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Straßenverkehr der Zukunft : Im Wagen vor mir fährt – ein vernetzter Computer

Im Wagen vor ihm fährt - vielleicht ein schönes Mädchen: Aber bevor es gefährlich wird, warnt der Computer vor zu wenig Abstand. Bild: dpa

Auf der A9 in Bayern wird der vernetzte Verkehr erprobt. Der Test ist einer von vielen kleinen Schritten hin zu einem großen Ziel.

          Die Befehle sind eindeutig, die der Fahrer des VW am Montagnachmittag auf der Autobahn 9 von seinem Auto erhält. Gerade will er mit seinem Wagen unweit der Ausfahrt Pfaffenhofen zu einem Überholvorgang ansetzen, da erscheint auf Englisch die erste Warnung: „Auf der Spur bleiben“ steht gelb unterlegt auf einem Tabletbildschirm im Cockpit. Kurz danach folgt auf signalrotem Hintergrund: „Langsam fahren.“ Der Fahrer bremst und lässt das Überholen bleiben. Die farbigen Verkehrswarnungen kommen an diesem Tag nicht zufällig über das mobile Internet in genau diesem Auto an.

          Das Fahrzeug ist einer von zwei Testwagen, die auf dem „Digitalen Testfeld Autobahn“ unterwegs sind. Anfang September hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den etwa neun Kilometer langen Autobahnabschnitt zwischen Ingolstadt und München zur Feldforschung in Sachen Fahrzeugvernetzung umgewidmet. Er solle ein Angebot an Industrie und Forschung sein, um vernetzten Verkehr und automatisiertes Fahren voranzubringen. So steht es in der „Innovations-Charta“, die Dobrindt zusammen mit Vertretern des Freistaats Bayern, des Verbands der Automobilindustrie sowie des IT-Verbands Bitkom unterzeichnete.

          Am Montag präsentierte Dobrindt nun einen ersten Anwendungsfall des vernetzten Verkehrs. „Wir sind in Deutschland bisher mit der automobilen Zukunft im Labor unterwegs“, sagte der Verkehrsminister. „Das Ziel des Testfelds ist es, auf die Straße zu kommen.“ Und zwar auf die „German Autobahn“, wie Dobrindt es nennt. Sie sei einzigartig in der Welt – und so sei es auch mit dem ersten Test auf der A9. Im Versuch sollen hier Autos so miteinander vernetzt werden, dass sie besser auf die jeweils aktuelle Verkehrslage reagieren können.

          Das Schlagwort lautet dabei Echtzeit: Es braucht schnelle Netze, damit die Autos auch bei hohen Geschwindigkeiten den Fahrer unterstützen und ihn zum Beispiel warnen können, falls ein Überholvorgang doch zu gefährlich ist. Am schnellen Netz setzt auch der Versuch an: Mehrere Unternehmen und eine Forschungseinrichtung haben drei Mobilfunkmasten an der Autobahn umgerüstet, um das Netz in diesem Abschnitt schneller zu machen. Um das zu erreichen, stecken in den drei Masten nun Computer in der Größe einer Aktentasche, auf denen eigene Programme oder Anwendungen laufen können. So verkürzen sich die Übertragungswege, auf denen Verkehrsdaten laufen.

          Übertragungszeit verringert

          In heutigen Netzen senden Fahrzeuge Daten über das Mobilfunknetz zu fernen Großrechnern – und von dort kommen sie nach einer Analyse wieder zurück. Nun verringert sich die Übertragungszeit: Sie soll von derzeit 100 Millisekunden auf weniger als 20 Millisekunden senken. Weil es sich um eine Kooperation verschiedener Unternehmen handelt, ist Verkehrsminister Dobrindt nicht allein an die A9 gereist. Mit ihm auf der Bühne in einem Landgasthof nahe der Autobahn steht Timotheus Höttges, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom.

          Dabei sind aber auch Kathrin Buvac, der Strategievorstand des Netzwerkausrüsters Nokia, sowie Ralf Lenninger, der sich beim Automobilzulieferer Continental um die Weiterentwicklung des Fahrzeuginnenraums kümmert. Ebenfalls anwesend ist Rudi Knorr, der das Fraunhofer Institut für Eingebettete Systeme und Kommunikation leitet, das als Forschungseinrichtung ebenfalls am Test beteiligt ist.

          Sie alle sehen sich als Vertreter eines branchenübergreifenden Schulterschlusses, um vor allem dem amerikanischen Wettbewerb beim Thema Mobilität der Zukunft etwas entgegenzusetzen. Dass die Konkurrenz aus Übersee groß ist, macht Dobrindt deutlich, als er erzählt, dass er erst vor einigen Tagen in einem Auto sitzen konnte, das der amerikanische Suchmaschinenkonzern Google mit vernetzter Technik ausgerüstet hat.

          „Wettbewerb ist hart“

          „Dieser Wettbewerb ist hart“, sagt Dobrindt. „Und er wird enorm darüber entscheiden, ob wir in Deutschland ein Wachstumsland bleiben oder Stagnationsland werden.“ Der Telekom-Vorstand Höttges zeigte sich mit Blick auf die Konkurrenz jenseits des Atlantiks ebenfalls „froh, dass wir die politische Möglichkeit haben, solch ein Projekt auszuprobieren“. Wie viel Geld die Unternehmen dafür in die Hand genommen haben, ließ er offen, weil es sich um Forschungs- und Entwicklungsausgaben handele. Es sei aber eine Millioneninvestition. Zudem sei es zu früh, zu sagen, wie viel es kosten würde, alle deutschen Autobahnen mit der schnellen Netztechnik auszurüsten.

          Wichtiger war Höttges, dass überhaupt etwas passiert. „Im Silicon Valley werden auch erst einmal die Idee und ein Problem definiert, und dann wird mit unterschiedlichen Techniken versucht, dieses Problem zu lösen“, sagte er. Daher habe die Deutsche Telekom noch nicht darüber nachgedacht, wie mit Angeboten wie diesem irgendwann Geld zu verdienen sei. Erst einmal drehe sich nun alles um die technische Machbarkeit. „Es ist endlich ein Forschungsprojekt, das ,made in Germany‘ ganz nach vorne bringt bei der digitalen Entwicklung“, sagte Höttges.

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