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Kommentar : Das autonome Auto

  • -Aktualisiert am

Welche Auswirkungen wird die Automatisierung von Autos auf Grundfreiheiten und Privatsphäre der Fahrer haben? Darüber muss jetzt diskutiert werden. Bild: Bosch

Die Autoindustrie investiert Milliarden in das automatisierte Fahren. Es verspricht weniger Unfälle und weniger Staus. Doch diese Utopie könnte auch zur Dystopie werden.

          Es kostet Überwindung, sich in ein Testfahrzeug zu setzen, mit dem Autohersteller den Stand des automatisierten Fahrens demonstrieren. Wenn der Testfahrer auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometern in der Stunde die Hände vom Lenkrad nimmt, wenn er das Auto anweist, zu überholen oder die nächste Ausfahrt zu nehmen, wenn sich das Lenkrad dann von allein dreht, das Auto beschleunigt, überholt, bremst, dann spürt der Beifahrer einen Zwiespalt. Sein Kopf sagt, dass er gerade sein Leben einem Computer und einer Technik im Entwicklungsstadium anvertraut und womöglich aufs Spiel setzt. Zugleich ist er fasziniert, was technisch schon möglich ist.

          Wohlgemerkt, es sind Testfahrzeuge, mit denen die Vertreter der Branche unterwegs sind. Die Fahrer sind in Deutschland speziell ausgebildet und mussten eine Prüfung ablegen. Die teils selbstfahrenden Demonstrationswagen sind noch weit von einer Serienreife entfernt. Ihr Kofferraum steckt voller Messgeräte, die für automatisierte Fahrfunktionen notwendigen Sensoren an der Windschutzscheibe oder auf dem Dach sind Marke Eigenbau. Offen ist, wann sie die höchste Stufe des automatisierten Fahrens erreichen, in der das Fahrzeug ganz ohne den Menschen auskommt. Dennoch sind die Testfahrten mehr als Spielerei.

          Bis zu 18 Milliarden Euro will die deutsche Autobranche nach eigenen Angaben in den nächsten drei, vier Jahren in die Digitalisierung investieren. Der Großteil wird in das automatisierte Fahren fließen. Der gutverdienende Autohersteller Daimler müsste zwei Jahre lang seinen zuletzt erwirtschafteten Gewinn zurücklegen, um diese Summe aufzubringen.

          Aussicht auf Vermeidung von Unfällen treibt Befürworter an

          Es stellt sich die Frage, wofür die Branche diesen Aufwand betreibt. Die Befürworter der Technik führen an, dass sie zwei Visionen antreiben. Wenn der Mensch lenkt, der Autocomputer aber mitdenkt und in brenzligen Situationen eingreift, soll es weniger Unfälle geben und weniger Verkehrstote. 90 Prozent aller Unfälle seien zurzeit auf menschliches Versagen zurückzuführen, heißt es. Möglichst vermieden werden sollen auch die in vielen Städten auf der Welt sichtbaren Konsequenzen eines Gesellschaftsmodells, das auf dem Individualverkehr fußt und im Stau endet.

          Miteinander vernetzte Autos wissen stets, wo sie sind und wo das nächste Nadelöhr entstehen könnte. Die Hoffnung ist: Wenn sie dieses Wissen mit dem Menschen hinter dem Steuer teilen, entstehen weniger Staus, und es gelangen weniger Abgase in die Luft, weil der Verkehr zügiger fließt. Der vorausschauende Autofahrer ist ein von Fahrlehrern vielzitiertes, doch so gut wie nie erreichtes Idealbild. Ein Auto, das mit anderen Autos und seiner Umwelt kommuniziert, fährt vorausschauender, als ein Mensch es könnte.

          Es wäre naiv zu denken, dass allein die übergeordneten Ziele Unfallvermeidung und Verkehrsverflüssigung die Autohersteller und ihre Zulieferer antreiben, das Autofahren weiter zu automatisieren. Der Branche geht es auch darum, ihr Produkt zu verfeinern, um damit bei Käufern neue Bedürfnisse zu erschaffen, die sich dann vielleicht in einer höheren Zahlungsbereitschaft und Nachfrage niederschlagen. Auch deshalb verweisen Autohersteller darauf, wo die Automatisierung hinführen soll: zu einem Zustand, in dem der Pendler sich morgens im Stadtverkehr mit anderen Dingen beschäftigen kann, weil das Auto dann von allein zur Arbeit fährt.

          Allerdings wird diese Utopie für die Masse der Autofahrer frühestens im übernächsten Jahrzehnt Wirklichkeit werden. Wie viele Innovationen im Auto werden auch automatisierte Fahrfunktionen zuerst in Oberklassewagen eingebaut werden und sich dann erst überall ausbreiten. Das wird dauern, weil die Autos von heute lange noch den Großteil des Fahrzeugbestands von morgen bilden werden.

          Viele offene Fragen müssen noch geklärt werden

          Trotzdem gilt es nun, die vielen noch offenen Fragen der Auto-Automatisierung zu klären. Wem gehören die Daten, die automatisiert fahrende Autos sammeln: den Herstellern oder den Käufern? Wie reagiert das Auto in Unfallsituationen, wenn es sich zwischen zwei Dilemmata entscheiden muss: Soll es den Insassen schützen oder den Unfallgegner? Wer bezahlt den Schaden, den autonom fahrende Autos verursachen: die Versicherung des Fahrzeughalters oder die des Herstellers? Wie sicher sind die Systeme gegen Angriffe von Hackern? Und wird und soll es in der Tat dazu kommen, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich anmerkte, dass in 20 Jahren nur noch Menschen mit Sondererlaubnis Autos fahren dürfen?

          Das verkehrt die Utopie einer womöglich unfallfreien Welt schnell in eine Dystopie, in der Kontrolle und Sicherheit über Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit stehen. Über die Auswirkungen der Automatisierung auf Grundfreiheiten und Privatsphäre der Bürger muss jetzt diskutiert werden. Denn die Bemühungen der Branche werden Schritt für Schritt in weitere Fahrfunktionen münden. Sosehr die Auto-Autonomie auch helfen kann, Menschenleben zu bewahren, so deutlich muss die Gesellschaft abwägen, was sie bereit ist, dafür aufzugeben.

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