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Abenteurer Bertrand Piccard : Drei Stunden Schlaf sind genug

Mit dem Ballon hat Bertrand Piccard die Erde schon einmal umrundet Bild: /laif

Der Abenteurer Bertrand Piccard bricht am 9. März auf, um mit einem Solarflugzeug die Erde zu umrunden. Im Interview spricht er über das, was ihn antreibt, wie man mit wenig Schlaf leistungsfähig bleibt und wovor er Angst hat.

          Monsieur Piccard, Sie sind Abenteurer. Was treibt Sie an?

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Ich will Dinge machen, die aufregend und interessant sind, aber zugleich auch einen Nutzen für die Menschen haben.

          Sie sind mit einem Ballon nonstop um die Erde gefahren. Wo war da der Nutzen für die Menschheit?

          Mit dieser Ballonfahrt habe ich mir einen persönlichen Lebenstraum erfüllt. Als wir starteten, hatten wir 3700 Kilo flüssiges Propangas an Bord. Und die ganze Fahrt über hatte ich Angst, uns könnte das Gas ausgehen. Als wir im Ziel landeten, blieben uns noch 40 Kilo. Das war knapp. In diesem Moment habe ich mir geschworen: Wenn ich das nächste Mal um die Erde fliege, dann ohne Treibstoff.

          Das soll nun mit der „Solar Impulse 2“ gelingen. Was ist das Schwierigste auf diesem 40.000 Kilometer langen Flug?

          Das Flugzeug hat die Spannweite einer Boeing 747 und wiegt so viel wie ein Auto. Dadurch ist es extrem windanfällig. Aber wir mussten ja das Gewicht so klein wie möglich halten und zugleich 17.000 Solarzellen unterbringen.

          Wie lange kann das Flugzeug damit fliegen?

          Theoretisch könnte es für immer in der Luft bleiben. Tagsüber steigen wir bis auf eine Höhe von 8500 Metern. In dieser Zeit laden wir über das Sonnenlicht die Batterien auf, die uns beim Sinkflug in der Nacht mit der nötigen Energie versorgen, um nicht abzustürzen. Der Engpass ist der Mensch.

          Wie meinen Sie das?

          Um Gewicht und Energie zu sparen, gibt es nur Platz für einen Piloten. Mein Partner André Borschberg und ich wechseln uns am Steuer nach jeder Etappe ab. Aber die „Solar Impulse“ schafft nur 50 bis 100 Kilometer in der Stunde. Daher benötigen wir für die Teilstrecken über den Pazifik und den Atlantik jeweils fünf Tage und fünf Nächte. Wenn Sie allein so lange fliegen, müssen Sie zwischendurch schlafen, sonst beginnen Sie zu halluzinieren. Wir haben trainiert, immer nur 20 Minuten am Stück zu schlafen. Das machen wir dann rund zehnmal innerhalb von 24 Stunden.

          Ist das dann richtiger Schlaf?

          Manchmal ja. Manchmal schläft nur der Körper, während der Geist noch wach genug ist, um alle Funktionen im Cockpit zu überwachen. Dann öffne ich alle fünf Minuten kurz die Augen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Das geht nur mit Hypnose.

          In Summe schlafen Sie mit dieser Technik rund drei Stunden am Tag. Das reicht doch nicht.

          „Ich verlasse gerne die Komfortzone“: Abenteurer Bertrand Piccard

          Doch. Wenn man sich außerhalb seiner Komfortzone bewegt, ist man viel leistungsfähiger. Darin steckt übrigens für mich die Magie des Abenteuers: die Komfortzone zu verlassen und zu entdecken, dass man viel mehr schaffen kann, als man dachte.

          Was passiert, wenn Sie mitten über dem Pazifik irgendein unlösbares Problem bekommen, eines, das Sie am Weiterflug hindert?

          Dann springe ich mit dem Fallschirm ab und klettere in eine aufblasbare Rettungsinsel. Das haben wir in einem Trainingszentrum für Marinepiloten in Nordholz an der Nordsee geübt. Dort haben sie uns mit all unserer Ausrüstung ins Wasser plumpsen lassen. Wir wissen jetzt, was zu tun ist, wenn sich die Rettungsinsel im stürmischen Wasser auf den Kopf dreht.

          Wird es Momente der Angst geben, oder können Sie dieses Gefühl ausschalten?

          Es wird Momente der Angst geben. Das ist aber kein Problem. Ich muss nur vermeiden, dass daraus Panik wird. Denn das wäre wirklich schlecht. Mit einer gewissen Angst im Nacken steigt auch die Aufmerksamkeit.

          Wovor haben Sie die meiste Angst?

          Mit dem Fallschirm im Wasser zu landen und zu erkennen, dass ich die Rettungsinsel verloren habe.

          Und solange Sie noch in der Luft sind? Was fürchten Sie da oben allein im Cockpit am meisten?

          Blitz, Gewitter und Sturm. Das hält das Flugzeug nicht aus. Daher haben wir 40 Leute in unserem Flugkontrollzentrum in Monaco. Von dort bekomme ich über Satellit eine Route, die mich hoffentlich an allen Stürmen vorbeiführt.

          Wenn Sie Umwege fliegen müssen, sind sie ja noch länger unterwegs.

          Ja, das stimmt. Vielleicht bin ich auch sieben Tage und Nächte ununterbrochen in der Luft. Das Gute ist: Tanken muss ich ja nicht.

          Das Flugzeug hat keine Druckkabine und keine Heizung. Wie groß sind die Temperaturunterschiede im Cockpit?

          Je nach Tageszeit geht es von minus 20 bis plus 40 Grad. Wir müssen uns körperlich fit halten mit speziellen Yoga-Techniken. Dazu können wir den Sitz flach legen, um Übungen zu machen.

          Was gibt es zu essen?

          Nestlé hat spezielle Mahlzeiten für uns vorbereitet. Das Essen ist sterilisiert, so dass es trotz der Temperaturschwankungen nicht schlecht wird, und kann über ein chemisches Pulver in der Packung erhitzt werden. Wir bekommen also etwas Warmes in den Magen. Ansonsten lassen sich nur die Handschuhe und die Schuhe beheizen, sonst nichts.

          Und wenn es in der Hose drückt?

          Unter einem Deckel in der Sitzfläche ist eine Toilette. Wenn ich diese während der Flugphasen in eiskalter Luft nutzen muss, ist das nicht so einfach. Dann muss ich zunächst fünf Schichten an Daunenkleidung ablegen.

          Das klingt nach einer Tortur. Warum tun Sie sich das an?

          Ich will zeigen, dass man unglaubliche Dinge schaffen kann, allein mit der Kraft der Sonne. Der Schutz der Umwelt ist langweilig und teuer. Unser Solarflug ist aufregend - und weckt das Interesse für saubere Energien selbst bei Menschen, die damit bisher nichts am Hut haben.

          Gibt es auch einen ganz konkreten Nutzen?

          Noch sind sie am Boden: Abenteurer Betrand Piccard und sein Flugzeug „Solar Impulse“

          Die „Solar Impulse“ ist ein fliegendes Zukunftslabor. Wir nutzen die effizientesten Elektromotoren der Welt. Diese können 97 Prozent der elektrischen Energie in die Bewegung der Propeller umsetzen. Wir verwenden die dünnsten Solarzellen, die besten Batterien, die effizientesten LED-Lampen, das dünnste Isoliermaterial und die leichtesten Baustoffe, die es überhaupt gibt. Dieser innovative Testeinsatz nützt unseren Projektpartnern an anderer Stelle. Die von Bayer entwickelte Isoliertechnik findet sich zum Beispiel schon in besonders energieeffizienten Kühlschränken wieder.

          Ursprünglich wollten Sie mit Ihrem Solarflieger schon 2011 abheben. Warum die Verzögerung?

          Das Unmögliche braucht immer etwas länger. Für dieses Projekt, an dem ich nun seit 13 Jahren arbeite, gibt es kein Vorbild. Wir können nichts und niemanden kopieren. Alles, was wir hier machen, ist neu. Selbst Flugzeughersteller haben uns anfangs gesagt: Es ist unmöglich, ein Fluggerät zu bauen, das nur mit Solarantrieb die Erde umrunden kann. Sie wollten es auch nicht für uns bauen. Am Ende fand sich eine Werft am Genfer See, die auch den High-Tech-Katamaran Alinghi konstruiert hat. Sie war bereit, die wesentlichen Komponenten zu bauen.

          Wegen der Zeitverzögerung ist das Projekt auch viel teurer geworden als geplant.

          Ursprünglich hatten wir die Kosten auf 65 Millionen Franken veranschlagt, jetzt werden es wohl 150 Millionen Franken werden.

          Wie haben Sie so viel Geld zusammenbekommen?

          Anfangs dachte ich, das Geld würde von Flugzeugkonstrukteuren und Konsummarkenherstellern kommen. Doch nichts dergleichen. Es kam von Industrieunternehmen wie ABB, Schindler und Solvay, die mit der Luftfahrt nichts zu tun hatten. Sie setzen darauf, dass sie die mit uns erprobten Innovationen für ihren eigenen technischen Fortschritt nutzen können. Das ist mutig. Denn die Unternehmen gehen mit ihrem Engagement auch ein Risiko ein - das Risiko des Scheiterns.

          Wurde es finanziell für Sie zwischendurch mal eng?

          Ja, im Sommer 2013 drohte uns das Geld auszugehen. Wir standen kurz vor dem Bankrott. Doch dann half uns Google aus der Patsche.

          Wie kam es dazu?

          Die Solar Impulse 2 bei einem Testflug. Dass das Flugzeug überhaupt abheben kann, ist einer Finanzspritze von Google-Gründer Larry Page zu verdanken.

          Ich kenne den Google-Chef Larry Page. Als wir mit einem Prototyp der „Solar Impulse“ in Kalifornien waren, haben wir ihn und seine Familie eingeladen, sich das Flugzeug anzuschauen. Er war begeistert - und gab uns Geld. Wenn an dem Flugzeug jetzt nichts mehr kaputtgeht, müssten wir bis zum Ende des Rundflugs finanziell über die Runden kommen. Dass immer etwas passieren kann, haben wir 2012 erfahren müssen: Da brach der Hauptholm des Flügels unter einem Belastungstest. Wir mussten den Flug um ein Jahr verschieben, um dieses Teil neu zu bauen.

          Ein frustrierender Rückschlag.

          In einem Projekt wie diesem lernt man, einen höheren Level von Sorgen, Angst und Stress zu akzeptieren und zu ertragen. Man braucht sehr starke Nerven und muss zugleich immer offen dafür sein, das Gegenteil dessen zu tun, was eigentlich geplant war. Jeder Rückschlag muss einen dazu anspornen, einfach noch kreativer zu werden.

          Wenn die Erdumkreisung gelingt: Was bedeutet das für die allgemeine Luftfahrt? Kritiker sagen, Solarflugzeuge würden niemals in der Lage sein, Hunderte Menschen bequem durch die Lüfte zu schaukeln.

          Vor 111 Jahren hoben die Gebrüder Wright erstmals mit einem Fluggerät ab. Damals gab es auch viele Kritiker, die sagten: Das hat doch keine Zukunft.

          Sie haben eine Frau und drei Töchter im Alter zwischen 20 und 24. Wie groß ist deren Angst um Sie kurz vor dem Start?

          Ich habe meine Töchter oft mitgenommen, auch zu Testflügen, um ihnen zu zeigen, was ich tue. Sie fühlen sich involviert. Das nimmt ihnen die Angst. Meine Frau ist sowieso die ganze Zeit mit dabei: Sie leitet die Kommunikationsabteilung unseres Unternehmens Solar Impulse SA in Lausanne.

          Was tun Sie, wenn Ihre Solarmission beendet ist?

          Dieser Flug ist Teil einer längeren Reise. Dabei bewege ich mich im gleichen Rahmen wie meine Vorfahren. Mein Großvater Auguste Piccard ist als Erster mit einem Ballon in die Stratosphäre vorgedrungen und hat damit der modernen Luftfahrt den Weg bereitet. In der Höhe ist die Luft dünner, daher verbrauchen Flugzeuge da oben weniger Treibstoff. Mein Vater Jacques Piccard ist bis zum Grund des Marianengrabens getaucht. Als er in 11.000 Meter Tiefe einen Fisch sah, war klar, dass die damals geplante Verklappung von Atommüll im Meer verboten werden musste. Und so kam es dann auch. Das waren Meilensteine des Umweltschutzes. Dieser Tradition fühle ich mich verhaftet. Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende.

          Packt Ihre Töchter auch schon die Abenteuerlust?

          In meiner Familie haben immer alle erst mal mit einem normalen Leben und einem normalen Beruf begonnen. Doch dann schalteten sie um. Mein Großvater war Physiker, mein Vater Ökonom, ich bin Arzt, und meine Kinder studieren Jura, Wirtschaft und Architektur. Mal schauen, wie das mit denen weitergeht.

          Anmerkung der Redaktion: Bertrand Piccard wollte ursprünglich am 1. März aufbrechen. Die Mission wurde jedoch verschoben und beginnt nun erst am 9. März. Dementsprechend haben auch wir das Datum geändert.

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