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Klöckners Krisengespräch : Deutschland hat zu viel Schwein

  • -Aktualisiert am

So eine Schweinerei: Geld mit dem Fleisch zu verdienen, wird für Landwirte immer schwieriger. Bild: Lucas Bäuml

Der Preis für Schweinefleisch liegt so niedrig wie lange nicht mehr. Deutschland hat ein Schweineproblem. Die Politik ist alarmiert – eine Partei ganz besonders.

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          Die Zahlen sehen auf den ersten Blick nicht nach Krise aus: Knapp 25 Millionen Schweine halten Deutschlands Landwirte, fast 33 Kilogramm Schweinefleisch isst der Durchschnittsverbraucher im Jahr. Ob als Schnitzel, Würstchen oder Schinken: Schwein ist weiter die mit Abstand beliebteste Fleischsorte. Doch damit Geld zu verdienen wird für die Erzeuger zunehmend schwieriger. Für 1,25 Euro je Kilogramm wurden Schlachtschweine nach den Zahlen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) zuletzt gehandelt. Zum Vergleich: Ende 2019 gab es noch 1,95 Euro.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zwei Gründe stehen hinter dem Preisverfall. Zum einen geht der Fleischverzehr in Deutschland zurück, nicht stark, aber doch spürbar. Der Anteil der Vegetarier hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, von 5 auf 10 Prozent. Wer Fleisch isst, greift häufiger zu Geflügel. Zugleich schwächelt der für die Schweinehalter so wichtige Export. Nachdem auch in Deutschland Fälle der Afrikanischen Schweinepest aufgetreten sind, hat China seine Importe gestoppt. Die Tierseuche ist für den Menschen zwar ungefährlich, für Schweine aber tödlich. Weniger Nachfrage sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland: So schnell, wie es eigentlich nötig wäre, können die Landwirte ihre Bestände gar nicht reduzieren. Die Folge ist ein „Schweinestau“, der längst nicht mehr nur die Branche umtreibt, sondern auch die Politik.

          Klöckner lädt zum Branchengespräch

          Für diesen Mittwoch hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu einem Krisengipfel eingeladen, wobei das Ministerium die Sache zurückhaltender formuliert: „Branchengespräch Fleisch“ lautet der offizielle Titel. Mit dabei sein sollen neben Tierhaltern auch Vertreter aus dem Handel und der Lebensmittelindustrie. Ebenfalls eingeladen sind die Agrarministerinnen der zwei Bundesländer, in denen zusammen rund 60 Prozent des deutschen Schweinebestands gehalten werden: Ursula Heinen-Esser aus Nordrhein-Westfalen und Barbara Otte-Kinast aus Niedersachsen, beide CDU.

          Die Landwirte erhoffen sich von dem Treffen finanzielle Unterstützung. Klöckners Ministerium hat jedoch deutlich gemacht, dass es für ein nationales Hilfsprogramm wegen der Regeln des europäischen Binnenmarkts wenig Spielraum sieht. Darüber müsse auf EU-Ebene gesprochen werden. Dass es sich nicht nur um ein deutsches, sondern um ein europäisches Problem handelt, schreiben auch die Statistiker der AMI in ihrem jüngsten Marktbericht. In fast allen Ländern stockten die Fleischnachfrage und damit die Vermarktung von Schlachtschweinen. Die Kühllager füllten sich immer weiter.

          Die Suche nach der langfristigen Lösung des Schweineproblems

          Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie ist klar: Deutschland hat ein Schweineproblem. Durch die über viele Monate geschlossenen Restaurants und Kantinen ist die Nachfrage weiter gesunken. Ende vergangenen Jahres lagen die Preise für Schlachtschweine noch etwas niedriger als heute. Dass die Bundeslandwirtschaftsministerin ausgerechnet jetzt zum Krisengespräch lädt, könnte mit der Bundestagswahl in anderthalb Wochen zu tun haben. 2017 konnte die Union nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen noch 61 Prozent der Stimmen von Landwirten für sich gewinnen. Doch die absolute Mehrheit wackelt: In einer Umfrage eines Agrar-Fachportals lag im Frühjahr die FDP vorne. Die verschärfte Düngeverordnung und das Insektenschutzpaket der großen Koalition haben viele Landwirte nachhaltig verärgert. Das Schweinegespräch der drei CDU-Ministerinnen kann deshalb auch als Signal an diese Berufsgruppe verstanden werden: Wir sehen eure Probleme, wir kümmern uns.

          Theoretisch könnte der Handel den Schweinestau auch allein auflösen, indem er mit Sonderangeboten die Nachfrage ankurbelt, auf dass sich die Vorräte von den Kühllagern der Zerleger in die Tiefkühltruhen der Verbraucher verlagern. Doch in einer Zeit, in der Billigfleisch gesellschaftlich wie politisch verpönt ist und der Handel ohnehin in der Kritik steht, den Bauern kaum Geld zum Leben zu lassen, käme ein solcher Schritt einem Werbe-GAU gleich. Und er würde das Problem auch nur kurzzeitig lösen. In dem Gespräch dürfte es deshalb vor allem um langfristige Maßnahmen gehen. In den Niederlanden zahlt die Regierung schon eine Art Abwrackprämie für Schweineställe, um die Bestände zu verkleinern. Gut möglich, dass dies in den bald anstehenden Koalitionsverhandlungen auch hier ein Thema wird.

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