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Mensch oder Maschine : Zur Ethik des autonomen Fahrens

  • -Aktualisiert am

Auto muss auf jede Situation reagieren können

Nach dem, was bisher berichtet wurde, lehnt es die Kommission ab, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen, in den Worten Kagermanns: „Eine Quantifizierung von Menschenleben ist unzulässig.“ Er erläutert auch, dass ein Auto nicht automatisch das Szenario wählen sollte, bei dem nur ein Einzelner statt einer Gruppe getötet wird. Diese Frage bezeichnet er zu meiner Verwunderung als „sehr theoretisch“. Was ist daran theoretisch? Bei sehr vielen Verkehrsunfällen, bei denen Menschen zu Tode kommen, geht es um diese Frage, zum Beispiel um mehrere Insassen eines Fahrzeuges.

Eine Teststrecke in Merzig im Saarland. Sollte autonomes Fahren generell nur auf Sonderstrecken erlaubt sein?
Eine Teststrecke in Merzig im Saarland. Sollte autonomes Fahren generell nur auf Sonderstrecken erlaubt sein? : Bild: Maximilian von Lachner

Beim autonomen Fahren muss das Programm jede denkbare Situation antizipieren. Der reale Mensch tut das nicht, sondern entscheidet bewusst oder unbewusst in der akuten Situation. Wie kann ein Programm funktionieren, wenn ich Menschenleben nicht quantifiziere? Wie entscheidet das Programm, ob es das zehnjährige Kind (oder zwei zehnjährige Kinder) oder den Neunzigjährigen tötet?

Autonomes Fahren soll die Straßen sicherer machen

Es wird angedeutet, dass das Auto in solchen Lagen „auf seinem eingeschlagenen Kurs bleibt“. Doch auch das ist eine Entscheidung, die eine implizite Quantifizierung beinhaltet. Oder man lässt die Entscheidung durch einen Zufallsgenerator fällen, zum Beispiel in 50 Prozent der Fälle das Kind, in den anderen 50 Prozent den Neunzigjährigen zu überfahren. Kann das sinnvoll sein? Wählt man unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten, etwa 80 Prozent für den Neunzigjährigen, so ist das zwangsläufig eine Quantifizierung menschlichen Lebens.

Man hört ständig, dass das autonome Fahren sicherer sei oder jedenfalls werde als das menschliche Fahren. Ich glaube an dieses Argument. Aber was ist mit folgender Analogie aus der Medizin: Ein neues Medikament rette nachweislich eine Million Leben, aber genauso werde eindeutig nachgewiesen, dass es tausend Menschen tötet. Mit dieser Sterberate hat das neue Arzneimittel keine Chance auf eine Zulassung. Kann dieses Schicksal auch dem autonomen Fahren widerfahren? Es erhöht objektiv die Verkehrssicherheit, und dennoch wird es gesellschaftlich nicht akzeptiert. Man braucht sich nur folgende Schlagzeile vorzustellen: „Autonomes Auto tötet drei Kinder.“

Erklärvideo : Wie funktionieren selbstfahrende Autos?

Letzte Entscheidung dem Mensch überlassen?

Bei den Entscheidungen, die das autonome Fahrsystem treffen muss, kann es um Leben oder Tod gehen. Auch bei Operationen kann diese Situation entstehen. Würde man einem Operationsroboter eine derart schwerwiegende Entscheidung überlassen? Oder müsste doch der Operateur entscheiden? Wie wäre es, um eine noch entferntere Analogie zu bemühen, bei der Entscheidung über ein Todesurteil?

Mein Fazit: Ich sage nicht, dass das autonome Fahren scheitern wird. Technisch glaube ich daran. Auch die objektiven Daten werden für diese Systeme sprechen. Doch das reicht eventuell ähnlich wie in der Medizin nicht aus. Der Engpass für die gesellschaftliche Akzeptanz dieser neuen Technologie liegt in der Ethik. Der menschliche Fahrer entscheidet anders, als es ein System mit den heute bekannten Technologien kann. Der Vorschlag von Brendel, das System relativ dumm zu lassen, läuft darauf hinaus, dass es kein wirklich autonomes Fahren geben wird.

Wenn meine Überlegungen richtig sind, würde daraus folgen, dass sich die Bemühungen eher auf die Interaktion von Mensch und Maschine als auf das total autonome Fahren richten sollten. Sicherlich sind alle Arten von Assistenzsystemen, die die Fahrsicherheit erhöhen, äußerst sinnvoll, aber vielleicht muss man die letzte Entscheidung, wie in einer lebensgefährdenden Situation reagiert wird, dem Menschen überlassen.

Hermann Simon ist Aufsichtsratsvorsitzender der von ihm mitgegründeten Beratungsgesellschaft Simon Kucher & Partners.

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