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Autonomes Fahren : Die Mobilität von morgen erreicht die Stadt

In dem Forschungszentrum „BerthaOne“ für autonomes Fahren in Karlsruhe soll nun getestet werden, wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte. Bild: dpa

Es ist ein weiter Weg, bis autonom fahrende Autos über die Straßen rollen. Ein Testort dafür soll nun in Karlsruhe entstehen. Und das ist nicht der einzige.

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          Die Veränderungen werden kaum sichtbar sein, die Karlsruhe in den nächsten Monaten zu einem für Deutschland einzigartigen Versuchslabor für die Mobilität von morgen machen sollen. Innerhalb des nächsten Jahres werden im Osten und Süden Stadt Ampeln und Hinweisschilder mit Sensoren und Netzwerktechnik ausgestattet, die nicht größer ist als ein handelsüblicher W-Lan-Router.

          Mit Kameras und Radarsystemen ausgerüstete Spezialfahrzeuge werden durch die Straßen rollen, um möglichst genaues Kartenmaterial des Gebietes zu erstellen. Schließlich sollen von Ende des nächsten Jahres an die ersten vernetzten Testfahrzeuge über die Straßen der baden-württembergischen Kommune rollen, um zu erforschen, ob und vor allem wie das vernetzte und automatisierte Fahren in einer Stadt funktioniert.

          Möglich macht all das eine Entscheidung, die der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Die Grünen) am vergangenen Donnerstag getroffen hat. Hermann gab einem Konsortium der Städte Karlsruhe und Bruchsal sowie dort sitzender Forschungseinrichtungen den Zuschlag, das landeseigene „Testfeld zum vernetzten und automatisierten Fahren“ aufzubauen.

          Vekehr der Zukunft: effizient, sicher, umweltfreundlich

          2,5 Millionen Euro hat die baden-württembergische Landesregierung dafür bereitgestellt. Rund 4,2 Millionen Euro steuert zusätzlich das Konsortium bei, zu dem neben den beiden Städten das Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie, das Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung und die Hochschule Karlsruhe gehören.

          Sie alle bewegt nach eigenen Angaben ein Ziel: den Verkehr der Zukunft effizienter, sicherer und umweltfreundlicher zu machen, indem Fahrzeuge sich miteinander vernetzen und kommunizieren. „Das automatisierte und vernetzte Fahren wird Verkehrsflüsse verbessern, die Entstehung kritischer Situationen reduzieren, Fahrer und Umwelt entlasten und neue Arbeitsplätze schaffen“, heißt es zum Beispiel in der „Strategie automatisiertes und vernetztes Fahren“, die Bundesverkehrsministerium Alexander Dobrindt (CSU) vorgelegt und die Bundesregierung im September beschlossen hat.

          Der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann hat sich gar auf die Fahnen geschrieben, sein Bundesland zum „Pionierland für nachhaltige Mobilität“ zu machen. Dazu soll auch das automatisierte Fahren beitragen.

          Karlsruhe ist nicht der einzige Testort

          Doch nicht nur der am vorvergangenen Freitag bekanntgewordene tödliche Unfall eines amerikanischen Tesla-Fahrers zeigt, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Der Mann war mit einem Wagen des Elektroautoherstellers mit einem Lastwagen kollidiert, weil der Fahrer auf das eingebaute Fahrerassistenzsystem namens „Autopilot“ vertraut hatte, das aber den quer auf der Straße stehenden Transporter nicht als Hindernis erkannt hatte.

          Auch um solche Unglücke im besten Falle erst gar nicht geschehen zu lassen, wird das Karlsruher Testfeld nun aufgebaut. Nutzen sollen es zum einen Forschungseinrichtungen, die konkreten Fragen rund um das vernetzte Fahren nachgehen, sagt ein Sprecher des Karlsruher Instituts für Technik (KIT). „Bilderkennung in einer Tempo-30-Zone während der Dämmerung“ wäre solch ein mögliches Forschungsfeld. Dazu können aber auch Autohersteller das Testfeld nutzen, um ihre autonom agierenden Systeme weiterzuentwickeln und besser zu machen.

          Um das zu erreichen, bietet die geplante Testumgebung in der baden-württembergischen Stadt ein hohes Maß an Komplexität. Die ausgewählten Karlsruher Stadtviertel umfassen Spielstraßen genauso wie Tempo-30-Zonen oder mehrspurige Ausfallstraßen.

          Die Strecken führen durch Wohngebiete mit Fußgängerampeln und Zebrastreifen. Dazu kommen Landstraßen sowie Autobahnabschnitte auf der A5 nach Bruchsal und der A8 nach Karlsbad. Fußgänger, Radfahrer, Busse, Straßenbahnen und gewöhnliche Autos sollen ausdrücklich in die Tests einbezogen werden. Für die Sicherheit aller sei gesorgt, sagt der KIT-Sprecher. In den vernetzten Autos werde immer ein Mensch sitzen, der im Notfall eingreifen könne.

          Das Karlsruher Testfeld ist nicht der einzige Ort in Deutschland, an dem Unternehmen und Forschungseinrichtungen gerade an der Zukunft der Mobilität forschen. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums ist schon im vergangenen September ein Teilstück der Autobahn A9 zwischen München und Nürnberg als „digitales Testfeld Autobahn“ ausgezeichnet worden.

          Rund um den neun Kilometer langen Autobahnabschnitt installieren gerade Netzwerkausrüster wie Nokia und Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom ein besonders schnelles Mobilfunknetz, das überhaupt erst die Grundlage für das autonome Fahren bei hoher Geschwindigkeit schafft.

          Wie das Pendant in Karlsruhe soll das Autobahn-Testfeld im nächsten Jahr seinen Vollbetrieb aufnehmen und genauso wie in der baden-württembergischen Stadt für alle Interessierten aus Automobilindustrie, Digitalwirtschaft und Wissenschaft offenstehen.

          Verkehrsministerium blickt auf Tesla

          Der Ärger mit den autonomen Fahrzeugen des Herstellers Tesla nimmt kein Ende. Nachdem ein Fahrer tödlich verunglückt war, weil das Assistenzsystem einen Lastwagen auf einer Kreuzung übersehen hatte, war der Aufschrei groß. Die einen sagten, Teslas Autofahrer würden als Testfahrer missbraucht, andere entgegnen, dass Unfälle durch menschliches Versagen häufiger passieren. Nun trifft der Hersteller auf größere Aufmerksamkeit - auch hierzulande. Laut einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ geht das Bundesverkehrsministerium Hinweisen nach, dass Softwareaktualisierungen für das Fahrerassistenzsystem möglicherweise illegal waren. Demnach könnten Funktionen aufgespielt worden sein, die im Rahmen der Typgenehmigung nicht auf ihre Sicherheit überprüft worden sind. Es soll sich dem Bericht zufolge um ein System handeln, das Überholvorgänge regelt. Wenn sich der Verdacht bestätigen sollte, könnte schlimmstensfalls die Typgenehmigung für das Model S erlöschen. Das Verkehrsministerium trat aber dem Eindruck entgegen, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sei. Es gebe „eine normale Sachstandsgewinnung, die innerhalb von Kraftfahrt-Bundesamt und Ministerium läuft“, sagte ein Sprecher. Zuständig für die Typgenehmigung wären im Falle des Falles niederländische Behörden, Tesla hatte die Genehmigung dort erhalten. Das Unternehmen war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

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