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Balkanstaat in der Krise : Nicht nur das Erdbeben setzt Albanien zu

Im albanischen Durres verbringt eine Familie die Nacht vor ihrem Haus und wärmt sich an einem Feuer. Bild: dpa

Das kleine Land leidet unter Dürren und darunter, dass sich der EU-Beitritt immer weiter verzögert. Doch vor allem der Exodus junger Menschen macht Albanien zu schaffen.

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          Am Dienstagfrüh um 4 Uhr fiel die Familie Hackaj fast aus den Betten. „Die Wände wackelten, meine Frau und die Kinder versteckten sich unter den Tischen“, berichtet Ardian Hackaj, noch immer aufgewühlt von dem schweren Erdbeben, das vor zwei Tagen Albanien erschütterte. „Wir zogen unsere Mäntel über die Schlafanzüge und rannten sieben Stockwerke hinunter auf die Straße. Und das bei nur 7 Grad“, sagt der Mann. Inzwischen ist die Familie wie Tausende andere Menschen aus der Hauptstadt Tirana nach Süden geflüchtet. Immer wieder gebe es Nachbeben, die eine Mordsangst machten.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Furcht ist nicht unbegründet, bisher haben die Behörden 500 Erdstöße gezählt. Die Zahl der Opfer stieg am Mittwoch auf 28 Tote und 650 Verletzte. Das Beben vom Dienstag erreichte auf der Richterskala eine Stärke von 6,4. Das Epizentrum befand sich 34 Kilometer nordwestlich von Tirana, noch näher liegen die Städte Durres und Thumane, wo es die meisten Opfer gab. Die Regierung hat inzwischen den Notstand ausgerufen. Der Betroffene Hackaj erklärt, was es bedeute, wenn der Staat alle Schäden ersetzt: „Das ist richtig, setzt aber den Etat unter Druck, mit dem es nicht zum Besten steht.“

          Hackaj ist Ökonom und Forschungsdirektor am Institut für Kooperation und Entwicklung CDI, einer angesehenen Denkfabrik in Tirana. Die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe kann er noch nicht absehen. Klar ist für ihn aber, dass nicht nur die Infrastruktur gelitten hat, sondern auch der private Konsum sinken wird, eine der Hauptstützen des Wachstums. An diesem Donnerstag und Freitag feiern die Albaner ihre Nationalfeiertage, traditionell mit Großeinkäufen wie in Amerika zum „Black Friday“.

          Sofort zu Hilfe geeilt

          Diesmal aber hielten sich die Leute zurück, weil sie verunsichert seien und Tirana mieden. In der Hauptstadt leben 30 Prozent aller Einwohner, die 50 Prozent des privaten Verbrauchs tätigen. Die Katastrophe hat für den Wissenschaftler aber auch positive Seiten. Innerhalb Albaniens führe die Not zu mehr Solidarität, und sie entlarve manchen politischen Konflikt als Bagatelle. Da die Gesellschaft jetzt nach staatlicher Hilfe und funktionierenden Institutionen ruft, würden die Aushöhlung öffentlicher Einrichtungen und die „Privatisierungswut“ überprüft: „In schwierigen Zeiten ist die Funktionalität des Staates gefragt, es zeigt sich, dass der Markt nicht alles regeln kann“.

          Als zukunftsweisend bewertet Hackaj auch die gegenwärtige europäische Unterstützung. Die EU, einzelne Mitgliedstaaten aber auch die Nachbarländer auf dem Westbalkan seien sofort zu Hilfe geeilt. „Vielleicht führt das zum Umdenken, dass wir alle in einem Boot sitzen und alle zur EU gehören sollten“, hofft Hackaj, dessen Institut viel zur europäischen Integration und zu den Aufnahmeperspektiven Albaniens in die EU forscht.

          Kreditanstieg für den Mittelstand

          Das Land mit 2,9 Millionen Einwohnern ist seit 2014 Beitrittskandidat. Doch gibt es bisher keinen Beschluss der Staats- und Regierungschefs, Verhandlungen mit Tirana aufzunehmen. Die Kommission und das EU-Parlament haben sich zwar dafür ausgesprochen, ebenso der Deutsche Bundestag. Einzelne Regierungen blockieren die Gespräche mit Albanien und Nordmazedonien jedoch, darunter Frankreich und die Niederlande. Deswegen hat der Europäische Rat die Aufnahme von Verhandlungen im Oktober zum dritten Mal vertagt.

          Solange das so sei, gehe der Exodus junger und vergleichsweise gut ausgebildeter Albaner weiter, die in der Heimat keine Perspektive sähen, warnt Hackaj. Seit den neunziger Jahren habe ein Viertel der Erwerbsbevölkerung Albanien verlassen. „Man stelle sich das in einem Unternehmen vor, das müsste zumachen“, sagt er. Das Wiener Osteuropa-Institut WIIW hat im vergangenen Jahrzehnt eine Abwanderung von 165.000 Personen gezählt, 6 Prozent der Bevölkerung. Die Albanien-Ökonomin am WIIW, Isilda Mara, befürchtet, dass eine weitere Verzögerung der EU-Verhandlungen die Reformanstrengungen gefährden könnte, etwa in der Rechtsprechung oder im Kampf gegen die Korruption.

          Zu schaffen macht dem Land auch der Klimawandel. Albanien kämpft mit immer schwereren Dürren, die nicht nur der Landwirtschaft schaden, sondern auch der Wasserkraft, einem zentralen Wirtschaftssektor. Für förderlich hält Mara andererseits den (in normalen Zeiten) steigenden Konsum aufgrund wachsender Reallöhne, den durch eine lockere Geldpolitik befeuerten Kreditanstieg für den Mittelstand und für Privathaushalte sowie die zunehmende Bedeutung des Tourismus in dem Adrialand. Die Arbeitslosenquote nehme zwar ab, betrage aber noch immer fast 12 Prozent. Die Wachstumsaussichten für 2019 hat die Ökonomin auf 2,8 Prozent gesenkt. 2018 hatte die Zunahme noch 4,1 Prozent betragen.

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