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500 Jahre Reformation : Mein Luther

  • -Aktualisiert am

Das Lutherdenkmal in Hannover. Bild: dpa

Martin Luther hat uns Freiheit und Fortschritt gebracht. Eine Lobrede auf den Rebell und Reformator. Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Am Reformationstag halte ich in Gerlingen, in meiner Heimatkirche, eine Predigt. Dass ich dies tun kann als Frau, dass ich Deutsch (und vielleicht auch ein wenig Schwäbisch) sprechen darf – all das geht auch auf Martin Luther zurück. Genau wie so viele andere Dinge, die uns heute ganz selbstverständlich sind. Ich möchte diese Predigt daher unter die Überschrift „Die Gnade der Freiheit“ stellen. Denn sie ist auch heute, ein halbes Jahrtausend nach Luther, alles andere als vollendet. In vielen Teilen der Welt sehen wir, wie die Freiheit mit Füßen getreten wird, seien es die Rechte von Andersdenkenden, von Ethnien, von Frauen, von Kindern.

          Nationalismus und Kriege, Flucht und Vertreibung sind neben dem vielen Guten, das es natürlich auch gibt, noch immer Realität. Journalisten und Lehrer sitzen in Gefängnissen und werden des Landesverrats bezichtigt. Immer lauter wird mancherorts der Ruf nach autoritären Strukturen, der eben auch eine Absage an den Kerngedanken der Freiheit ist. Ich könnte auch sagen: eine Absage an den Kerngedanken Luthers, dass Individualität ein kostbares Gut ist. Das Reformationsjubiläum ist aus meiner Sicht darum kein museales Ereignis, bei dem man Postkarten druckt oder Sondereditionen herausbringt. Sondern es soll uns auch daran erinnern, worum es Luther ging. Und worum es heute geht, wenn wir in seinem Geiste denken und fühlen.

          Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Trumpf-Geschäftsleitung. Der Text basiert auf der Dankesrede zum Hanns-Martin-Schleyer-Preis 2017 sowie auf einer Predigt der Autorin, die sie am Reformationstag halten wird.
          Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Trumpf-Geschäftsleitung. Der Text basiert auf der Dankesrede zum Hanns-Martin-Schleyer-Preis 2017 sowie auf einer Predigt der Autorin, die sie am Reformationstag halten wird. : Bild: Trumpf

          Ich kann somit nicht umhin, das Luther-Jahr auch als ein Jahr des Nachdenkens über unsere Zeit zu verstehen. In der es so viel religiös motivierte Gewalt gibt. In der Angst gesät wird – und man dafür im Nachhinein eine vermeintlich höhere Legitimation sucht, die man „Glauben“ nennt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir uns vor Worten wie „Umsturz“ oder „Umwälzung“ intuitiv fürchten. Denn wir verbinden mit ihnen eine Störung des friedlichen Zusammenlebens. Fakt aber ist, dass wir uns dem Gedanken eines „Umsturzes“ nicht entziehen können, wenn wir gemeinsam an die Reformation erinnern. Mit dieser Ambivalenz müssen wir leben. Denn Luther war – in allem, was wir heute mit ihm verbinden – ein Revolutionär, der sich mit den bestehenden Strukturen auseinandersetzte. Er war ein Rebell, der unser Bild Gottes und der Kirche wie kein zweiter prägen sollte. Und er war ein moderner Dichter und Erzähler, der seiner Zeit vor allem durch seine radikale, zugleich aber auch ungeheuer poetische und moderne Sprache ein Stück weit voraus sein sollte. So wie es die Bilder Lucas Cranachs waren, seines kongenialen Partners. An beiden Dingen – an dem, was er wollte, und an dem, wie er es tat – können wir nicht vorbei.

          Kann man ein Wort wie Wahrheit kraftvoller verwenden?

          Blicken wir zunächst auf die Stellung des Menschen zu Gott, wie Luther sie verstand. In Luthers Aufsatz „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520 findet sich ein auf den ersten Blick profaner Satz: „Willst du etwas stiften, beten oder fasten, so tu es nicht in der Absicht, dir damit etwas Gutes anzutun, sondern gib es freiwillig hin, dass andere Leute es genießen können, und tu es zu ihrem Besten, dann bist du ein richtiger Christ.“

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