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Zukunft des Autos : Ferngesteuert

  • -Aktualisiert am

Mit Radarsensoren und einem Videokamerasystem ausgerüstet steuert sich dieses Auto selbst Bild: dpa

Einsteigen, zurücklehnen, ankommen - in den kommenden zehn Jahren wird pilotiertes Fahren Wirklichkeit. Aber die Pläne der Autoindustrie gehen noch viel weiter.

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          Auch wer sich nicht für Autorennen interessiert, sollte am Sonntag mal hinschauen. Um 12.45 Uhr wird im Vorprogramm zur Deutschen Tourenwagen Masters auf dem Hockenheimring ein Audi seine Runden drehen. Im Renntempo. Ohne Fahrer, allein vom Computer gesteuert. Die Ingolstädter wollen unter Beweis stellen, was Technik kann. Und, je nach Sichtweise, worauf sich die Menschheit freuen darf oder was sie fürchten muss. Audi ist natürlich nicht allein.

          Dass Autos ohne Fahrer auskommen, und zwar nicht nur auf abgesperrten und digital genau vermessenen Kursen, hatte schon im vergangenen August Mercedes-Benz mit einer Fahrt von Pforzheim nach Mannheim im gewöhnlichen Verkehr bewiesen. Mittlerweile besitzt Mercedes eine Lizenz in Kalifornien und erprobt dort auf öffentlichen Straßen selbständig fahrende Fahrzeuge. Die Technik dazu schrumpft von der Größe eines Aktenschranks auf die einer Aktentasche. Die Folge: Noch in diesem Jahrzehnt wird pilotiertes Fahren bis 60 km/h für jedermann Wirklichkeit werden.

          Auto ohne smart: schon 17 Gigabyte Daten am Tag

          Was effektvoll ins Bild gesetzt wird, ist natürlich nur eine Chiffre, eine Chiffre für das Netz, das sich immer enger um das Auto und den Automobilisten zieht. Den Fahrzeugherstellern zufolge wünscht sich jeder zweite Kunde, dass sein nächstes Auto vernetzt ist. Bei jenen unter 30 Jahren sollen es mehr als 80 Prozent sein. Für die Informationstechniker ist das eine nicht eben triviale Herausforderung. Schon heute, ohne smarte Vollvernetzung, generiert ein Auto 17 Gigabyte Daten am Tag. Allein durch elektrische Fensterheber und Ähnliches. Das Volumen wird um ein Vielfaches zunehmen und muss gegen Attacken von außen sicher abgeschirmt werden. Aber der Zug der Zeit ist nicht aufzuhalten.

          In erster Linie werden Sicherheits- und Komfortargumente angeführt. Weniger Unfälle, flüssigerer Verkehr, nervenschonendere Fortbewegung, ständig online sind die Pluspunkte. Superschnelle Datenübertragung, Automotive W-Lan, Big Data und Schwarmintelligenz die Mittel, mit denen die schöne neue Welt Wirklichkeit werden soll. Auf der Autobahn stockt der Verkehr? Der Fahrer drückt einen Knopf, das Auto fährt selbst. Das Lenkrad zieht sich ins Armaturenbrett zurück. Die Mittelkonsole surrt zum Tisch zusammen, der Kaffeeautomat serviert Espresso, während der Sitz die Rückenmuskulatur massiert.

          Die Zukunft im Auto ist Voll vernetzt und in 3D

          Es hat über Nacht geschneit? Das Auto weiß das, alarmiert den am Bett stehenden Wecker, der daraufhin zehn Minuten früher klingelt. Derweil ist das Fahrzeug heimelig warm und mit Yves Saint Laurent beduftet, die Scheiben sind eisfrei. Natürlich weiß der Wagen, dass auf der B 455 ein Unfall passiert ist, weshalb das Navi die Umleitung anzeigt und die auf der Strecke liegenden Ampeln informiert, dass mehr Verkehr auf sie zukommt, weshalb selbige ihre Steuerzeiten ändern.

          Auf dem Weg liest der Computer Mails vor, die Antworten gelingen per Sprache. Der Fahrer ist trotzdem abgelenkt und hört den herannahenden Krankenwagen nicht? Kein Problem, das Auto merkt das, spielt über die Radioboxen ein Martinshorn ein, und auf der Instrumententafel leuchtet Blaulicht auf mitsamt Hinweis „von hinten“.

          Phantasie? Volvo kann so etwas schon. Man benötigt dafür neben der Datenübertragung programmierbare Instrumente, was sich gut trifft, denn die kommen sowieso in Mode. Zeiger für Geschwindigkeit und Drehzahl? Hoffnungslos von gestern. Die Instrumente werden künftig künstlich animiert und auf immer größeren Bildschirmen eingespielt, wahrscheinlich bald sogar dreidimensional in Windschutz- und auch Seitenscheiben. Sie werden Fotos von den lieben Kleinen zeigen oder das nächste Restaurant.

          Von unterwegs das Haus steuern

          Weil das Auto die Vorlieben seines Fahrers erlernt, filtert es das Gourmetangebot vor: Tandoori vom Inder nein, Sushi vom Japaner ja. Parken? Übernimmt der Computer, der Befehl wird per Smartphone erteilt, schon fährt das Auto ins Parkhaus und stellt sich dort selbsttätig ab.

          Wer sich vor Ort nicht auskennt, dem weist die Google-Brille die letzten Meter zu Fuß. Die weiß vom Navi, wohin der Weg führen soll. So wie auf der Rückfahrt das Haus vom Auto weiß, wann der Fahrer ankommt, ob er allein unterwegs ist oder mit Familie, und Beleuchtung, Musik, Fernsehen anstellt oder Badewasser einlässt.

          Wer soll Herr über all die Daten sein?

          Die Entwickler wollen Auto-Erlebniswelten schaffen, die vom Zweijährigen bis zum Zweiundneunzigjährigen verstanden werden und die Jugend fesseln. So wie Apple oder Google. Schon entsteht das vielleicht ernsthafteste Problem. Die Fernsteuerung funktioniert nur, wenn alle Daten in der Cloud gespeichert werden. Wenn Systeme im Auto von außen updatefähig sind. Wenn Fahrzeuge und Infrastruktur untereinander kommunizieren.

          Wer aber ist Herr über die Daten? Apple, Google, Facebook und Amazon oder Audi, BMW, Mercedes-Benz und Porsche? Die Autohersteller beeilen sich zu versichern, ihre Kundschaft dürfe die Dienste nicht mit Daten bezahlen. Das dürfe nicht das Geschäftsmodell werden. Aha. Der Autor dieser Zeilen hat kürzlich ein Automodell konfiguriert. Seither erscheinen auf dem Bildschirm Angebote über dieses Fahrzeug von Anbietern, die bestimmt nur sein Bestes wollen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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