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Kommentar : Wir fahr’n heut fort mit dem Omnibus

Bild: dpa

Die kleinen Busunternehmen geben auf. Die großen schließen sich zusammen. Und bringen die Bahn auf Trab.

          Die beiden größten Fernbus-Unternehmen in Deutschland haben in der vergangenen Woche ihren Zusammenschluss bekanntgegeben: Mein-Fernbus, die Nummer eins mit Sitz in Berlin, und Flixbus, die Nummer zwei, die in München beheimatet ist. Zusammen kommen beide auf einen Marktanteil von immerhin mehr als 60 Prozent. Schließlich haben sich viele der kleineren Busunternehmen in den vergangenen Monaten aus dem heißumkämpften Markt zurückgezogen oder mussten sogar Insolvenz anmelden.

          Für Menschen, die gern billig verreisen, klingt das nicht gut. Kaum gibt es die Fernbusse als Konkurrenz für die Bahn, da scheint sich schon wieder ein neues Monopol herauszubilden. Wird der neue große Anbieter seine Marktmacht ausnützen, um schleunigst die Preise anzuheben? Das Bundeskartellamt sieht keinen Grund einzugreifen. Beide Unternehmen sind trotz des Fernbus-Booms zu klein, als dass sie auch nur die Umsatzschwelle überschreiten würden, von der an man eine Fusion beim Bundeskartellamt anmelden muss. Zudem wird damit gerechnet, dass ausländische Busgesellschaften künftig noch stärker auf den deutschen Markt drängen werden - und für den großen deutschen Fernbus-Anbieter deshalb keineswegs eine allzu gemütliche Zeit bevorsteht.

          Nach allem, was man hört, müssen die Fahrgäste der Busse sich allerdings auf weniger befahrenen Linien auf höhere Preise einstellen. Da, wo sich bislang nur diese beiden Bus-Gesellschaften einen Preiskampf geliefert haben, dürfte es teurer werden. Auf den wichtigen Strecken zwischen den großen Städten wird man das hingegen weniger merken: Dort gibt es zum einen weiter Konkurrenz unter den Busunternehmen. Vor allem aber fährt dort die Bahn, und die Busse müssen erheblich billiger sein, um überhaupt eine Chance zu haben.

          Die Bahn ist nicht unbedingt umweltfreundlicher

          Ohnehin ist die eigentliche Konkurrenz des Fernbusses ja die Bahn - und das Auto. Auch da wird es spannend. Lange Zeit waren Fernbusse im Linienverkehr (von wenigen Ausnahmen abgesehen) in Deutschland schließlich verboten, weil man der Bahn nicht zu viel Konkurrenz machen wollte. Es war das politische Bestreben, aus Umweltgründen Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern - und nicht umgekehrt.

          Jetzt nehmen die Busse der Bahn einen Teil der Fahrgäste ab. Etwa 40 Prozent der Leute, die mit dem Fernbus fahren, waren vorher Bahnkunden. Es gibt also genau jenen Effekt, den man früher vermeiden wollte. Sparen die Leute, die Fernbusse benutzen, also mit ihrer Schnäppchenmentalität auf Kosten der Umwelt?

          So einfach ist es nicht. Eine Studie des alternativen „Verkehrsclubs Deutschland“ zeigt, dass die Ökobilanz zwischen Bus und Bahn nicht so eindeutig ist. Ein schwach besetzter ICE-Zug, der mit höherer Geschwindigkeit durch die Lande düst, verbraucht auch sehr viel Energie. Ein voll besetzter Fernbus kann da manchmal die umweltfreundlichere Alternative sein.

          Außerdem kann der Bus Strecken bedienen, auf denen die Bahn gar nicht fährt. Zwar mahnen Bahnfreunde zu Recht, dass der Wettbewerb zwischen Schiene und Straße aus vielerlei Gründen ungerecht sei, weil etwa die Bahn Gebühren für die Benutzung der Schienentrassen zahlen muss, der Bus auf der Straße nicht. Insgesamt aber sind sich die meisten Experten einig, dass es durchaus umweltfreundlich ist, wenn Bus und Bahn gemeinsam helfen, den Individualverkehr zu reduzieren.

          Gar nicht zu reden von den positiven Effekten, die bei der Bahn selbst zu beobachten sind. Beispiel W-Lan: Lange tat die Bahn sich sehr schwer damit, in ihren Zügen schnelles Internet anzubieten. Das wurde schlagartig anders, als die Busse aufkamen und damit warben, man könne während der Fahrt im Internet surfen. Selbst bei den Preisen merkt man es. Zwar hat die Bahn angekündigt, nicht in einen Preiswettbewerb treten zu wollen. Aber sie reagiert doch. So liegt es an den Bussen, dass die Bahn voriges Jahr auf eine Preiserhöhung verzichtet hat. Und auf den Bus-Seiten im Internet bietet die Bahn spezielle Sparangebote an. Das alles zeigt: Für Bahnfahrer kann es nur gut sein, wenn die Bahn einen stärkeren Bus-Konkurrenten bekommt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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