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Niedriglohnsektor : Viel besser als sein Ruf

Eine Gebäudereinigerin schiebt einen Putzwagen durch einen Gang in Landshut. Bild: dpa

Um Geringqualifizierte in Arbeit zu bringen, braucht es einfache Tätigkeiten zu Einstiegslöhnen: Der Niedriglohnsektor ist besser als sein Ruf. Eine Gegenrede.

          Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, doch es gab eine Zeit, in der große Teile der Politik fanden: Deutschland braucht einen Niedriglohnsektor. Anfang des Jahrtausends war das, als es nach dem Platzen der Dotcom-Blase mit der Wirtschaft bergab ging und die Zahl der Arbeitslosen auf offiziell 5 Millionen kletterte. Lieber Arbeit finanzieren als Arbeitslosigkeit, lautete die neue Antwort der (auch von leeren Kassen diktierten) Politik. Arbeit zu einem Niedriglohn, der durch staatliche Einkommenszuschüsse ergänzt wird, sei allemal besser als keine Arbeit.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Inzwischen ist der Niedriglohnsektor ziemlich in Verruf geraten. Vielen gilt er heute nicht mehr als Lösung, sondern als Problem – als Schattenseite des nicht enden wollenden Aufschwungs am Arbeitsmarkt. Die SPD hat gering bezahlte Arbeit als eine Ursache von Altersarmut ausgemacht und mit ihren Vorschlägen für eine „Respektrente“ – einen Aufschlag auf die Grundsicherung für langjährige Beitragszahler – einen Nerv getroffen. Sie blendet dabei allerdings aus, dass Zeiten unfreiwilliger Arbeitslosigkeit immer noch das größte Risiko für Armut im Alter sind.

          Ihre Ideen gehen noch weiter: Ihrem Sozialstaatskonzept zufolge wollen die Sozialdemokraten „den Niedriglohnsektor eindämmen“. Dazu setzen sie auf eine breitflächige Lohnregulierung durch die Politik: zum einen in Form staatlich erzwungener Tarifbindung, zum anderen durch einen allgemeinen Mindestlohn von 12 Euro. Doch solche Vorschläge verkennen, welche Funktion der Niedriglohnsektor hat, und werfen die Frage auf, wieso Arbeitnehmer überhaupt dazu verdammt sein sollen, 45 Jahre lang ohne Aufstiegschance zum Mindestlohn zu arbeiten.

          Sprung über die Niedriglohnschwelle

          Beispiel Langzeitarbeitslose: Ihre Zahl ist von mehr als 1,8 Millionen im Jahr 2006 auf inzwischen noch rund 750.000 gesunken. Wie aber hätten all diese Menschen, die zum Teil nur eine sehr geringe oder gar keine Qualifikation mitbringen, Arbeit finden sollen, wenn nicht zunächst über Einstiegstätigkeiten? Und was ist mit den aktuell 455.000 arbeitssuchend gemeldeten Flüchtlingen? Ein Mindestlohn von 12 Euro dürfte es den meisten von ihnen sehr schwer machen, Arbeit zu finden.

          Es stimmt ja, dass Deutschland einen vergleichsweise großen Niedriglohnsektor hat (übrigens nicht erst seit den Hartz-Reformen). Als Schwelle gelten üblicherweise zwei Drittel des mittleren Bruttomonatsentgelts, derzeit 2136 Euro im Monat. Jeder fünfte vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in Deutschland verdiente zuletzt weniger. Auch wenn gerne anderes behauptet wird, ist es allerdings keineswegs so, als würde der Anteil der betroffenen Beschäftigten stetig zunehmen, im Gegenteil: Diese Entwicklung ist schon seit einigen Jahren gestoppt, denn die Löhne steigen wieder ausgeglichener. Im Gastgewerbe, wo grundsätzlich eher wenig bezahlt wird, legen sie sogar recht kräftig zu.

          Und mit noch einem Mythos muss aufgeräumt werden: dass Aufstieg nicht für alle möglich sei. Vielen Geringverdienern gelingt der Sprung über die Niedriglohnschwelle, und es gibt keinen Grund zu zweifeln, dass das auch künftig möglich sein wird, zumal angesichts des demographischen Wandels inzwischen viele Unternehmen mehr oder weniger verzweifelt nach Fachkräften suchen. Zum Teil bieten sie eigene Weiterbildungen an, um ihre Mitarbeiter für die Aufgaben im Betrieb zu schulen, womit sich selbst für Menschen mit Qualifikation auf Helferniveau Möglichkeiten eröffnen, die es vor einigen Jahren noch nicht gegeben hätte. Darüber hinaus liegt es natürlich an jedem Einzelnen, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Wer sich zum Beispiel vom Altenpflegehelfer zur Fachkraft weiterbildet, verdient gleich deutlich mehr.

          Bessere Anreize

          Darüber hinaus kann auch die Politik Anreize setzen, damit möglichst viele Menschen den Aufstieg schaffen. Ein Beispiel: Verdient jemand so wenig, dass er sein Einkommen durch Hartz-IV-Bezüge aufstocken muss oder auf Transferleistungen wie das Wohngeld oder den Kinderzuschlag angewiesen ist, lohnt es sich für ihn bislang oft kaum, sich um eine besser bezahlte Stelle zu bemühen oder mehr zu arbeiten. Denn Sozialabgaben und Transfers sind schlecht aufeinander abgestimmt. Arbeits- und Familienministerium haben zwar kürzlich den Kinderzuschlag etwas erhöht, das zugrundeliegende Problem damit aber noch nicht gelöst. Hier noch einmal ranzugehen würde Geringverdienern wirklich helfen.

          Auch verstärkte finanzielle Anreize für Arbeitslose, an Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen oder den Berufsabschluss nachzuholen, wären ein sinnvoller Weg. Doch sollte zugleich auch deutlich früher angesetzt werden: Nach wie vor verlassen jedes Jahr 50.000 junge Menschen die Schule ohne einen Abschluss in der Tasche.

          Mehr als 2,1 Millionen junge Leute hatten darüber hinaus zuletzt keinen Berufsabschluss, hat der jüngste Berufsbildungsbericht ergeben. Das sind zu viele. Schließlich sollten die Betreuungsmöglichkeiten für kleine Kinder weiter ausgebaut werden, damit Eltern – in der Regel sind es Frauen –, die mehr arbeiten wollen, dies auch können. Dann bestünde auch Grund zur Hoffnung, dass mehr Menschen es schaffen, sich selbst eine auskömmliche Rente für das Alter zu erarbeiten.

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