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Neuzulassungen : Aufschwung der Geländelimousinen

Ein Geländewagen der Daimler AG: Der Mercedes GLK 350 – im Moment sehr beliebt in Deutschland. Bild: dapd

Mittlerweile ist fast jedes zehnte Auto auf Deutschlands Straßen ein SUV oder ein Geländewagen. Aber die Fahrzeuge sind auch Drecksschleudern – die Unternehmen werden handeln müssen. Ein Kommentar.

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          Höflich im Ton, bestimmt in der Sache war die Aufforderung formuliert, die Frankfurter Geländelimousinenfahrer im vergangenen Jahr hinterm Scheibenwischer fanden. „Im Rahmen der Verkehrsüberwachung wurde festgestellt, dass Sie ein sehr umweltschädliches Auto fahren“, stand auf dem einem Strafzettel nicht unähnlichen Blatt mit Stadtwappen. „Wir sehen noch von einer Verwarnung ab, bitten Sie aber an einen der bekannten Umweltverbände zu spenden und zeitnah ihr Fahrzeug stillzulegen!“ Trotz der offiziellen Anmutung dürften die Eigentümer das Flugblatt als das erkannt haben, was es war: ein schlechter Scherz mit ernstem Unterton.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kaum eine Autofahrergruppe zieht so viel Spott und Kritik auf sich wie Fahrer sportlicher Geländewagen für den Stadtbetrieb. Das fängt an mit Spottnamen für diese Sport Utility Vehicles, kurz SUV. In Norwegen heißen sie „Börsentraktor“. „Hausfrauenpanzer“ lautet eine deutsche Verballhornung. Kritik gibt es auch am Platzbedarf der Großkarossen in Tiefgaragen, am Benzinverbrauch und dem damit verbundenen Ausstoß von Kohlenstoffdioxid oder Stickoxiden, die zur Feinstaubbelastung in Städten beitragen.

          Tatsächlich verbrauchen die großen und schweren Geländelimousinen mehr Benzin oder Diesel als ein Kleinwagen, weil sie einen leistungsfähigeren Motor unter der Haube haben müssen. Doch bei vielen deutschen Käufern kommen Verbrauchs- und Umweltargumente offensichtlich nicht an. SUV-Fahrer schätzen an den bulligen Autos, dass es sich leichter in sie einsteigen lässt, dass sie höher sitzen, einen besseren Überblick über die Straße haben und sich wegen der Größe darin sicherer fühlen als in einem Kompakt- oder Kleinwagen.

          Mehr als 715.000 verkaufte Fahrzeuge im vergangenen Jahr

          Solche Beweggründe haben in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten dazu geführt, dass kein Fahrzeugsegment einen derartigen Aufschwung erlebt hat wie die Klasse der Geländewagen und vor allem der SUV. Vor 14 Jahren, als das Segment der SUV noch nicht in die offiziellen Statistiken einfloss, lag die Zahl der neu verkauften geländegängigen Autos bei 154.000 Stück im Jahr. Im vergangenen Jahr waren es schon mehr als 715.000 Fahrzeuge. 60 Prozent davon waren SUV, 40 Prozent Geländewagen. Die Übergänge zwischen beiden Gattungen sind fließend. Einzelne Hersteller definieren ihre Autos als SUV, obwohl sie in die offizielle Statistik wegen ihrer Größe als Geländewagen eingehen.

          Mancher deutsche Autohersteller verdankt heute einen beträchtlichen Anteil seiner Einkünfte sportlichen Geländewagen. Ein Drittel aller rund um die Welt verkauften Mercedes-Autos zählte im vergangenen Jahr zum SUV-Segment. Auf ähnliche Quoten kommt auch der bayerische Konkurrent BMW. Alle Hersteller zusammengenommen, lag der Neuzulassungsanteil von Geländewagen und SUV im vergangenen Jahr bei gut 21 Prozent. Das ist zwar immer noch wenig im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo der Anteil der neu verkauften leichten Nutzfahrzeuge – also Pick-ups, Geländewagen und SUV zusammen – mehr als 62 Prozent betrug. Dennoch ist fast jedes zehnte Auto auf deutschen Straßen inzwischen ein Geländewagen – oder eben ein SUV.

          Offroad: Der neue BMW X5 lässt sich nicht nur auf asphaltierten Straßen gut fahren – bei den Deutschen sind solche Geländewagen derzeit sehr angesagt.
          Offroad: Der neue BMW X5 lässt sich nicht nur auf asphaltierten Straßen gut fahren – bei den Deutschen sind solche Geländewagen derzeit sehr angesagt. : Bild: obs

          Das hat Folgen, in erster Linie, was die Emissionen betrifft. Zwar hat sich innerhalb der vergangenen sieben Jahre der durchschnittliche Kohlenstoffdioxid-Ausstoß aller Neuzulassungen in Deutschland von 154,2 Gramm je Kilometer auf 127,4 Gramm je Kilometer verringert. Doch zuletzt hat sich auch das Tempo des Rückgangs verlangsamt. Das liegt vor allem an den Großkarossen und ihrem erhöhten Kraftstoffverbrauch. Der beliebteste SUV des vergangenen Jahres, der Mokka von Opel, stößt je nach Motorvariante fast 30 Gramm mehr aus als der Durchschnitt der Neuwagen.

          Mischantrieb für Stadt und Land

          Für die Autohersteller ist das eine Herausforderung, müssen sie doch den durchschnittlichen Kohlenstoffdioxidausstoß ihrer Neuwagenflotte in den nächsten vier Jahren auf 95 Gramm je Kilometer senken. So will es die Verordnung zur Verminderung der CO2-Emissionen in der Europäischen Union. Auch deshalb wird es in der Zukunft immer mehr SUV-Varianten geben, die zum Teil über einen alternativen Antrieb verfügen.

          Wahrscheinlich wird sich dabei die Mischform aus einem Verbrennungs- und einem Elektromotor durchsetzen, der sich an der Steckdose laden lässt. Diese Plug-in-Hybride könnten dann in der Stadt elektrisch fahren, für längere Strecken aber wieder auf den Verbrennungsantrieb zurückgreifen. Für die Hersteller werden solche Antriebe gar zum absoluten Muss angesichts einer wachsenden Neigung der Politik, bei Feinstaubalarm Fahrverbote in Innenstädten auszusprechen.

          Diese Antriebe wären dann auch für die Verbraucher ein Segen. Helfen sie doch dabei, das moralische Dilemma zwischen einem je nach Modell mehr oder weniger stark erhöhten Spritverbrauch und dem gewünschten Komfortgewinn zumindest zum Teil aufzulösen. Hinweiszettel an der Windschutzscheibe hingegen bringen keinen Fortschritt. Der muss aus den Entwicklungsabteilungen der Hersteller kommen – gerne auch zügiger als bisher.

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