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Skandinavische Elektromobilität : Norwegen profitiert vom Elektroauto-Boom

  • -Aktualisiert am

Umstieg lohnt sich: In Norwegen boomt der Markt mit den Elektroautos. Bild: dpa

Seit Jahren subventioniert der Staat die umweltfreundliche Alternative. Vor allem Deutschland könnte von dieser Politik viel lernen.

          3 Min.

          Im Jahr 2030 sollen Autos, Busse, Lastwagen, Züge, Schiffe und Flugzeuge in Deutschland allerhöchstens noch 98 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. So will es der Klimaschutzplan 2050 von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), den das Kabinett am Montag nach langem Gezerre endgültig verabschiedet hat. Das wären etwa 40 Prozent weniger als 1990; ein Riesenschritt gemessen daran, dass der Verkehr von 1990 bis 2014 seinen Ausstoß gerade einmal von 163 auf 160 Millionen Tonnen CO2 verringert hat. Dreh- und Angelpunkt des Plans ist die Elektrifizierung des Verkehrs. Noch aber ist Deutschland vom Ziel von einer Million Elektrofahrzeugen bis zum Jahr 2020 weit entfernt.

          Anders als Norwegen. „Wir sind der drittgrößte Markt für Elektroautos der Welt“, sagte die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung. Seit Jahren werden Elektroautos dort mit großen Summen subventioniert. Käufer müssen keine Mehrwertsteuer und keine Anmeldungsteuer zahlen, dadurch sind die Elektromodelle oft günstiger als jene mit Verbrennungsmotor. Hinzu kommen viele Privilegien im Straßenverkehr, von Maut-Befreiung bis zum kostenlosen Parken.

          Heute ist fast jedes fünfte in Norwegen verkaufte Auto ein Elektroauto; 100.000 fahren inzwischen auf Norwegens Straßen – in einem Land mit nur 5 Millionen Einwohnern. Und während in Deutschland die Industrie den Kopf schüttelt über den jüngsten Beschluss der Grünen, von 2030 an nur noch Autos ohne Verbrennungsmotor neu zuzulassen, hat Norwegen auch beim Zeithorizont ehrgeizigere Ziele: Die Norweger sollen dazu gebracht werden, von 2025 an nur noch emissionsfreie Fahrzeuge und Hybride zu kaufen – auch ohne, dass Verbrenner verboten würden. Der größte Teil der Autos werde in Norwegen in Zukunft entweder durch Strom oder Wasserstoff angetrieben werden, sagte Solberg. Es werde auch noch Verbrennungsmotoren geben, aber immer weniger und zunehmend auf Basis von Biokraftstoffen.

          Boom der Elektroautos

          „Wir haben keine frühen Antworten“, sagte Solberg, deren konservative Partei Høyre mit der rechtspopulistischen Fortschrittspartei eine Minderheitsregierung bildet, „aber wir arbeiten daran, unsere Emissionsziele zu erreichen – und es wird hauptsächlich der Verkehrssektor sein, der die Reduktionen tragen muss.“ Schwieriger als bei den privaten Autos wird das aus Solbergs Sicht beim Gütertransport. „Die großen Lastwagen können derzeit noch nicht mit Strom fahren.“ Auch deshalb setzt Norwegen weiterhin auf Wasserstoffantriebe, selbst wenn da der Durchbruch noch länger dauern könnte. Immerhin, eine elektrisch betriebene Fähre gibt es schon.

          Zum norwegischen Elektroauto-Erfolg gehört aber auch, dass er teuer erkauft ist. Im vergangenen Jahr summierten sich die Steuerprivilegien auf ein Haushaltsloch von 400 Millionen Euro. Als reiches Land mit großen Öl- und Gasreserven konnte Norwegen sich das lange erlauben. Der niedrige Ölpreis aber macht auch Norwegen zu schaffen – weshalb ein Teil der großzügigen Subventionen wieder abgeschafft werden soll. „Es wird auch in Zukunft notwendig sein, dass Autofahrer Steuern bezahlen für die Nutzung der Infrastruktur“, sagte Solberg. Angesichts der jetzt schon sehr hohen Zahl von Elektroautos werde es deshalb die Steuerausnahmen „nicht für immer“ geben können. Die Fahrer von Elektroautos würden aber auch in Zukunft niedrigere Steuern zahlen, versprach die Ministerpräsidentin. Bis 2020 werde der Großteil der Subventionen ohnehin aufrechterhalten.

          Norwegen setzt auf  Transformation

          Warum ausgerechnet ein an fossilen Energieträgern so reiches Land wie Norwegen so stark auf emissionsfreie Mobilität setzt, erklärt Solberg auch mit den bestehenden Vereinbarungen ihres Landes mit der EU. 40 Prozent weniger Emissionen bis 2030 lautet das Ziel, auf Basis des Ausstoßes von 1990. Norwegen nimmt am europäischen Emissionshandel teil; außerhalb dieses Systems, das die Energiewirtschaft und energieintensive Industrien umfasst, gibt es in Norwegen nur noch zwei Sektoren, die in Sachen Emissionen relevant sind: Agrar und Verkehr. Weil die Verringerung der Emissionen in der Landwirtschaft schwierig ist – auch beim deutschen Klimaschutzplan müssen die Bauern die geringste CO2-Reduktion stemmen – bleibt nur der Verkehr und damit die Konzentration aufs Elektroauto.

          Norwegen setzt aber ohnehin auf Transformation. Ihr Land wolle unabhängiger werden von Öl und Gas, weil es schon jetzt weniger Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder gebe, sagte Solberg. Gerade aber die Erschließung neuer Quellen, mit allem, was daran hängt, fiel für die norwegische Wirtschaft am meisten ins Gewicht – weniger die Produktion aus erschlossenen Vorkommen. Solberg sieht schon erste Erfolge, etwa im Dienstleistungssektor. „Wir sehen auch neue interessante Energieprojekte, Fischfarming-Projekte auf Basis der Offshore-Industrie. Aber es dauert länger, neue Jobs zu kreieren, als alte zu verlieren.“

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