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Neue Methode der Gentechnik : Wer hat Angst vor diesem Mais?

Versuchsfeld mit Maispflanzen in Amerika. Vielleicht steckt Crispr drin. Bild: Bloomberg

Eine neue Methode der Gentechnik verspricht fette Ernten. Sie ist so raffiniert, dass sich ihr Einsatz später nicht nachweisen lässt. Ist das jetzt gut oder schlecht?

          Wie wird die Welt satt, wenn die Bevölkerung bis zum Jahr 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen wächst? Das ist die Frage aller Fragen, die Politiker und Entwicklungshelfer, Landwirte und Agrarwissenschaftler überall auf dem Planeten umtreibt. Und in gewisser Weise sogar den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Denn dort läuft zurzeit ein Verfahren, dessen Ausgang für unser aller Ernährung Folgen haben wird.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es geht um Crispr. So heißt, abgekürzt, eine neue Methode der Gentechnik. Und die Europarichter müssen nun entscheiden, ob und wie diese neue Technik auf dem Kontinent für die Züchtung von Saatgut eingesetzt werden darf. Vom Urteil der Richter hängt ab, ob in der Zukunft auf den Feldern Pflanzen wachsen dürfen, die mit Crispr beispielsweise resistent gegen Krankheiten und unempfindlich gegen Trockenheit gemacht worden sind. Und ob die Lebensmittel, die daraus hergestellt werden, als „gentechnisch verändert“ gekennzeichnet werden müssen – was sie in weiten Teilen Europas unverkäuflich machen würde, weil Gentechnik auf Äckern und Tellern vielen Europäern Angst macht.

          Der Schlüssel im Kampf gegen Hunger?

          Deshalb sind die Richtlinien für ihren Einsatz in Europa strenger als andernorts auf der Welt. Bisher geht es dabei allerdings in erster Linie um „transgene“ Pflanzen. Das sind Pflanzen, in deren Erbgut im Labor Erbinformationen anderer Organismen eingeschleust wurden. Zum Beispiel Maissorten, die mit Genen eines Bodenbakteriums selbst einen Giftstoff zur Abwehr des Maiszünslers produzieren, der ein besonders übler Schädling ist.

          Crispr – die Abkürzung steht übrigens für „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“ – funktioniert anders. Mit dieser Technik, die vor bald sechs Jahren zum ersten Mal breitenwirksam beschrieben wurde und seither in der Wissenschaft Furore macht, lassen sich einzelne Bestandteile des eigenen Erbguts ausschneiden und gegebenenfalls an anderer Stelle wieder einsetzen – gerade so, wie es in der Natur immer wieder geschieht, wenn eine Zufallsmutation das Erbgut durchrüttelt.

          Crispr-Fan Matthias Berninger, früher Politiker der Grünen

          Das kann, zielgenau angewandt, enorme Wirkung haben: Ist ein bestimmtes Gen als Verursacher von Krankheiten erkannt – weg damit! „Neben der stärkeren Nutzung von pflanzlichen Eiweißen und Produktivitätssteigerungen der Kleinbauern in den armen Ländern ist diese Technik der Schlüssel, um auch in Zukunft die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können“, sagt deshalb Matthias Berninger (47) voraus. Der frühere grüne Staatssekretär im deutschen Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft wechselte 2007 sehr zum Missfallen vieler Parteifreunde zum amerikanischen Lebensmittelkonzern Mars (der außer „Mars“ und anderen Schokoriegeln auch Kaugummi, Pastasaucen und Tierfutter herstellt). Heimlich, still und leise ist er dort bis weit nach oben aufgestiegen und inzwischen Cheflobbyist der Firma, die zu den ganz Großen in der Lebensmittelbranche zählt. Kommt die Rede auf Crispr, lässt Berninger keinen Einwand gelten. „Diese Technik wird mehr Forschern und Firmen als bisher die Möglichkeit geben, in der Pflanzenzucht Fortschritte zu erzielen“, sagt er.

          Tatsächlich gibt es die molekularbiologische Ausstattung für einfache Crispr-Versuche schon für niedrige dreistellige Beträge zu kaufen. „Und solange eine Zuchtmethode nur die eigenen Gene einer Pflanze verwendet, stellt sich mir die Frage: Ist das nicht etwas anderes als die bisherige Gentechnik?“

          „Auch neue Gentechnik ist Gentechnik“

          Als „Gen-Schere“ wird Crispr wegen seiner Eigenschaften auch bezeichnet. Dass damit kein fremdes Erbgut eingeschleust wird, macht die Technik nicht nur für Altgrüne interessant, die zur Industrie übergelaufen sind. Sondern auch für andere Leute, die zur herkömmlichen Gentechnik stets deutlich auf Distanz gehen. So schwärmte Urs Niggli, der Direktor des im Öko-Milieu angesehenen Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in der Schweiz, schon vor anderthalb Jahren in der F.A.S.: „Die Methode hat großes Potential, die konventionelle Landwirtschaft ökologischer zu machen. Deren Probleme sind nämlich die vielen Pestizide und Düngemittel, die stark reduziert werden müssen. Neue Sorten könnten dank Crispr genau das möglich machen.“ Und diese neuen Sorten könnten viel schneller gezüchtet werden als mit herkömmlichen Methoden: Was bislang jahrzehntelanges mühseliges Kreuzen und Rückkreuzen erforderte, lässt sich mit Crispr nach Ansicht der Fachleute in einem Bruchteil der Zeit erreichen. In Amerika jedenfalls soll bis 2020 Crispr-Saatgut für Mais- und Sojapflanzen, Leindotter und Kartoffeln auf den Markt kommen, mit Zustimmung der dortigen Behörden ohne besondere Kennzeichnung.

          Die Grünen im Bundestag wollen davon allerdings nichts wissen. Harald Ebner, agrarpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, wettert: „Auch neue Gentechnik ist Gentechnik; da gibt es kein Vertun.“ Deshalb müsse die Crispr-Technik in der Landwirtschaft und im Lebensmittelhandel genauso streng reguliert und gekennzeichnet werden wie transgene Verfahren.

          Was aber werden die Europarichter entscheiden? Wenn sie sich an das Plädoyer des tschechischen Generalanwalts Michal Bobek halten, dann lassen sie Raum für technischen Fortschritt und machen keine detaillierten Vorschriften für den Umgang mit der neuen Technik. Dann lassen sie das „vage behauptete Risiko eines Risikos“ nicht als Grund für vorsorgliche Verbote gelten – und alles weitere Sache der einzelnen Nationalstaaten sein.

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