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Niedrigzinsen : Tschüs, gute alte Sparkasse

Eine 80 Jahre alte Spardose. Bild: INTERFOTO

Die Sparer sind in der Niedrigzinsphase die Dummen, klagen die Sparkassen. Nicht zu Unrecht. Doch besonders dumm könnte es bald für sie selbst laufen.

          Es ist ein Ritual zu Jahresbeginn und gehört zu den schönsten Kindheitserinnerungen: Zinsen nachtragen in der Sparkasse. Mit dem - natürlich knallroten - Sparbuch in der Hand geht es erst zum Schalter, der wie ein Tresen das Großraumbüro komplett durchläuft. Nachdem die Sparkassensachbearbeiterin ihre Unterschrift in die rechte Spalte des Sparbuches gesetzt und einen mit viel Tinte durchtränkten Stempel draufgedrückt hat, heißt es noch einmal Schlange stehen. Diesmal vor der mit Panzerglas verschanzten Kassenbox. Gleich kommt das Sparbuch auf den neuesten Stand, die im abgelaufenen Jahr verdienten Zinsen werden vermerkt und zum Sparguthaben addiert. Man fühlt sich herrlich reicher.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Sparkassenfiliale aus Kindheitstagen gibt es noch. Sie ist nicht geschlossen wie manch andere. Aber sie hat sich verändert. Die Sachbearbeiter von einst heißen heute Kundenberater und empfangen in Einzelbüros hinter Glas. Der Vorstand will, dass sie die Kunden so beraten, dass sie „Produkte“ kaufen: Bausparverträge von der LBS, Versicherungen von der Provinzial, Aktienfonds von der Deka. Diese Produktlieferanten gehören den Sparkassen. Sie zahlen ihnen für jeden Verkaufsabschluss eine Provision und schütten ihnen einen Teil des Jahresgewinns als Dividende aus.

          Druck auf Kundenberater steigt

          Keine Bankengruppe hat so viele Filialen, keine so viele Mitarbeiter wie die Sparkassen. Das Netz mit heute 416 Instituten ist in den vergangenen zehn Jahren zwar um rund 2000 Zweigestellen geschrumpft, auch weil alltäglich Bankgeschäfte wie Überweisungen von immer mehr Kunden online per Computer oder Smartphone erledigt werden. Doch es werden bald wohl noch mehr Sparkassenfilialen schließen müssen. Denn der Kostenblock aus noch 12 000 Filialen im Inland und 244 000 Mitarbeitern wird sich in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase nur noch schwer finanzieren lassen. Deshalb wächst der Druck auf die Kundenberater, mehr Bausparverträge, Versicherungen und Fonds zu verkaufen.

          Das ist bemerkenswert, denn eigentlich funktionieren Sparkassen anders. Ihr Hauptgeschäft ist das mit dem Zins. Sie verleihen Geld als Kredit und nehmen damit Zinsen ein. Und sie zahlen Sparern Zinsen dafür, dass sie ihr Geld bei ihnen parken. Solange die Kreditzinsen über den Einlagenzinsen liegen, bleibt für die Sparkassen dabei etwas übrig. Dieser Zinsüberschuss ist ihre wichtigste Einnahmequelle. Die Gebühren aus dem Verkaufen von Fonds, Versicherungen und Bausparverträgen bringen in normalen Jahren nur ein Viertel, der Zinsüberschuss drei Viertel der Erträge. Doch je länger die Niedrigzinsphase noch dauert, desto tiefer wird der Zinsüberschuss sinken. Das ist gefährlich: Denn falls die Sparkassen ihre Kommunen als Träger dann nicht hinter sich wissen und der gemeinsame Haftungsverbund nicht hält, kann es in ein paar Jahren für manche Sparkasse existenzbedrohend werden.

          Noch schwimmen die Sparkassen auf der Erfolgswelle. Die meisten hatten schon immer mehr Einlagen von Sparern angezogen, als sie an Krediten für Unternehmen und Häuslebauer vergeben konnten. Deshalb gerieten Sparkassen nicht in Not, als in der Finanzkrise die Kapitalmärkte austrockneten und Banken sich untereinander kein Geld mehr liehen. Etliche Großbanken dagegen, die fast ohne Einlagen Kredite vergeben und sich das Geld dafür kurzfristig besorgen, haben sich verzockt. Auch Sparkassenzentralinstitute wie West LB, Landesbank Rheinland-Pfalz und Sachsen LB strauchelten. Ausgerechnet solchen Banken hilft heute die Europäische Zentralbank. Denn sie gibt allen unbegrenzt Geld zum Nullzins.

          Sparkassen führen fast 50 Millionen Sparkonten

          Sparkassen aber brauchen kein Zentralbankgeld, selbst wenn die Kreditnachfrage anzöge. Sie schwimmen im Geld ihrer Sparkunden. 25 Prozent mehr Einlagen als vor der Lehman-Pleite liegen in den Sparkassen. Die Banken mit dem roten Logo genießen Vertrauen, auch dank der Kommunen im Rücken. Sie sind die Krisengewinner. Die 416 Sparkassen führen fast 50 Millionen Sparkonten.

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