https://www.faz.net/-gqe-qgil

Neuer Papst : Die Vatikanfinanzen liegen weitgehend im Dunkeln

Ein amerikanischer Kardinal polnischer Abstammung namens Edmund Szoka hat sich seit 1990 daran gemacht, die Finanzen des Vatikan in Ordnung zu bringen und konnte schon für 1993 zum ersten Mal seit Jahren einen positiven Abschluß vorlegen. Als Erzbischof von Detroit hatte Szoka in den Vereinigten Staaten nicht nur gelernt, genügend Spenden einzuwerben, sondern die Gelder auch effizient zu verwalten. In der Finanzverwaltung des Vatikan führte er angeblich zum ersten Mal Computer ein.

Geholfen hat Szoka auch, daß bis 1990 die immer defizitären Finanzen der Diözese Rom von denen des Vatikan getrennt wurden. Zudem ersetzte der Staat die bis dahin üblichen Zuschüsse an die katholische Kirche mit der Abführung von 8 Promille des Einkommensteueraufkommens der Italiener und bescherte damit der katholischen Kirche Italiens erstmals ein tragfähiges finanzielles Polster, von dem sie auch etwas an den Vatikan abgeben konnte.

Finanzen ohne Bedenken anvertraut

1998 wurde Szoka aber befördert zum Chef der Organisation des Vatikanstaates, dem alle weltlichen Dinge von der Personalverwaltung bis zu den Museen unterstehen. Neuer Finanzchef des Vatikan wurde der 74 Jahre alte Sergio Sebastiani.

Bezeichnend ist dabei, daß Sebastiani ursprünglich der Cheforganisator des Heiligen Jahres 2000 sein sollte, dann aber 1998 abgelöst wurde. Ihm wurden dann ohne Bedenken die Finanzen anvertraut, weil diese im Vatikan eben nicht als lebenswichtig angesehen wurden und dort zufällig ein Posten freigeworden war, auf den man Sebastiani "befördern" konnte.

Der „Heilige Stuhl“ hat 2.674 Mitarbeiter

Die Organisation im Vatikan ist dabei trotz einiger Umstrukturierungen kompliziert geblieben und grob gesehen in vier Teile geteilt: Die Vatikanbank führt noch immer ein relativ unabhängiges Leben und gibt auch keine Finanzdaten heraus über eventuelle Gewinne und Verluste aus der Verwaltung von Konten und Vermögen etwa von Ordensgemeinschaften, Organen des Vatikan und Mitarbeitern des Vatikan.

Die sogenannte "Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls", dem Kardinal Sebastiani unterstellt, dient als Kontrollorgan für den größten Teil der Aktivitäten außerhalb der Vatikanbank. Zum einen geht es dabei um die Finanzen des "Heiligen Stuhls", der Kongregationen ("Ministerien") des Papstes, die der Glaubensverkündigung und der Kirchenorganisation dienen, daneben aber auch Radio Vatikan und der "Osservatore Romano". Dort waren 2003 insgesamt 2.674 Mitarbeiter beschäftigt und wurden 203,6 Millionen Euro eingenommen und 213,2 Millionen Euro ausgegeben, mit einem Fehlbetrag von 9,5 Millionen Euro.

Budgetlöcher werden offenbar mit Spenden gestopft

Der Vatikanstaat, mit 1534 Beschäftigten, hat dagegen einen eigenen Haushalt, der 2003 ein Defizit von 8,8 Millionen Euro ausgewiesen hat. Getrennt von den Finanzen des Heiligen Stuhls, aber diesen zugerechnet, ist die "außerordentliche" Vermögensverwaltung des Papstes (unter anderem mit den Geldern, die 1929 vom italienischen Staat bezahlt wurden). Sie leidet seit 2000 unter den fallenden Börsenkursen und hat 2003 einen Verlust von 11,6 Millionen Euro ausgewiesen. Bereits im Jahr 2003, dem Jahr des bisher letzten Haushaltsabschlusses, hat der Vatikan schon die Folgen des sinkenden Dollarkurses zu spüren bekommen.

Die Spenden von Gläubigen und Ordensgemeinschaften sind, in Euro gerechnet, gegenüber 2002 geschrumpft, von 85,4 auf 79,6 Millionen Euro. Den größten Teil dieser Mittel rechnet der Vatikan dem "Peterspfennig" zu und spendet ihn für karitative Zwecke außerhalb des Vatikan. Ein Teil davon wird aber offenbar weiter benötigt, um die Lücken in den verschiedenen Budgets zu schließen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.