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Auszeichnung für Ökonomen : Nobelpreis-Kandidaten gibt es auch in Europa

Ernst Fehr ist der einzige deutsche Ökonom, der bei der anstehenden Vergabe des Nobelpreises der Wirtschaftswissenschaftler ausgezeichnet werden könnte. Bild: Urs Jaudas/Tages-Anzeiger

Am Montag wird der Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaftler bekanntgegeben. Mancher europäische Forscher hat durchaus Chancen.

          3 Min.

          Wenn die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag zum Hörer greift, um dem diesjährigen Gewinner des Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften zu gratulieren, wird wahrscheinlich das Telefon in Amerika klingeln. Jedenfalls kommt man zu diesem Schluss, wenn man aus der Vergangenheit Rückschlüsse auf die Zukunft zieht: 50 Mal wurde der Preis seit 1969 vergeben, an insgesamt 81 Preisträger. 65 von ihnen forschten in Amerika.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          In diesem Jahrzehnt war die Ausbeute der Europäer bisher besonders klein: Unter bislang 17 Gewinnern erhielten mit Jean Tirole von der Universität Toulouse und Christopher Pissarides von der London School of Economics nur zwei Europäer den Preis.

          Am Montag gibt es die Chance, dass ein dritter hinzukommt. Ernst Fehr zum Beispiel, der 63 Jahre alte Verhaltensökonom von der Universität Zürich, der schon seit Jahren zum engsten Favoritenkreis zählt. Oder Richard Blundell, Professor für politische Ökonomie am University College in London, den die Buchmacher schon im Jahr 2015 ganz oben auf ihrer Liste hatten.

          Der innere Rhythmus der Verleihung

          Es wäre eine verdiente Auszeichnung für den gebürtigen Österreicher Fehr, der zu den führenden Verhaltens- und Neuroökonomen auf der ganzen Welt zählt. Er hat als einer der Ersten Versuchspersonen in Kernspintomographen gesteckt und untersucht, was in unseren Gehirnen geschieht, wenn wir ökonomische Entscheidungen treffen.

          Mit seiner Forschung rüttelt er an dem Bild des „homo oeconomicus“, nach dem der Mensch ganz rational handelt und dabei nur seinen eigenen Nutzen im Blick hat. Nur wenige Ökonomen auf der Welt sind so forschungsstark wie Fehr, kaum einer wird in den wissenschaftlichen Arbeiten anderer Forscher so häufig zitiert.

          Trotzdem wäre die Entscheidung überraschend. Und das liegt nicht an dem statistischen Malus, dass Fehr nicht in den Vereinigten Staaten forscht. Denn die Akademie ist bekannt dafür, ihre Auszeichnung nicht allzu gehäuft Wissenschaftlern aus derselben wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin zu verleihen.

          In der fünfzig Jahre langen Geschichte des Preises wäre es zwar erst das dritte Mal überhaupt, dass ein Verhaltensökonom den Nobelpreis bekäme – nach 2002 und 2017, als zum einen Daniel Kahneman und Vernon Smith und zum anderen Richard Thaler geehrt wurden.

          Doch seit Thalers Auszeichnung sind nur zwei Jahre vergangen. Der Logik der Streuung folgend, könnten sich in diesem Jahr mal wieder mathematische Grundlagenforscher freuen. Etwa Sören Johansen und Katarina Juselius von der Universität Kopenhagen, die eine Methode entwickelt haben, wie man kurz- und langfristige Auswirkungen auf wirtschaftliche Zeitreihendaten untersucht.

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          Im deutschsprachigen Raum ist Fehr derzeit der einzige Ökonom, der zum engsten Favoritenkreis für die Auszeichnung zählt. Er wäre nach dem Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten, der die Auszeichnung 1994 gewann, erst der zweite deutschsprachige Preisträger.

          Mit viel Geld ausgestattet, unter anderem von der Schweizer Großbank UBS, lockt Fehr brillante Forscher aus der ganzen Welt an seinen Lehrstuhl. Mit seinem Bruder Gerhard Fehr hat er 2010 ein Beratungsunternehmen gegründet, das die Erkenntnisse aus seinen Laboren in die Praxis umsetzt. Als Student war der Bauernsohn aus Hard im Vorarlberg in der linken Bewegung „Roter Börsenkrach“ engagiert, inzwischen aber hält er sich mit politischen Stellungnahmen zurück. Lieber lässt er die Forschung sprechen.

          Verhaltensökonomische Erkenntnisse prägen auch so die praktische Politik, etwa wenn es um Managergehälter oder die rechtliche Regelung von Organspenden geht. Für die Widerspruchsregelung, nach der jeder automatisch Organspender ist, sofern er sich nicht aktiv dagegen ausspricht, und die seit dem Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Deutschland diskutiert wird, liefern Fehr und seine Kollegen das wissenschaftliche Argument.

          Auch Richard Blundell hätte einen Anruf aus Stockholm mehr als verdient. Der 67 Jahre alte Brite gilt als Fachmann für statistische Methoden, der einen engen Bezug zur Praxis pflegt. Der breiten Öffentlichkeit in seinem Heimatland bekannt wurde er, weil er mit am 2011 erschienenen Mirrlees-Bericht beteiligt war, einem radikalen Steuerreformkonzept aus einem Guss. In seinen Studien beschäftigt er sich mit dem Zusammenhang von Steuersystemen und Arbeitsmärkten.

          Blundell gilt nicht nur als brillanter Forscher, sondern auch als streitbarer Advokat seiner Zunft, der Konfrontationen nicht scheut. Seit Jahren beklagt er die amerikanische Dominanz der Disziplin, die sein Fach „in die falsche Richtung“ treibe. 2018 verfasste er mit Kollegen einen offenen Brief, in dem er vor den Folgen der Dauerschelte auf die Wirtschaftswissenschaften warnte. Dadurch hätten Politiker die ersehnte Ausrede, Politik zu machen, ohne auf wissenschaftliche Erkenntnisse Rücksicht zu nehmen.

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