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Neuer Krisenherd : Piraten vor Westafrika werden aktiver

Solche Bilder liefert nur das Kino: Piraten vor der Küste Somalias, die im neuen Kinofilm „Captain Phillips“ eine Crew entführen Bild: Sony Pictures Releasing GmbH

Jahrelang galt die Küste vor Somalia als der gefährlichste Ort für Reeder. Dort scheint das Problem gebannt. Dafür hat sich nun ein neuer Krisenherd vor Nigeria entwickelt. Dort agieren die Piraten deutlich aggressiver

          Der Angriff kommt vollkommen überraschend. Denn als die „Hansa Marburg“ am 23. April dieses Jahres im Golf von Guinea schippert, befindet sich das Frachtschiff weit draußen auf dem offenen Meer. 130 Seemeilen südwestlich von Malabo, der Hauptstadt von Äquatorialguinea, schießt ein Schnellboot heran. Afrikanische Piraten, bis an die Zähne bewaffnet, klettern an Bord des 175 Meter langen Containerschiffs und nehmen den Kapitän, den Zweiten Offizier, den leitenden Maschinisten und einen Bootsmann gefangen. Das Schiff selbst interessiert sie nicht. Die Freibeuter wollen Menschen gegen Geld tauschen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Angriff ist ein Zeichen einer veränderten Bedrohungslage. Nach 2007 begannen Piraten vor der Küste von Somalia, Schiffe zu entführen und Lösegeld zu erpressen. Diese Art von Verbrechen schildert auch der Spielfilm „Captain Phillips“, der in dieser Woche seinen Kinostart hatte. Doch dort hat sich die Lage beruhigt. Sechs bis acht Schiffe der EU-Operation Atalanta sichern den westlichen indischen Ozean. Verstärkt wird die Präsenz durch russische, indische und chinesische Kriegsschiffe. Inzwischen ist Westafrika zum wichtigsten Krisenherd geworden. „Wir beobachten eine starke Gewaltanwendung seitens der Piraten und eine höhere Bereitschaft zum Einsatz von Schusswaffen“, sagt Dieter Berg, Leiter Transportversicherung der Munich Re, die häufig für Lösegeldzahlungen geradestehen muss.

          Unter dem aggressiveren Verhalten der Piraten litt auch die Crew der „Hansa Marburg“. Sie nahmen die vier Seeleute aus Russland, der Ukraine und dem Inselstaat Kiribati mit an Land und verschleppten sie in den Dschungel. Danach begann eine zermürbende Zeit der Verhandlungen um das Lösegeld. Wie viel Geld die Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg den Geiselnehmern am Ende gezahlt hat, ist öffentlich nicht bekannt. Aber nach 31 Tagen war das Drama vorbei. Die Geiseln kamen frei – körperlich unverletzt und, für manche überraschend, in einer seelisch erstaunlich guten Verfassung. Alle vier Männer fahren inzwischen wieder zur See.

          Teure Parkzone vor der Küste

          Längst nicht alle Entführungen von Seeleuten enden so glimpflich. Die Piraterie vor der westafrikanischen Küste ist zu einem ernsthaften Problem für die Handelsschifffahrt geworden. „Die zunehmenden Angriffe in dieser Region bereiten den Reedern große Sorgen, zumal die Piraten dort sehr aggressiv zu Werke gehen“, sagt Max Johns, Geschäftsführer beim Verband Deutscher Reeder. In den Gewässern von Nigeria bis Ghana war es für Seefahrer schon immer gefährlich. Aber meist beschränkten sich die Überfälle auf den Raub der Schiffskasse, von Handys und Laptops der Besatzungsmitglieder. Seit etwa einem Jahr steigt die Zahl der Entführungen, wie man sie bislang eher von der Küste Somalias kannte. Doch seit dort auf fast allen Handelsschiffen bewaffnete Kräfte mitfahren, ist die Zahl der Überfälle gefallen. Weltweit sank sie im vergangenen Jahr von 439 auf 297. In diesem Jahr wurden bislang 188 Angriffe registriert. „Das zeigt zwar, dass die Piratenabwehr funktioniert“, sagt Versicherungsmanager Berg, „aber natürlich muss langfristig eine politische Lösung in diesen Ländern gefunden werden.“

          Doch die Piraterie hat eine neue Qualität bekommen. Der Anteil der Attacken an der Westküste Afrikas nimmt zu. Und sie sind deutlich aggressiver als vor Somalia: 206 Geiseln nahmen Piraten dort im vergangenen Jahr, von denen fünf starben. In diesem Jahr waren es in den ersten neun Monaten auch schon wieder 131 Geiseln. Dort gibt es viel Öl abzutransportieren, weshalb bisher vor allem Tanker zum Ziel von Raubüberfällen wurden. Zunehmend geraten aber auch normale Frachter in das Visier der Piraten.

          Die Versicherungswirtschaft engagiert sich bei diesem Thema, weil sie die Schadenssummen belasten. Der durchschnittliche Schaden durch Piratenangriffe stieg in den zwei Jahren nach 2009 von 3,4 Millionen auf 5 Millionen Dollar. Zuletzt waren sogar Forderungen zwischen 10 und 13 Millionen Dollar üblich. Haben die Reeder eine sogenannte Kidnapping & Ransom-Police abgeschlossen, werden die Kosten dadurch gedeckt. Sie sichert, dass geschulte Experten die Verhandlungen nach einer Entführung übernehmen. Für die Schäden am Schiff kommt eine Schiffkasko-Versicherung auf.

          Die Bundesregierung hatte auf die Übergriffe vor Somalia mit einem Gesetz reagiert, durch das sich vom 1. Dezember an private Sicherheitskräfte zertifizieren lassen müssen, die auf Schiffen eingesetzt werden. Im Gegensatz zu Somalia ist es den Reedern, die mit ihren Schiffen in den Hoheitsgewässern Nigerias oder Benins unterwegs sind, allerdings nicht erlaubt, bewaffnete Truppen an Bord zu haben. Dies versucht man in Verhandlungen mit dem Rat westafrikanischer Staaten zu schließen. So wird darüber diskutiert, wenigstens lokale Sicherheitsdienste auf den Schiffen zuzulassen. Diese Idee stößt bei den deutschen Reedern aber auf Skepsis: Sie fragen sich, ob man einer unbekannten nigerianischen Söldnertruppe wirklich vertrauen kann. Ein anderer Lösungsvorschlag lautet, eine „Parkzone“ vor der Küste einzurichten, in der gefährdete Schiffe ankern, während hoheitliche Kräfte aus den Anrainerstaaten für Sicherheit sorgen. Solche Dienste würden sich die betreffenden afrikanischen Staaten aber teuer bezahlen lassen. Außerdem wäre damit die Gefahr von Attacken bei der Fahrt auf hoher See längst nicht gebannt. Davon weiß die Besatzung der „Hansa Marburg“ ein trauriges Lied zu singen.

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