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Geheime Software eingesetzt : Wenn der Uber-Fahrer doch nicht kommt

  • -Aktualisiert am

Uber hat eingeräumt, unliebsame Gäste mit einer speziellen Software von der Nutzung der App abgehalten zu haben. Bild: Reuters

Hat sich der Fahrtenvermittler Uber auch in Deutschland mit einem geheimen Programm Kontrolleure vom Hals gehalten? Mitarbeiter der Stadt München hatten bei Testfahrten „Unregelmäßigkeiten“ festgestellt.

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          Als Kontrolleure der amerikanischen Stadt Portland im Jahr 2014 den Fahrtenvermittler Uber genauer unter die Lupe nehmen wollten, konnten sie nur staunen: Getarnt als normale Kunden wollten sie Beweise dafür sammeln, dass die Autos illegal unterwegs waren. Denn wie in so vielen Städten hatte das Unternehmen aus San Francisco einfach losgelegt, statt sich um die nötigen Genehmigungen zu kümmern. Doch Erich England und seine Kollegen von der Stadtverwaltung bekamen niemanden zu greifen – die Fahrten wurden stets binnen kürzester Zeit wieder storniert.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Nun ist klar, woran das gelegen haben könnte. Uber nutzt seit Jahren ein bislang geheimes Programm namens Greyball. Es soll dazu dienen, die Fahrer zu schützen: vor gewalttätigen Fahrgästen, vor der unliebsamen Konkurrenz etwa des amerikanischen Wettbewerbers Lyft – aber auch vor „Gegnern, die mit Kontrolleuren in verdeckten Operationen gemeinsame Sache machen“, wie das Unternehmen bestätigte. Dazu beobachteten Mitarbeiter von Uber, welche Nutzer sich häufig in der Nähe von Regierungsgebäuden in die App einloggten.

          Sie prüften auch, ob die in der App hinterlegten Kreditkarteninformationen Hinweise lieferten und durchforsteten die sozialen Medien. Wurden sie fündig, versuchten sie zu verschleiern, wo sich tatsächlich Uber-Autos aufhielten und zeigten den Nutzern stattdessen Geisterfahrzeuge an. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge soll Uber so etwa in Boston, Paris und Las Vegas, aber auch in Australien, China und Südkorea behördliche Kontrollen vermieden haben.

          Wie weit ist Uber bereit zu gehen?

          Aus einem ursprünglich sogar einmal sinnvollen Gedanken – die Sicherheit der Fahrer zu gewährleisten – ist so ein Programm geworden, mit dem Uber wieder einmal für Negativschlagzeilen sorgt. Und das, nachdem eine frühere Mitarbeiterin behauptete, von ihrem früheren Vorgesetzten sexuell belästigt worden zu sein; eine Google-Tochtergesellschaft ankündigte, Uber wegen des Stehlens von Geschäftsgeheimnissen zu verklagen; und Uber-Mitgründer Travis Kalanick wegen eines in einem Video festgehaltenen Streits mit einem Fahrer in Erklärungsnot kam – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

          Ob Greyball legal ist, ist unklar. Doch wieder einmal zeigt das mit rund 70 Milliarden Dollar bewertete Unternehmen, wie weit es zu gehen bereit ist, um sich im harten Konkurrenzkampf um die Gunst der Kunden durchzusetzen.

          Ob und zu welchen Zwecken die Software auch in Deutschland eingesetzt wurde, ist nicht bekannt. Bei der zuständigen städtischen Behörde in Berlin heißt es, es liege kein Verdacht vor. Ein Pressesprecher der Verwaltung in München sagte gegenüber FAZ.NET, Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats hätten im Jahr 2014 Testfahrten durchgeführt. Im Rahmen dieser seien „Unregelmäßigkeiten bei der App-Benutzung aufgefallen, die aber nicht eindeutig belegbar waren“.

          Nur in Berlin und München ist der Fahrdienst hierzulande überhaupt noch aktiv. Er vermittelt dort über die Uber-App professionelle Chauffeure an Nutzer, die genau wie Taxifahrer über einen gültigen Personenbeförderungsschein verfügen müssen. Der umstrittene Service Uber Pop, mit dem auch Privatleute ohne Lizenz Fahrten mit dem eigenen Auto anbieten können und der auch in München getestet wurde, ist in Deutschland nach einem Urteil des Frankfurter Landgerichts seit März 2015 verboten. Uber hatte sich daraufhin aus Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt zurückgezogen. In vielen anderen Ländern hingegen kommen nach wie vor Privatleute zum Einsatz.

          Rassismus-Vorwürfe gegen Uber und Airbnb

          Darüber hinaus wirft der neueste Uber-Skandal aber noch eine weitere Frage auf: Ob nämlich die Sharing Economy womöglich gar nicht so offen ist, wie sie immer behauptet. Schließlich lebt sie vom Prinzip des Teilens und auch Uber behauptet immer wieder, dass es neben anderen Zielen – weniger Staus und weniger Luftverschmutzung – auch darum geht, solche Fahrten für Jedermann erschwinglich und nutzbar zu machen. Greyball aber kann genau dieses Prinzip nach Belieben untergraben.

          Auch auf anderen Wegen hält Uber Kunden von seinem Angebot fern. Denn nach einer Fahrt bewerten nicht nur die Nutzer ihren Fahrer – dieser verteilt ebenfalls Sterne. Wer auf Dauer zu wenige davon bekommt, muss damit rechnen, dass er nicht mehr mitgenommen wird.

          Und dann ist da noch das Rassismus-Problem: Eine Untersuchung dreier Forscher der Harvard Business School hat gezeigt, dass auf der Zimmervermittlungsplattform Airbnb – ebenfalls ein Vorreiter der Sharing Economy – Gäste mit afroamerikanisch klingenden Namen von potentiellen Vermietern mit einer um 16 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden, als solche mit „weiß“ klingenden Namen. Nicht nur im Kurznachrichtendienst Twitter schilderten zudem viele Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen.

          Ein ähnlicher Vorwurf hat auch Uber schon getroffen: Vier Wissenschaftler, unter anderem der Universitäten in Washington und Stanford, schickten Testpersonen los, von denen die Hälfte dunkelhäutig war. Im Fall von Uber, wo die Fahrer das Foto und den Namen eines Passagiers erst sehen, wenn sie die Buchung bestätigt haben, wurden viele zugesagte Fahrten kurzfristig wieder abgesagt. Anders beim Konkurrenten Lyft, wo die Informationen über die Kunden von Anfang an sichtbar sind: Hier wurden viele Anfragen gar nicht erst angenommen.

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