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Digitalisierungs-Kommentar : Versicherungen aus dem Netz

  • -Aktualisiert am

Mit einem Klick: Versichern per Smartphone Bild: obs

Neue Startups stellen Versicherer auf die Probe. Sie müssen schneller und effizienter werden. Sonst passiert das hier.

          3 Min.

          Als vor zweieinhalb Jahren die ersten rein digitalen Akteure in den Versicherungsmarkt eingriffen, sahen Wohlmeinende schon das Ende der herkömmlichen Versicherung. Einige Versprechen waren tatsächlich verlockend. Dazu gehörten Instant-Policen, die in Sekundenschnelle für liebgewonnene Gegenstände abgeschlossen werden können.

          Auch Smartphone-Apps, die Kunden auf Versicherungslücken hinweisen, wenn sich der Vermittler seit Jahren nicht mehr gemeldet hat, waren eine Erweiterung des Angebots. Interessant auch die Idee der Peer-to-Peer-Versicherungen, bei denen sich Gruppen Gleichgesinnter gegenseitig vor Schäden schützen: Sie schien den Versicherungsgedanken wieder näher an seinen Ursprung zurückzuführen.

          Die etablierten Anbieter der Versicherungswirtschaft haben auf die Konkurrenz unterschiedlich reagiert. Anders als die Banken, die anfangs mit den neuen Fintech-Start-ups haderten, umarmten Versicherungen die jungen „Insurtechs“ da, wo es ihnen geboten erschien. Teilweise ließen sie diese aber auch am ausgestreckten Arm verhungern, indem sie ihnen Daten, Schnittstellen und Zugänge verweigerten.

          Voll digital versichert

          Ihren bisherigen anspruchsvollen Vertriebspartnern hat das gut gefallen, weil sie so vorerst ihre Privilegien behalten konnten. Zudem investierten manche Versicherer in die neuen Akteure und verleibten sich damit einige der besten Ideen ein, oder sie ließen sich von den frischen Innovatoren inspirieren, errichteten eigene Innovations-Labs, modernisierten ihre Informationstechnik und automatisierten Arbeitsschritte.

          Dieses Jahr dürfte einen neuen digitalen Angriff auf die etablierte Assekuranz bringen. Nun schickt sich eine Handvoll neuer Sachversicherer an, den Kunden mit voll digitalen Produkten die gesamte Wertschöpfung eines Versicherers zu bieten. Der Gedanke: Wenn Verbraucher im Schadenfall wirklich schnell bedient werden sollen, darf es auf dem Weg der Dienstleistung keine Brüche geben. Voll digital heißt also: Keine Kommunikation muss erst auf Papier übertragen werden, um dann anschließend wieder digitalisiert zu werden. Das neue Modell soll schneller, effizienter und näher am Kunden sein.

          Damit nimmt der Druck auf die Assekuranz zu. Anders als der Handel, die Reisebranche oder die Medien gehört sie zu den Branchen, deren komplexe Produkte in der Frühphase der Digitalisierung vom digitalen Wandel wenig betroffen waren. Das heißt wiederum nicht, dass die Branche technologisch abgehängt wäre. Vielmehr entstehen durch ihre Pionierrolle in der Automatisierung und dem jahrzehntelangen Einsatz von Informationstechnik nach und nach Engpässe.

          Denn wie bei den Banken sind die alten IT-Systeme der Versicherer nicht mehr gerüstet, um die neuen Herausforderungen zu bewältigen. Wenn die Sachversicherungschefs der Konzerne davon sprechen, dass die Bearbeitung einer Autopanne statt in mehreren Wochen in wenigen Stunden erledigt sein soll, dann droht dies vor allem an der IT zu scheitern.

          Automatisierte Prozesse für niedrigere Verwaltungskosten

          Ein weiterer Brocken ist für die etablierten Versicherer die Mentalität ihrer Mitarbeiter. Wer es, überspitzt gesagt, jahrzehntelang gewohnt war, Papier durch die Flure zu tragen, wird auch durch einige Trainings nicht zu jemandem, der im Schadenfall sofort den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Diesen Wandel herbeizuführen wird eine große Aufgabe für Manager.

          Durch die digitalen Konkurrenten werden sie schnell positives Anschauungsmaterial erhalten, weil automatisierte Prozesse zu niedrigeren Verwaltungskosten führen. Die neuen Wettbewerber sind ernst zu nehmen. Sie verbinden die Chuzpe der Start-ups aus der ersten Welle vor zweieinhalb Jahren mit der Erfahrung langjähriger Verantwortlicher aus der Branche, die Lust auf Wandel haben.

          Den traditionellen Anbietern aber kommen wie schon in der Vergangenheit einige Vorteile zugute: Sie besitzen die Geduld, neue Entwicklungen zu beobachten und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sie können sich auf ihre riesigen Versichertenbestände stützen, deren Daten ihnen wichtige Informationen liefern, die den kleinen Digitalversicherern noch fehlen. Und sie besitzen genügend Kapital, um größere Investitionen zu stemmen. Jährlich fließen schon jetzt branchenweit dreistellige Millionenbeträge in modernere IT-Systeme. Das kann die Branche, weil es ihr trotz Niedrigzins und der Krise der Lebensversicherung passabel geht.

          Die Digitalisierung treibt also auch die Assekuranz um. Die Branche hat aber gute Voraussetzungen, um sie in die richtige Richtung zu lenken. Digitale Vollversicherer sind ein spannendes neues Beobachtungsobjekt. Sie müssen sich wie ihre Vorläufer, Instant-Versicherer und digitale Makler-Apps, im Markt bewähren. Einige von diesen haben unterschätzt, dass die größte Hürde in den Markt nach wie vor die Platzhirsche sind: die traditionellen Vermittler aus Fleisch und Blut, die bislang noch immer den besten Zugang zu den Kunden hatten. An ihnen führt vorerst kein Weg vorbei – auch wenn sie ebenfalls für neue digitale Zugangswege offen sein müssen. Der Kunde darf sich freuen. Denn Wettbewerb belebt das Geschäft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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