oder Smartphone erledigt werden. Doch es werden bald wohl noch mehr Sparkassenfilialen schließen müssen. Denn der Kostenblock aus noch 12 000 Filialen im Inland und 244 000 Mitarbeitern wird sich in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase nur noch schwer finanzieren lassen. Deshalb wächst der Druck auf die Kundenberater, mehr Bausparverträge, Versicherungen und Fonds zu verkaufen.

          Das ist bemerkenswert, denn eigentlich funktionieren Sparkassen anders. Ihr Hauptgeschäft ist das mit dem Zins. Sie verleihen Geld als Kredit und nehmen damit Zinsen ein. Und sie zahlen Sparern Zinsen dafür, dass sie ihr Geld bei ihnen parken. Solange die Kreditzinsen über den Einlagenzinsen liegen, bleibt für die Sparkassen dabei etwas übrig. Dieser Zinsüberschuss ist ihre wichtigste Einnahmequelle. Die Gebühren aus dem Verkaufen von Fonds, Versicherungen und Bausparverträgen bringen in normalen Jahren nur ein Viertel, der Zinsüberschuss drei Viertel der Erträge. Doch je länger die Niedrigzinsphase noch dauert, desto tiefer wird der Zinsüberschuss sinken. Das ist gefährlich: Denn falls die Sparkassen ihre Kommunen als Träger dann nicht hinter sich wissen und der gemeinsame Haftungsverbund nicht hält, kann es in ein paar Jahren für manche Sparkasse existenzbedrohend werden.

          Noch schwimmen die Sparkassen auf der Erfolgswelle. Die meisten hatten schon immer mehr Einlagen von Sparern angezogen, als sie an Krediten für Unternehmen und Häuslebauer vergeben konnten. Deshalb gerieten Sparkassen nicht in Not, als in der Finanzkrise die Kapitalmärkte austrockneten und Banken sich untereinander kein Geld mehr liehen. Etliche Großbanken dagegen, die fast ohne Einlagen Kredite vergeben und sich das Geld dafür kurzfristig besorgen, haben sich verzockt. Auch Sparkassenzentralinstitute wie West LB, Landesbank Rheinland-Pfalz und Sachsen LB strauchelten. Ausgerechnet solchen Banken hilft heute die Europäische Zentralbank. Denn sie gibt allen unbegrenzt Geld zum Nullzins.

          Sparkassen führen fast 50 Millionen Sparkonten

          Sparkassen aber brauchen kein Zentralbankgeld, selbst wenn die Kreditnachfrage anzöge. Sie schwimmen im Geld ihrer Sparkunden. 25 Prozent mehr Einlagen als vor der Lehman-Pleite liegen in den Sparkassen. Die Banken mit dem roten Logo genießen Vertrauen, auch dank der Kommunen im Rücken. Sie sind die Krisengewinner. Die 416 Sparkassen führen fast 50 Millionen Sparkonten.

          Die Zinsen können für den Zuspruch der Kunden der Grund nicht sein. Vor 40 Jahren gab es auf das Sparbuch für Guthaben mit dreimonatiger Kündigungsfrist 4 Prozent Zinsen. Vor 30 Jahren noch 3 Prozent, vor zehn Jahren 2 Prozent. Und heute? Mehr als 0,1 Prozent gibt es selten. Damit kann man niemanden hinter dem Ofen vorlocken, sollte man meinen. Tatsächlich ist die Kasse hinter Panzerglas, von der wir uns als Kind freudestrahlend die Zinsen gutschreiben ließen, längst aus der Filiale verschwunden. „Die Sparkultur geht vor die Hunde“, klagt der Sparkassenpräsident in Baden-Württemberg und fordert staatliche Prämien als Anreiz zum Sparen.

          Richtig ist: Die niedrigen Zinsen machen viele Sparpläne hinfällig, die vor einer Generation noch zum Ziel geführt haben. Wer vor dreißig Jahren umgerechnet 10 000 Euro anlegte, dessen Sparguthaben hat sich bei 3 Prozent Jahreszins mehr als verdoppelt. Wer jetzt 10 000 Euro zu 0,1 Prozent Zins anlegt und dieses Geld 30 Jahre nicht anrührt, wird nur 10 304 Euro haben. Es fehlt der Zinseszinseffekt: Früher stieg die Zinszahlung von 300 Euro im ersten Sparjahr bei gleichem Zinssatz hoch auf gut 700 Euro im dreißigsten Jahr. Denn in jedem Sparjahr wird dank der Zinszahlungen in den Vorjahren eine spürbar höhere Ansparsumme verzinst. Heute hingegen wächst die Zahlung lediglich vom ersten Sparjahr mit 10 Euro bei gleichbleibendem Zinssatz auf 10,29 Euro im dreißigsten Jahr. Auch der Staat hat Sparen unattraktiver gemacht, indem er seit 1993 den Sparerfreibetrag für steuerfreie Zinsen auf 801 Euro für jeden Steuerzahler geviertelt hat. Diese Anti-Spar-Politik wiegt umso schwerer, als der hoch verschuldete Staat nun von den niedrigen Zinsen profitiert. „Der Sparer dagegen ist der Dumme“, jammern die Sparkassen, nicht zu Unrecht.

          Sparkassen-Kunden sind besondere Klientel

          Besonders dumm aber kann es für die Sparkassen selbst in den nächsten Jahren laufen. Sie könnten Opfer ihres Erfolges werden. Während die Deutschen insgesamt angesichts der niedrigen Zinsen mehr konsumieren, sparen Sparkassenkunden mehr. Woran das liegt? Offenbar ist es eine besondere Klientel. Sie gibt das Geld nicht mit vollen Händen aus nach dem Motto „im Alter kommt sowieso die Sintflut“, sondern sie kämpft gegen die niedrigen Zinsen an. Noch mehr von ihrem Einkommen als früher legen Sparkassenkunden auf die hohe Kante - offenbar um den fehlenden Zinseszinseffekt wettzumachen.

          Die Sparkassen werden zu einer immer praller gefüllten Spardose. Allerdings können sie es sich wegen ihrer Kosten nicht erlauben, das Geld zinslos herumliegen zu lassen. Die Sparkassen leisten sich viele kostspielige Zentralinstitute mit Vorständen und Verwaltung. Sieben Landesbanken, neun Landesbausparkassen, elf Versicherungsgruppen und elf regionale Sparkassenverbände wirken wie aus der Zeit gefallen. Die lange ähnlich üppig ausgestattete Volks- und Raiffeisenbankengruppe ist heute viel schlanker. Zumal sich die Fusion von DZ und WGZ zur dann einzigen genossenschaftlichen Zentralbank abzeichnet.

          In der Sparkassengruppe dagegen ist es still geworden um Zusammenschlüsse unter Landesbanken und Versicherern. Das Zusammenrücken zu einem einzigen Rechenzentrum ist fast die einzige Erfolgsgeschichte, mit der es immerhin gelang, den wachsenden IT-Kosten gegenzusteuern. Ansonsten wirkt die Gruppe in einer sich rasch wandelnden Welt überaus schwerfällig.

          Die Marge schmilzt

          Um die steigenden Kosten der Sparkassen abzufedern, sollten eigentlich die steigenden Einlagen der Sparer helfen. Doch das klappt nur sehr eingeschränkt. Denn wie jeder Sparer bekommt auch eine Sparkasse so gut wie keine Zinsen für das Geld, das ihnen die Kunden jetzt in großen Mengen bringen. Hinzu kommt, dass jedes Jahr Anleihen, die zu hohen Zinsen gekauft wurden, auslaufen werden. Das Geld kann nur zu viel niedrigeren Zinsen wieder angelegt werden. Es hilft da wenig, dass die Sparkassen selbst auch weniger Zinsen auf Sparguthaben zahlen müssen. Die Zinsspanne, ihre Marge zwischen Kredit- und Anlagezins einerseits und Einlagenzins anderseits, schmilzt.

          Noch mit am lukrativsten ist es, wenn Bankkunden ihr Konto überziehen. Dann langen auch Sparkassen richtig zu und verlangen auf den hohen Dispozins noch einen Extrazins. Doch seit kurzem traut sich auch das nur noch die Hälfte aller Sparkassen. Zu deutlich war offenbar die Kritik, die Politiker und selbsternannte Verbraucherschützer äußerten. Der Großteil des Überschusses aus Einlagen gegenüber Krediten ist ohnehin in Bundesanleihen und ähnlich risikoarmen Papieren angelegt. Weil jedes Jahr weniger Zinseinnahmen aus „alten Papieren“ den Zinsüberschuss stärken und immer mehr Anlagen aus der Niedrigzinsphase im Depot der Sparkassen liegen, werden ihre Zinseinnahmen absehbar sinken - und damit auch der Zinsüberschuss.

          Was können die Sparkassen tun? Da bleibt nur: Kosten senken oder Erträge an anderer Stelle steigern. Dafür gibt es etwas Zeit, denn viele Sparkassen haben hohe Eigenkapitalreserven. Die Geschäftsergebnisse für 2014 werden noch einmal hervorragend ausfallen. Der Gewinn klettert, weil so gut wie alle Unternehmen ihre Kredite zurückzahlen. Die für Insolvenzfälle zurückgelegten Reserven werden nicht gebraucht. Dies liegt an der sicherlich nicht ewig so rund laufenden Konjunktur hierzulande. Zudem belasten die Beteiligungen an den Landesbanken momentan nicht. Vieles fügt sich also derzeit gut für die Sparkassen. Ihr Eigenkapital nimmt dank der hohen Gewinne zu. Und die Kommune protegiert „ihre“ Sparkasse, indem sie als Träger auf eine Dividende verzichtet und sich mit Steuern und Spenden begnügt.

          Aktienfonds für die Kunden

          Doch wie bedrohlich wird die Lage sein, wenn unser Sparkassenberater in fünf Jahren in Ruhestand geht? Früher rief er an, wenn Festgeld wieder frei geworden war. „Ist doch schade, wenn das Geld auf dem Girokonto herumliegt und keine Zinsen bringt“, sagte er meist und brachte einen dazu, sein Geld wieder für eine Weile fest zu höheren Zinsen bei der Sparkasse anzulegen. Heute weiß der Berater, dass es für den Kunden fast gehüpft wie gesprungen ist, ob er sein Geld auf dem Tageskonto, dem Sparbuch oder als Festgeld angelegt. Die Zinsen sind minimal, fast egal wie lang die Laufzeit.

          Sein Sparkassen-Vorstand will, dass der Sparkassenberater Aktienfonds der Sparkassengesellschaft Deka an die Kunden bringt. Damit lassen sich Gebühren einnehmen, um den schwindenden Zinsüberschuss etwas auszugleichen. Doch ausgerechnet die großen Deka-Aktienfonds laufen seit Jahren dem Markt hinterher.

          Zudem sind Aktien riskanter als Anleihen, hieß es zumindest früher. Doch in der Niedrigzinsphase muss man mehr Risiken eingehen, heißt es nun allenthalben. Davor haben nicht nur die staatlichen Aufseher der Sparkassen Angst. Der schrumpfende Zinsüberschuss könnte ausgerechnet die biederen Sparkassen zu riskanteren Geschäften veranlassen. Gar nicht unbedingt auf den Kapitalmärkten. Viele Sparkassenkunden machen sich Sorgen um die „Weichwährung Euro“, wollen Immobilien kaufen und fragen Hypothekenkredite nach. Für die Sparkassen ist dieser Betonboom ein Segen, der schnell zum Fluch werden kann. Denn Hypothekenkredite vergeben sie besonders langfristig. Wenn heute Baugeld für zehn Jahre verliehen wird, dann oft für rund 2 Prozent Kreditzins. Diese Zinseinnahme stabilisiert die Zinsmarge, solange die Sparkasse auf Einlagen nur 0,1 Prozent Zins zahlen muss. Doch sobald irgendwann das Zinsniveau wieder steigt, werden Sparkassen auch den Sparern wieder mehr Zins zahlen müssen. Das wird wehtun, denn die Zinseinnahmen werden angesichts vieler noch laufender Hypothekenkredite kaum mitwachsen. Dann schnappt die Zinsfalle bei den Sparkassen so richtig zu.

          Weitere Themen

          Indien verbietet E-Zigaretten Video-Seite öffnen

          Todesfälle durch Vaping : Indien verbietet E-Zigaretten

          In letzter Zeit kam es aber vermehrt zu Lungenkrankheiten und sogar Todesfällen, die Ärzte auf das sogenannte Vaping zurückführen. Viele Regierungen stören sich auch daran, dass die Industrie gezielt Jugendliche anspricht.

          Topmeldungen

          Reformpaket gegen Klimawandel : Der Tag der Entscheidung

          Nach monatelangen Debatten steht die Bundesregierung vor einer klimapolitischen Richtungsentscheidung. Verschiedene Maßnahmen stehen zur Wahl. Eine Übersicht.

          „Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.