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Niederlage für Salvini : Die reiche Emilia-Romagna bleibt rot

Die Altstadt von Bologna Bild: Picture-Alliance

Die Unternehmer unterstützten die Linksregierung, die seit 70 Jahren an der Macht ist. Die Region hält also an ihrem Wirtschaftsmodell mit mehr sozialem Zusammenhalt fest. Dennoch warten viele Herausforderungen.

          4 Min.

          Der populistische italienische Parteichef der Lega, Matteo Salvini, hat zum ersten Mal nach vier Jahren ununterbrochenem Aufstiegs eine klare Niederlage erlitten. Fehlgeschlagen ist nicht nur der Versuch, bei den Regionalwahlen in der traditionell links orientierten Region Emilia-Romagna die Macht zu übernehmen. Oppositionsführer Salvini hatte sich dagegen gewünscht, mit einem Wahlsieg in dieser wohlhabenden „roten“ Region am gestrigen Sonntag das Ende der nationalen Regierung in Rom herbeiführen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Doch nach allen Aussagen von Meinungsforschern war gerade die Emilia-Romagna schwer zu gewinnen. Selbst nach 70 Jahren mit „roten“ Regionalregierungen gilt die Unterstützung des Großteils der Unternehmerschaft, auf diskrete und dennoch entschiedene Art, immer noch der bisher regierenden Partei, den Mitte-Links orientierten Demokraten, und ihrem bisherigen Regionalpräsidenten, dem 53 Jahre alten Berufspolitiker Stefano Bonaccini. Zwar gab es in früheren Jahrzehnten auch Klagen, doch heute klingt das Urteil positiv:

          „Die Region ist längst nicht mehr so rot, sondern wird sozusagen sozialdemokratisch regiert. Und zwischen den Unternehmern und der gegenwärtigen Regierung gibt es ein vertrauensvolles Verhältnis“, sagt der Vorsitzende des Unternehmerverbandes Emilia-Romagna, Pietro Ferrari, dessen unternehmerische Aktivität sich nicht wie bei den Namensvettern um Autos, sondern um Industriebauten dreht. Die linken Regionalregierungen in der Emilia-Romagna seien ungeheuer pragmatisch gewesen, urteilt der Kommentator Antonio Polito vom „Corriere della Sera“: „Als in Rom die Kommunisten noch Russland als Vorbild hatten, bestand die linke Politik rund um Bologna schon aus vernünftiger Anwendung guter Regierungspraxis und sozialen Bündnissen zwischen Landwirten, Arbeitern und unternehmerischem Bürgertum.“

          Sozialer Zusammenhalt und Rücksicht auf die Gemeinschaft

          Die Emilia-Romagna ist die einzige „rote“ Region unter den drei reichen Flächenregionen, die den Motor der italienischen Wirtschaft darstellen: Am Nordufer des Flusses Po beginnt das von der Lega regierte Territorium, mit der Lombardei im Nordwesten, dem Veneto im Nordosten. Die drei Regionen haben dabei sehr unterschiedlichen Charakter. Mailand und die Lombardei erlebten früher als der Großteil Italiens eine tiefgreifende Industrialisierung. Aus der Sicht von Bologna zelebrieren sich noch heute die lombardischen Unternehmer „zu sehr auf einem Thron“. Das Veneto im Nordosten ist dagegen in siebzig Jahren aufgestiegen vom Armenhaus zur Wohlstandsregion. Dort ist den Unternehmen immer noch der Stolz auf die Karriere als „Selfmademen“ anzumerken, gepaart mit einem kleinen Schuss Anarchie.

          Die Emilia Romagna beschreibt Unternehmerpräsident Ferrari als eine Region, „in der es ein besseres Verhältnis und mehr Vertrauen zwischen Unternehmern und Mitarbeitern gibt“. Sozialer Zusammenhalt oder Rücksicht auf die Gemeinschaft sind Begriffe, die in der Welt der Unternehmer rund um Bologna gern benutzt werden. Giuseppe Lesce, Vorsitzender von Federmacchine, dem Dachverband der italienischen Maschinenbauer, arbeitet selbst als Direktor in einem Unternehmen, das es so nur in der Emilia-Romagna gibt: Der Maschinenbauer Sacmi, 2018 mit 1,4 Milliarden Euro Umsatz und 4500 Mitarbeitern, ist seit 100 Jahren eine Kooperative. Die Gegensätze zwischen Unternehmenspatron und Gewerkschaften, etwa bei Verhandlungen für Überstunden, gebe es bei Sacmi einfach nicht. In der Unternehmenszentrale in Imola mit 1100 Mitarbeitern seien die 400 Teilhaber über alle Abteilungen und Tätigkeiten verteilt, „und die reißen das ganze Unternehmen mit“.

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