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Neues Buch : Verkauft sich Wulff?

Christian Wulff im Februar im Hannoveraner Stadion Bild: dpa

In knapp zwei Wochen erscheint Christian Wulffs Buch, in dem er über die Umstände seines Rücktritts auspacken will. Doch meistens wollen die Leute nichts über Verlierer lesen. Ein Blick auf die ungeschriebenen goldenen Regeln für Promi-Biographien.

          Er wurde als „der letzte Dreck“ beschimpft, traktiert, gedemütigt. Er erlebt Verachtung – doch sein Erfahrungsbericht ist ein Renner. Über vier Millionen Exemplare allein in der deutschsprachigen Auflage wurden von Günter Wallraffs Erfahrungsbericht als Türke Ali verkauft, das 1985 erschienene Enthüllungsbuch über miese Sitten bei McDonald’s und Thyssen wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt: „Ganz unten“ lautet der Titel eines der größten deutschen Sachbucherfolge der Nachkriegszeit.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ist das ein gutes Omen für Christian Wulff? „Ganz oben Ganz unten“ heißt sein am 11. Juni erscheinender Fahrstuhlbericht, in dem der Ex-Bundespräsident auspacken will über die Umstände seines Rücktritts. Und womöglich nicht nur auspacken, sondern nachtreten, anklagen, lamentieren. „Niemals zuvor haben die Medien unseres Landes einen Politiker in solcher Weise verfolgt“, teilt der C.H. Beck Verlag mit. Nach langem Schweigen will sich Wulff öffentlich bekennen: wohl vor allem zu seiner Rolle als Opfer in diesem schon bald zur Fußnote schrumpfenden Teil bundesrepublikanischer Geschichte.

          Ein „Lehrstück über Politik, Presse und Justiz, das nachdenklich macht“, soll am Tag vor dem Verkaufsstart auf einer Pressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert werden. Wird „Ganz oben ganz unten“ auch zum Lehrstück über das Scheitern von Politiker-Memoiren? Schließlich lautet die ungeschriebene goldene Regel für Promi-Biographien doch bisher stets: Werke, in denen sich der Gestürzte, Abgewählte oder auf sonstige Weise Zukurzgekommene als schlechter Verlierer porträtiert, verlieren in der Regel auch den Kampf um den Leser: Letztlich will doch niemand zwanzig Euro in jammernde Selbstgerechtigkeit investieren.

          Ein Vorabdruck ist nicht geplant

          Was hat Christian Wulff, der seit seinem Rücktritt geschwiegen hat, zu sagen? Ist das Schreibergebnis mehr als Selbsttherapie? Ein Vorabdruck des Werks sei nicht geplant, heißt es. Der Ort eines Fernsehauftritts – womöglich eine Einzelbefragung durch die Altmeister des Abendtalks Jauch oder Beckmann – ist noch nicht entschieden. Der ehrenwerte C.H. Beck Verlag, sonst eher bekannt durch die Veröffentlichung juristischer Standardwerke, gibt sich zugeknöpft: Die Höhe der Startauflage wird genauso wenig verraten wie die des Vorschusses.

          Das Risiko des Scheiterns ist zu groß für verfrühten Jubel. Wurde die Biographie als literarische Königsdisziplin früher erst weit nach Bühnenabtritt, oft sogar erst nach dem Tod der zeitgeschichtlichen Figur verfasst, landet sie heute bereits wenige Monate nach Amtsabtritt auf dem Markt. Und dient meist einem Zweck: die Sensationsgier des Publikums zu befriedigen. Doch je voyeuristischer und substanzloser das Werk, desto geringer ist die Verfallszeit. Das gilt umso mehr, werden die ein, zwei interessanten Schmähungen politischer Gegner und Parteifreunde Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart durch Vorabdrucke in Zeitungen oder Zeitschriften öffentlich breitgetreten.

          Als Gerhard Schröder 2006 ein Jahr nach Wahlniederlage und Elefantenrunden-Auftritt in einer bis dato beispiellosen Medienkampagne seine „Erinnerungen“ mithilfe von „Bild“, „Spiegel“ und Glotze promoten ließ, kanzelte er zwar die Koalition seiner eigenen Partei mit der Union gewohnt breitbeinig ab („Es fehlt einfach Führung“), trat jedoch sonst weit weniger übel nach als vom Boulevard erhofft. Das dankte der Leser. Zwar konnte sich das Werk im Vorweihnachtsgeschäft nur eine Woche auf Platz eins der Bestsellerliste halten, überwinterte auf dem zweiten Platz jedoch für ganze zwei Monate und ist in fünf Auflagen erschienen. Ein Erfolg, den neben Thilo Sarrazin und Helmut Schmidt nur die Schröder-Abrechnung von Oskar Lafontaine toppen kann, dessen Verlag Econ bereits am Erscheinungstag im Oktober 1999, sieben Monate nach dem spektakulären Rücktritt als Finanzminister, den Verriss des verhassten Parteifreunds bereits in vierter Auflage vom Druckereihof karren musste wegen der vielen Vorbestellungen.

          Die Opfer-Biographie Lafontaines ist die Ausnahme, die die Abneigung des breiten Publikums gegen allzu Weinerliches bestätigt. Zetert der Autor gar nicht mal über prominente Widersacher, sondern wie jeder x-beliebige öffentlich Kritisierte profan über einen „Feldzug der Medien“ wie weiland Peter Hartz oder jüngst Ex-FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle („Jetzt rede ich“, Lau Verlag), wird das Werk im Regal schnell schwer wie Blei. Nur acht Wochen hielten sich 2010 die Memoiren von Amerikas Ex-Präsident George W. Bush in der Bestsellerliste der „New York Times“, die beiden Werke von Amtsnachfolger Barack Obama kamen zusammen auf 270 Wochen.

          Wehleidiger Ton vergrault potentielle Leser

          Christian Wulff sollte also gewarnt sein, nicht zuletzt durch den Flop seiner Noch-Ehefrau Bettina, die 2012 in ihren Erinnerungen neben scharfer Kritik an den Lebensbedingungen der Präsidenten-Dienstvilla in Berlin-Dahlem („In der Küche musste erst eine richtige Dunstabzugshaube eingebaut werden“) mit wehleidigem Ton potentielle Leser vergraulte.

          Nachdem ein dusseliger Berliner Händler die Wulffsche Klageschrift bereits fünf Tage vor Erscheinungstermin ins Schaufenster gestellt hatte, wo sie die „Bild“-Zeitung nach einem Leserhinweis abholte und über Nacht zitatweise druckte, rauschte das Buch bereits in der zweiten Woche steil abwärts im Verkaufsranking. Der Münchener Riva Verlag teilt mit, zwei Jahre nach Erscheinen sei man nun bei der zweiten Auflage angelangt.

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